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Behinderung und Inklusion

„Blinde haben kaum eine berufliche Zukunft“

von Lara Reiser, Sabine Balk

Hintergrund

Blinde Kinder haben es in vielen afrikanischen Ländern schwer: Blindenschule in Niger.

Blinde Kinder haben es in vielen afrikanischen Ländern schwer: Blindenschule in Niger.

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Die 21-jährige Lara Reiser ist von Geburt an blind. Nach ihrem Abitur an einem Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte in Marburg nahm sie am Freiwilligenprogramm für behinderte Menschen „weltwärts alle inklusive“ teil und ging für elf Monate in eine Einrichtung mit Schule für Blinde und Sehbehinderte in Bafoussam im Westen Kameruns, wo sie noch bis Ende Juli bleibt. Sie berichtete Sabine Balk am Telefon von ihren Erlebnissen und Schwierigkeiten vor Ort.

Wie kamen Sie auf die Idee, als weltwärts-Freiwillige nach Kamerun zu gehen?
Ich wollte nach dem Abitur unbedingt in den USA Psychologie und Philosophie studieren. Doch das Aufnahmeverfahren dort ist langwierig und zeitaufwändig, und ich kann erst 2016 anfangen. Also wollte ich die Zeit überbrücken und dabei etwas Sinnvolles machen. Ich wollte aber kein freiwilliges soziales Jahr daheim machen, sondern wollte raus aus Deutschland. Die Schule in Bafoussam suchte Freiwillige, also habe ich mich dafür entschieden.

Hatten Sie als blinde junge Frau keine Angst allein in eine völlig fremde Umgebung nach Afrika zu gehen?
Das fragen mich alle, das verstehe ich gar nicht! Ich bin von Geburt an blind und kenne keinen anderen Zustand. Ich empfinde mich auch nicht als behindert. Es ist auch nicht so, dass ich beim Laufen gegen alles knalle und mich ohne Begleitung nicht zurechtfinde. Meine Eltern und die Schule haben mich gut für ein Leben als Blinde in der Welt vorbereitet. Ich habe keine Lust, zu Hause zu sitzen. Wenn ich das tue, bin ich doch die Einzige, die das Nachsehen hat. Ich bin so aufgewachsen und erzogen worden, dass mir alle Chancen offenstehen. Ich fahre Ski und springe Fallschirm. Außerdem war ich zwei Wochen allein in Chicago, um mich nach einem Studienplatz umzusehen. Da bin ich gut zurechtgekommen.

Kommen Sie denn auch in Baffoussam allein gut zurecht?
Für Blinde ist das Viertel, in dem die Schule ist, eine Katastrophe. Es gibt keine Bordsteine, keinen festen Weg oder Häuser, die als Orientierungspunkte dienen können, die wir als Blinde brauchen. Sehr gefährlich ist, dass es überall Gräben gibt, da sind schon viele blinde Kinder reingefallen. Außerdem fahren die Lastwagen kreuz und quer herum, und in der Regenzeit steht man überall knietief im Matsch. Ich komme dennoch ganz gut zurecht, aber die Blinden in Baffoussam können sich allein kaum bewegen.

Was sind Ihre Aufgaben an der Blindenschule?
Ich helfe den Schülern in der Brailleklasse, das sind Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 21 Jahren, die die Blindenschrift gar nicht lesen und schreiben und auch nicht rechnen können. Außerdem mache ich sehr viel Transkriptionsarbeiten von Prüfungen oder anderen Texten, das heißt, ich kopiere diese Dokumente in Brailleschrift mit einer dafür benötigten Punktschriftmaschine. In meiner Schule in Deutschland haben wir das alles bereits mit einem Computer gemacht, aber das gibt es in Kamerun nicht. Ich habe auch eine Mitfreiwillige, die sehen kann, die musste erst einmal selbst die Brailleschrift lernen.

Wie klappt die Verständigung mit den Kindern vor Ort?
Mittlerweile ganz gut. Anfangs habe ich das hier gesprochene Französisch kaum verstanden, das ist ganz anderes als das Schulfranzösisch, das ich gelernt habe. Aber es gibt auch Kinder, die zu uns in die Schule kommen, die noch gar nicht sprechen können. Wir haben Anfang des Jahres ein sechsjähriges Mädchen aufgenommen, die nur Tierlaute von sich gab und auch die Toilette noch nicht benutzen konnte.

Wie kommt denn das?
Das ist leider nicht ungewöhnlich in Kamerun. Mit dem Mädchen hat sich nie jemand beschäftigt, sie war wohl nur mit Tieren zusammen, deshalb konnte sie nicht sprechen und war nicht sauber. Behinderte Kinder gelten hier immer noch als Schande und werden versteckt. Wenn eine Familie mehrere Kinder hat, leistet sie sich erst die Schule für die gesunden Kinder. Das behinderte Kind wird als letztes oder meist gar nicht zur Schule geschickt. Das ist wirklich schockierend, wenn man das selbst miterlebt. Es ist etwas ganz anderes, ob man über diese Missstände liest oder es mit eigenen Augen sieht. Ich frage mich, was dieses Kind noch für Chancen im Leben hat.

Wahrscheinlich bessere als die, die nicht in die Schule gehen …
Das bestimmt. Aber ich habe mal gelesen, dass Kinder die meisten Erfahrungen in ihren ersten zwölf Lebensjahren machen. Diesem Kind fehlt eine Entwicklung von sechs Jahren und es hat nur mehr die Hälfte der Zeit, sich gut zu entwickeln. Das ist schwer aufzuholen. Das Frustrierende ist außerdem, dass die Kinder an unserer Schule sogar das Abitur machen können, danach aber praktisch keine Aussicht auf einen Job haben. Denn keiner will hier eine blinde Person beschäftigen. Sie haben praktisch keine berufliche Zukunft, können sich niemals selbst ernähren und weiterkommen.

Das klingt sehr desillusioniert …
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde es toll, dass es diese Schule gibt und dass blinde und behinderte Menschen zur Uni gehen können. Aber es muss sich bezüglich der Einstellung gegenüber Behinderten in Kamerun noch viel ändern. Und so viel Gutes die Schule auch macht: Die blinden und sehbehinderten Kinder, die hierherkommen, müssen nicht nur lesen, schreiben und rechnen lernen, sondern sie brauchen eigentlich auch eine psychosoziale Betreuung nachdem was sie erlebt haben. Es fehlt hier an Sozial­pädagogen und Psychologen. Ich merke, dass ich da an meine Grenzen stoße. Dennoch empfinde ich die Arbeit hier als sehr sinnvoll und bin glücklich, mich dafür entschieden zu haben.

Was können Sie für sich aus diesem Aufenthalt in Kamerun ziehen?
Ich weiß jetzt zu schätzen, wo ich auf die Welt gekommen bin und was wir in Deutschland haben. Ich weiß jetzt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Trinkwasser aus dem Hahn kommt oder dass es eine Waschmaschine gibt und ich die Wäsche nicht mit der Hand waschen muss oder dass ich genug Geld habe, mir etwas zu essen zu kaufen. Außerdem ist es wichtig, dass es zu einem Austausch zwischen Deutschland und Afrika kommt. Da können vielleicht bestimmte Klischees und kulturelle Differenzen ausgeräumt werden.

Welche zum Beispiel?
Einige Kameruner haben ein anderes Verhältnis zu Geld und Eigentum. Die Leute haben sehr wenig und denken, weil wir weiß sind, haben wir sehr viel. Ich werde ständig gefragt, ob ich jemandem etwas geben kann oder mein Handy dalassen kann. Andererseits sind die Menschen hier so freundlich und ich bin so herzlich aufgenommen worden. Das ist eine ganz tolle Erfahrung.

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