[ Jugendliche ]
Arbeit schafft Sicherheit
Hohe Arbeitslosigkeit bedroht in jedem Land die gesellschaftliche Stabilität. In fragilen Staaten, die durch gewalttätige Konflikte so sehr geschwächt sind, dass sie ihren Bürgern weder Sicherheit noch Rechtsstaatlichkeit noch Wohlfahrt garantieren können, verstärkt Arbeitslosigkeit die bestehenden Probleme. Jugendliche und junge Erwachsene stellen in diesen Ländern einen sehr hohen Anteil der Bevölkerung.
[ Von Adelheid Schultze ]
In der beruflichen Bildung hat InWEnt jahrzehntelange Erfahrung. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit haben schon die Vorgängerinstitutionen Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung und Carl Duisberg Gesellschaft einschlägige Programme durchgeführt. Dass die Qualifizierung von Fachkräften den wirtschaftlichen Aufschwung beschleunigt, ist längst erkannt.
Selbstverständlich kann eine deutsche Durchführungsorganisation nicht in fremden Ländern junge Leute beruflich ausbilden. Es ist aber sinnvoll, Berufsschullehrer didaktisch zu trainieren. Noch wichtiger ist es, die Fachleute, die im Bildungswesen die Curricula gestalten, für die Erfordernisse des Arbeitsmarkts zu sensibilisieren und mit Partnern im Privatsektor ins Gespräch zu bringen. Deshalb steht InWEnt im Dialog mit Ministerien und Bildungsinstitutionen, Wirtschaftsverbänden und Unternehmen in den verschiedenen Ländern. Capacity Building in diesem Sektor schafft das nötige institutionelle Umfeld, damit berufliche Bildung im Alltag gelingen kann. Die Arbeit von InWEnt ergänzt dabei oft das Engagement anderer deutscher Institutionen wie etwa der GTZ oder der KfW Entwicklungsbank.
InWEnt nutzt die Netzwerke in Politik, Wirtschaft und Bildungswesen international. Die bestehenden Kontakte unterstützen deshalb auch das aktuelle Programm im Auftrag des AA, das zunächst auf vier Jahre angelegt ist. Das Gesamtbudget beträgt 5,5 Millionen Euro.
Die Partner vor Ort gestalten die Maßnahmen entsprechend ihrer Vorstellungen und der örtlichen Gegebenheiten mit. In der Tat sind die Rahmenbedingungen was Infrastruktur, Privatsektorentwicklung oder soziokulturelle Gewohnheiten angeht, in Afghanistan ganz anders als in Georgien oder Kolumbien (siehe Kasten). Weitere Partnerländer sind Armenien, Irak, Moldau und Tadschikistan.
In Tadschikistan hat das Programm derzeit zwei Schwerpunkte. Zum einen geht es darum, Ausbildern und Lehrern berufspraktische Kenntnisse sowie ein theoretisches Verständnis des Arbeitsmarktes zu vermitteln. Beides brauchen sie, um junge Erwachsene für Berufe etwa im Bauwesen, in der Elektrotechnik und im Tourismus zu qualifizieren. Zum anderen kooperieren die Projektmitarbeiter auch eng mit Unternehmen und Behörden in der strukturell schwachen Region Gorno-Badakhshan zusammen, die qualifizierte Arbeitskräfte brauchen. Parallel dazu berät das Projekt bei Existenzgründungen; denn die Selbständigkeit ist für manche qualifizierte Person eine attraktive Alternative zum Angestelltendasein – und erfolgreiche Unternehmensgründer schaffen potenziell weitere Arbeitsplätze.
Auch im Irak will die Bundesregierung dazu beitragen, den brüchigen Frieden zu stabilisieren. Die wichtigste Ressource dieses Landes ist das Öl, das 90 Prozent der Staatseinnahmen sichert. Allerdings lebt ein Viertel der irakischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Ihre Not trägt zu den Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten und zwischen Arabern und Kurden bei.
Berufliche Qualifikation kann dabei helfen, dass junge Menschen durch Arbeit eine persönliche Lebensperspektive finden, die sie weniger empfänglich für politische Agitation macht. Von den etwa acht Millionen Irakern, die Arbeit haben, sind mehr als die Hälfte im Dienstleistungssektor beschäftigt, ein knappes Fünftel in der Industrie, ein gutes Fünftel in der Landwirtschaft. InWEnt arbeitet im Irak mit dem Bildungsministerium der Regionalregierung in Kurdistan zusammen. Das Ziel ist, auf lokaler Ebene Arbeitsmärkte zu entwickeln und junge Menschen so auszubilden, dass sie den Anforderungen künftiger Jobs gerecht werden können. Fachliche Schwerpunkte sind im Irak die Elektrotechnik und – auf besonderen Wunsch des kurdischen Partners – die Landwirtschaft.
Kompetentes Capacity Building achtet auf die Wechselwirkungen zwischen Arbeitsmarkt und Bildungssystem. Formale Bildung bringt ökonomisch wenig, wenn sie von Arbeitgebern nicht gebraucht wird. Berufsbildungseinrichtungen müssen sich deshalb strategisch an den Anforderungen der Wirtschaft orientieren.
Damit dieser Ansatz Fuß fassen kann, bietet InWEnt dem Führungspersonal im Bildungswesen Leadership- und Managementtrainings an. Diese Menschen werden zu Multiplikatoren, die ihr Wissen an ihre Kollegen weitergeben. Damit individuelle Einsichten nicht im Alltagstrott verpuffen, arbeitet InWEnt mit einem Drei-Ebenen-Ansatz. Das individuelle Training wird ergänzt durch die strategische Beratung bei der Organisationsentwicklung der jeweiligen Arbeitgeber sowie dem Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern.
Zum Beispiel Kolumbien
Seit mehr als 40 Jahren kämpft das kolumbianische Militär mit Guerrillas. Bewaffnete, rechtsgerichtete Milizen und die Drogenmafia tragen zur Gewalt bei. Viele Menschen sind aus den ländlichen Regionen in die Städte geflohen, in denen der Alltag mittlerweile recht sicher geworden ist. Viele der Binnenflüchtlinge sind aber bettelarm, sie haben in der Regel keinen Zugang zum Bildungswesen – und sind in ihren Dörfern oft auch nicht zur Schule gegangen. Damit sie eine Perspektive bekommen, ist berufliche Qualifikation nötig.
Besonders viel versprechend ist dieser Ansatz, wenn er mit Technologietransfer verbunden wird. Denn dann entsteht die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften quasi von selbst. In Kolumbien verbindet InWEnt deshalb das berufspädagogische und methodisch-didaktische Capacity Building mit Kursen in Sachen Umwelttechnologie. InWEnt kombiniert dabei Präsenzunterricht mit Onlinekursen („Blended Learning“).
InWEnt stützt sich dabei auf einen vertrauten Partner: Der SENA (Servicio Nacional de Aprendizaje) vereint Repräsentanten der Zivilgesellschaft, der formal verfassten Unternehmen sowie der Arbeiternehmerorganisationen. Dank dieser Zusammensetzung ist der SENA darauf geeicht, auf die Kohärenz von Bildungswesen und Arbeitsmarkt zu achten. (as)
E-Academy
Ende April hat Hans-Jürgen Beerfeltz, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein neues E-Learningportal bei InWEnt eröffnet: die „GC21 E-Academy“. Hauptzielgruppe des Angebotes sind Führungskräfte aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Sie können ab sofort aus einem Angebot von zurzeit 35 Kursen wählen.
„GC21“ steht für Global Campus 21 – unter diesem Namen bietet InWEnt seit nunmehr zehn Jahren E-Learning für Fach- und Führungskräfte an. Die neue E-Academy verstärkt die internetgestützte Bildungsarbeit in Entwicklungsprojekten. Die Angebote sind teilweise kostenfrei oder mit Stipendien zu buchen. Es gibt Selbstlernkurse und Onlinekurse, die durch Teledozenten begleitet werden. Die Kurse sind standardisiert. Themen sind unter anderem Management und Führung, nachhaltiges Wirtschaften, Kommunikation, Klima- und Umweltschutz, Gesundheitsmanagement, Bildung und Gleichberechtigung, Frieden und Menschenrechte.
»» www.gc21-eacademy.org
Adelheid Schultze
ist die stellvertretende Leiterin der Unternehmenskommunikation von InWEnt.
»» adelheid.schultze@inwent.org
»» Mehr zum Thema Bildung, Ausbildung
»» Mehr zum Thema Bürgerkriege, Konfliktmanagement, Peacebuilding
E+Z, 2010/05, InWEnt Forum, Seite 212-213





