[ HIV-Prävention ]
Das Risiko beginnt mit der Geburt
Die Wahrscheinlichkeit einer Mutter-Kind-Übertragung von HIV liegt während Schwangerschaft und Geburt bei bis zu 25 Prozent. Stillt eine HIV-positive Frau ihr Baby, erhöht sich das Risiko auf bis zu 40 Prozent. Jährlich werden etwa 370 000 Kinder neu infiziert, meist im Afrika südlich der Sahara – und über die Mutter. Die Ansteckungsgefahr kann durch entsprechende Maßnahmen deutlich gesenkt werden.
[ Von Stefanie Theuring ]
Besonders tragisch ist, dass die Mutter-Kind-Übertragung oft vermeidbar wäre. In industrialisierten Ländern, wo entsprechende Mittel verfügbar sind, kann bei HIV-positiven Frauen das Übertragungsrisiko auf weniger als zwei Prozent gesenkt werden – durch eine Kombination aus antiretroviralen Medikamenten, selektivem Kaiserschnitt und Muttermilchersatznahrung. Das kann an vielen Orten der Welt nicht als Standard eingeführt werden – Gesundheitssysteme sind oft mangelhaft, finanzielle Mittel nicht vorhanden, entbunden wird vielerorts fern von professioneller Hilfe.
Das heißt aber nicht, dass infizierte Schwangere nicht auch in armen Ländern einer Übertragung an das Kind medikamentös vorbeugen könnten. Am einfachsten und kostengünstigsten ist es, wenn eine Schwangere – entsprechend dem WHO-Mindeststandard – bei Einsetzen der Wehen einmalig Nevirapin einnimmt und auch dem Kind direkt nach der Geburt das Medikament verabreicht wird. Auf diese Weise kann das Risiko der HIV-Übertragung um bis zu 50 Prozent gesenkt werden.
In den letzten zehn Jahren wurden daher zahlreiche Programme entwickelt, um die Mutter-Kind-Übertragung in ressourcenschwachen Regionen zu reduzieren. So gab die Bundesregierung im Jahr 2001 der GTZ den Auftrag, gemeinsam mit nationalen Gesundheitsministerien in Kenia, Tansania und Uganda ein umfassendes Pilotprojekt zur Prevention of Mother-to-Child-Transmission of HIV (PMTCT) zu beginnen. Das Institut für Tropenmedizin der Charité in Berlin wurde damit beauftragt, die wissenschaftliche Kooperation mit den jeweiligen Ländern zu koordinieren. Planung und Durchführung wurden eng mit den nationalen und lokalen Autoritäten abgesprochen und an nationalen und internationalen Richtlinien wie denen der WHO ausgerichtet.
Einbettung in die nationalen
Gesundheitssysteme
Die PMTCT-Maßnahmen wurden in bereits existierende Dienste zur Schwangerschaftsvorsorge (antenatal care) eingebettet. Für die Durchführung sind lokale Mitarbeiter der Gesundheitszentren zuständig. Die nötige Infrastruktur und Fachkompetenz wurden geschaffen. Heute nehmen in den drei Ländern mehr als 140 Gesundheitseinrichtungen an dem Programm teil. Schwangere Frauen werden in den Vorsorgeeinrichtungen nach eingehender Beratung auf HIV getestet, sofern sie sich nicht ausdrücklich dagegen entscheiden. Ist das Ergebnis positiv, wird ihnen eine Einmaldosis Nevirapin zur Mitnahme angeboten, damit sie diese bei Einsetzen der Wehen nehmen können. Zudem werden die Frauen zu Fragen der Gesundheit, Säuglingsernährung und Familienplanung beraten. Zur Geburt oder spätestens 72 Stunden danach sollen sie in die Gesundheitseinrichtung kommen, damit auch das Neugeborene eine Dosis Nevirapin bekommt. Über die Geburt hinaus werden die Frauen weiter betreut und beraten.
Viele Frauen fragten sich allerdings, warum sie sich testen lassen oder ihr Baby vor einer Infektion schützen sollen, wenn für sie selbst die HIV-Diagnose einem Todesurteil gleichkommt. Deshalb wird den Frauen und ihren Angehörigen inzwischen eine langfristige antiretrovirale Therapie (ART) angeboten. Diese Maßnahmen sind in die nationalen ART-Programme integriert.
Besonders wichtig ist die fachliche Aus- und Fortbildung des Personals. Sie bedarf fortlaufender Auffrischung. Maßgeblich ist zudem die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit. Bewusstsein für HIV-Prävention und PMTCT lässt sich durch Theatervorführungen lokaler drama groups wecken, aber auch mit Radio- oder Fernsehübertragungen, Plakaten und anderen Mitteln.
Das PMTCT-Projekt wurde von Anfang an in Kooperation mit den afrikanischen Partnerländern wissenschaftlich begleitet. Ein Forschungsschwerpunkt liegt derzeit auf der Einbeziehung der männlichen Partner in Schwangerschaftsvorsorge- und PMTCT-Dienste. In traditionellen patriarchalischen Gesellschaften haben Frauen oft wenig Entscheidungsautorität in Gesundheitsfragen.
Einen positiven HIV-Status gegenüber dem Partner zu offenbaren bedroht häufig Ehe und Familienzusammenhalt – weshalb viele schwangere Frauen den HIV-Test ablehnen. Allerdings hat sich gezeigt, dass die Bereitschaft von Frauen zur Programmteilnahme steigt, wenn sie gemeinsam mit ihrem Partner professionell über HIV, PMTCT und Behandlungsmöglichkeiten informiert und gemeinsam HIV-getestet werden. Daher sollten Männer in die Prävention der Mutter-Kind-Übertragung von HIV einbezogen werden – zumal viele von ihnen selbst infiziert sind.
Kohärente Strategie
„Aids hat das Gesicht einer Frau“ – dieser vielzitierte Satz gilt vor allem in Subsahara-Afrika, wo mittlerweile 60 Prozent der HIV-Infizierten weiblich sind. Besonders junge Frauen sind betroffen. Drastisch zeigt sich das in Swasiland: 23 Prozent der Frauen zwischen 15 und 24 Jahren sind mit dem Virus infiziert, bei den gleichaltrigen Männern sind es sechs Prozent.
Die hohe Infektionsrate junger Frauen im reproduktiven Alter hat gravierende Folgen: Jährlich werden weltweit etwa zwei Millionen HIV-positive Frauen schwanger, die meisten in Ländern des südlichen Afrikas. In Lesotho oder Südafrika war im Jahr 2006 mehr als ein Viertel der Klientinnen in Einrichtungen zur Schwangerschaftsvorsorge HIV-positiv, in Swasiland und Botswana sogar mehr als ein Drittel. In Ostafrika werden Quoten von 20 Prozent erreicht.
2002 gab die WHO eine Empfehlung zum Problem der Mutter-Kind-Übertragung von HIV in Entwicklungsländern heraus. Sie fußt auf vier Säulen:
– der Vorbeugung von Neuinfektionen von Frauen im reproduktiven Alter,
– der Verhütung ungewollter Schwangerschaft von HIV-positiven Frauen,
– der Verhinderung der Infektion während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit; und schließlich
– der weiterführenden Versorgung HIV-positiver Mütter, ihrer Kinder und Familien.
Es ist unumstritten, dass das Thema Mutter-Kind-Übertragung in die allgemeine HIV-Aids-Politik eingebettet sein muss. Dabei darf die primäre Prävention in HIV-endemischen Ländern auf keinen Fall vernachlässigt werden. Ein wichtiger Grundpfeiler ist auch die Stärkung von Frauenrechten. Frauen müssen eigenständig und informiert über ihr sexuelles und reproduktives Handeln entscheiden können. Das dient sowohl dem Schutz vor Neuinfektionen allgemein als auch der Verhütung ungewollter Schwangerschaften HIV-positiver Frauen. (st) (st)
Stefanie Theuring
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe HIV am Institut für Tropenmedizin, Charité-Universitätsmedizin Berlin. Diese Arbeitsgruppe betreut den Bereich PMTCT innerhalb des GTZ-Sektorvorhabens AIDS.
»» stefanie.theuring@charite.de
E+Z, 2008/11, Tribüne, Seite 424-425





