[ Editorial ]
Vernünftige Utopie
Nichtstun ist teuer. Umweltschäden zu reparieren, die eigentlich vermeidbar gewesen wären, wird viel Geld kosten. Seit Jahrzehnten fordern Fachleute und Bürgerinitiativen Klimaschutz. Doch Entscheidungsträger wimmelten immer wieder ab, das sei zu teuer, und Pessimisten malten vermutlich viel zu schwarz.
Derweil verschwimmen die Grenzen zwischen Klima- und Entwicklungspolitik weiter. Extremwetterlagen treffen diejenigen am härtesten, die ohnehin am verletzlichsten sind: arme und marginalisierte Bevölkerungsgruppen in Entwicklungsländern. Über je mehr Geld, Land und Bildung Menschen verfügen, umso besser können sie mit Wandel umgehen. Armutsbekämpfung wird also zu einer zentralen Dimension jeglicher sinnvollen Anpassungsstrategie. Obendrein ist Infrastruktur (Verkehrswege, Wasserleitungen, Stromversorgung, Bildungs- und Gesundheitswesen et cetera) seit jeher ein Kerngebiet der Entwicklungspolitik. Und all diese Systeme müssen nun klimafest gemacht werden.
Etablierte Geberinstitutionen bieten sich für Adaptationsaufgaben an. Einerseits eignen sie sich aufgrund ihrer internationalen Kooperationserfahrung tatsächlich dazu. Andererseits sind sie an zusätzlichen Geschäftsfeldern interessiert. Leider genießen die Gebernationen und viele multilaterale Einrichtungen in der armen Welt wenig Vertrauen – eine Folge der Kolonialgeschichte, vieler später gebrochener Versprechen und der Doppelmoral der dominierenden Industrienationen. In der Asienkrise forderte der Internationale Währungsfonds, im Namen des freien Wettbewerbs große Banken scheitern zu lassen. Derart bittere Medizin scheuen die USA und EU derzeit in ihrer eigenen Malaise. Das ist zwar durchaus im ökonomischen Interesse der übrigen Welt – ändert aber nichts an der Verärgerung darüber, dass Indonesien und andere Länder vor zehn Jahren mehr als nötig gelitten haben.
Trotz begründeter Skepsis gegenüber Geberinstitutionen wäre es aber offenkundig absurd, neue Bürokratien zu schaffen, um neben der Entwicklungszusammenarbeit auch noch internationale Klimaanpassung zu betreiben. Klüger wäre es, bestehende Institutionen und Praktiken zu verbessern. Nötig ist dafür Druck in Richtung mehr Transparenz und Effizienz von allen Seiten (Medien, Wissenschaft, kritische Organisationen, Regierungen und Parlamenten). Ohne solchen Druck werden indessen auch neue Institutionen wenig bringen.
Die Hoffnung auf wirksame Entwicklungspolitik mag manchen utopisch erscheinen. Aber bis vor wenigen Monaten war das auch die Vorstellung, ein Schwarzer werde Präsident der USA. Barack Obama hat sich klug zum Klima geäußert. Dank seiner Biographie hat er eine erstaunlich große Chance, internationales Vertrauen, das in den Bush-Jahren zerstört wurde, zu reparieren. Und dann kann er weltweit viel bewegen.
Hans Dembowski
Chefredakteur E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit / D+C Development and Cooperation
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E+Z, 2008/12, Editorial, Seite 442





