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[ Editorial ]

Gewaltige Summen

Drei Institutionen schlagen Alarm. Im Oktober hat das International Food Policy Research Institute (IFPRI) zusammen mit den nichtstaat­lichen Organisationen Welthungerhilfe (Deutschland) und Concern World­wide (Irland) den World Hunger Index 2008 veröffentlicht. Das Dokument bezeichnet die Ernährungslage in 33 Ländern als „alarmierend“ oder „extrem alarmierend“.


Zusätzlich beunruhigt, dass der Hungerindex – wie jede seriöse Studie – auf Daten aus der Vergangenheit beruht. Die Herausgeber weisen denn auch darauf hin, dass sie die Realität des Jahres 2006 abbilden. Seither sind die Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt aber deutlich gestiegen. Die Lage hat sich also weiter verschärft. Laut FAO war schon im vergangenen Jahr für 923 Millionen Menschen – acht Prozent mehr als noch 2005 – das Recht auf angemessene Nahrung nur noch ein leeres Versprechen.

An dem Vorurteil, hohe Lebensmittelpreise seien gut für arme Staaten, ist etwas dran. Die Rentabilität der Landwirtschaft, die viele schwache Ökonomien dominiert, steigt. Dennoch führt das Vorurteil vielfach in die Irre. Wie der Hungerindex zeigt, sind die Staaten, in denen die Not am größten ist, meist auf Getreideimporte angewiesen. Also werden heimische Bauern das Leid kaum mindern.

Und es dürfte noch härter kommen. Längst beherrschen Meldungen über die Krise der globalen Finanzwirtschaft die Medien und nicht mehr die über Food-Price-Inflation. Arme Länder, die von Nahrungseinfuhren abhängen, werden die Kreditklemme zu spüren bekommen, und das wird sich wahrscheinlich auf ihre Importfähigkeit niederschlagen.

Inzwischen haben die Regierungen reicher Länder in Panik zur Rettung der Banken Finanzpakete in vierstelliger Milliardenhöhe geschnürt. Sie wollen eine katastrophale Depression der Weltwirtschaft verhindern. Ob das gelingt, weiß niemand. Klar sind nur die Lehren der Weltwirtschaftskrise vom Ende des ersten Drittels des vergangenen Jahrhunderts. Sie hat gezeigt, dass Protektionismus die Probleme verschärft. Dasselbe gilt für alle Versuche, mitten in der Flaute die öffentlichen Haushalte zu konsolidieren. Selbst rabiate Verfechter des Wirtschaftsliberalismus fordern jetzt massive Regierungsinterventionen in Märkte.

Wie die Weltwirtschaft aus dem Trudeln gebracht werden kann, ist noch nicht klar. Fest steht aber, dass altbekannte Probleme wie etwa weltweite Armut oder Klimawandel ungelöst sind. Beide Themen erfordern Investitionen in großem Stil – für die ländliche Infrastruktur, für eine dauerhafte Energieversorgung und dergleichen mehr. Das sollten die Regierungschefs und Finanzminister der mächtigsten Staaten, die jetzt begonnen haben, intensiv bei der Mobilisierung gewaltiger Summen zusammenzuarbeiten, im Auge behalten. Vielleicht können sie die geballten Krisen dann konstruktiv als Chance nutzen.

Im Jahr 2000 einigten sich die UN auf die Millenniumsziele der Armutsbekämpfung. Auf der Agenda stehen seither nicht nur Themen wie Hunger oder Kindersterblichkeit – sondern auch die Versprechen einer fairen Welthandelsordnung und einer ökologisch nachhaltigen Wirtschaft. Auf diesen Feldern ist noch weniger Fortschritt zu verzeich­nen als bei der Hun­ger­bekämpfung. Es gibt keinen Grund, sich darauf auszuruhen, dass die Ernäh­rungslage weltweit trotz der aktu­el­len Rückschläge heute doch ein bisschen besser ist als 1990. Dass die Not früher schon mal schlimmer war, tröstet keine Eltern, die nicht wissen, womit sie heute ihre Kinder füttern sollen.

E+Z, 2008/11, Editorial, Seite 398

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