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Fachliteratur

Analoge Grenzen digitaler Wirtschaft

von Hans Dembowski

Hintergrund

Buddhistische Mönch in der kambodschanischen Provinz.

Buddhistische Mönch in der kambodschanischen Provinz.

Der digitale Wandel schafft neue Chancen. Um sie zu nutzen, ist mehr nötig als Hard- und Software. Breitenwirksame Entwicklung kann nur gelingen, wenn auch andere Dinge angegangen werden. Zwei aktuelle Publikationen erläutern weshalb.

Kentaro Toyama hat als Computerexperte erlebt, was Sozialwissenschaftler schon lange wissen: Es ist leicht, einzelne Maßnahmen zu implementieren, aber sehr schwer, dauerhaften, systemischen Wandel herbeizuführen. Ein Brunnen ist schnell gebohrt, aber es gelingt dann oft nicht, ein Dorf dazu zu bringen, ihn in Schuss zu halten und über die Jahre das Wasser effizient zu nutzen. Auf ähnliche Weise reicht es nicht, ein Computersystem oder eine Smartphone-App einzurichten, um echten Wandel zu bewirken. Die eigentliche Aufgabe ist es, Menschen in ihrem Alltag davon zu überzeugen, die neuen Möglichkeiten zu nutzen.

Toyama lehrt an der University of Michigan. Sein Buch (2015) beruht auf den Erfahrungen, die er als Microsoft-Angestellter in Indien sammelte, wo er mit digitaler Technik Entwicklung voranbringen sollte. Sein Urteil lautete, dass Hard- und Software wichtig, aber nicht ausreichend seien. Ebenso sehr komme es an auf:

  • das Engagement und die ortsspezifische Kompetenz der Durchführungsorganisation sowie
  • die aktive Partizipation der Zielgruppen.

Wer innovativ arbeiten wolle, müsse nicht nur die Technik verstehen, sondern diese auch in einen komplexen sozialen Kontext einbetten. Und selbst dann hänge der Erfolg von der Akzeptanz der Nutzer ab.

Toyama schreibt, zu oft folgten Technologie-Enthusiasten Prinzipien, die er als “Tech-Gebote” verspottet. Drei Beispiele dieser Gebote sind:

  • Messen ist wichtiger als Bedeutung: Schätze nur wert, was du zählen kannst.
  • Ziele sind wichtiger als Ursachen: Konzentriere dich nur auf dein Ziel, um Erfolg zu haben.
  • Innovation ist wichtiger als Bewährtes: Tu nichts, was nicht schon getan wird, und gib ihm zumindest ein neues Label.

Dass diese Gebote wie BWL-Slogans klingen, ist natürlich kein Zufall. Dass sie in die Irre führen, überrascht auch nicht. Für benachteiligte Gemeinschaften dauerhaften Fortschritt herbeizuführen ist nun mal schwieriger, als auf einem hochentwickelten Markt ein neues Produkt einzuführen.

Toyama betont, alle Parteien müssten mit „Herz, Verstand und Willen“ dabei sein. Empathie, Intelligenz und Entschlossenheit seien wichtig. Der Computerfachmann ärgert sich über ökonomische Modelle, die Menschen letztlich nur als nutzenmaximierende Roboter sehen. Toyama zufolge wollen reife Menschen die Welt verbessern, weil Geldverdienen keinen Sinn stiftet. Die Politik sollte sich weniger darum kümmern, dass die Wirtschaft wächst, sondern mehr darum, dass Menschen sich voll entfalten.

Das ist eine interessante Perspektive, scheint aber politisch etwas naiv. Geld ist schließlich ein Maßstab für sehr viele, wenn auch nicht alle wichtigen Dinge. Es wäre auch unmöglich, alle Menschen so reich wie Bill Gates zu machen, damit sie sich philanthropisch orientieren.

Entwicklungsökonomen und -soziologen sagen seit langem, es gebe keine Blaupausen. Die Stärke von Toyamas Buch ist, dass er diese Einsicht überzeugend aus der ungewohnten Perspektive des Computerexperten gewinnt.


Digitale Dividenden

Der aktuelle World Development Report (WDR) der Weltbank kommt mit sehr viel technokratischerer Sprache zu einer ähnlichen Botschaft: Das analoge Fundament muss stimmen, um den digitalen Fortschritt optimal zu nutzen. Die Autoren schreiben, die digitalen Möglichkeiten müssten zugänglich, erschwinglich, offen und sicher sein. Die digitale Ökonomie brauche zudem:

  • stimmige Regeln,
  • korrekte, solide und ehrliche Aufsicht sowie
  • eine breite Basis von Wissen und Fähigkeiten.

Länder, die sich den Herausforderungen richtig stellen, können laut WDR die digitale Revolution beschleunigen und dabei Vorteile für alle erringen. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass der digitale Graben innerhalb von Ländern so tief sein kann wie zwischen Ländern. 2015 hatten nur 3,2 Milliarden Menschen Zugang zum Internet – weniger als die Hälfte der Weltbevölkerung.

Die Autoren warnen dabei vor wachsender Ungleichheit. Wer nicht die nötigen Qualifikationen habe, werde zurückbleiben. Es reiche nicht, den Zugang zu Internet und Mobilfunk auszuweiten. Nötig sind aus Sicht des Weltbankteams darüber hinaus:

  • Rahmenbedingungen, in denen junge Unternehmen gedeihen und Arbeitsplätze schaffen,
  • schulische und berufliche Bildung, um Leute beschäftigungsfähig zu machen, sowie
  • Behörden und Dienstleister, die verantwortungsbewusst agieren.

Der WDR bietet eine Fülle von Informationen mit der richtigen Stoßrichtung. Dennoch wirkt die Studie stellenweise oberflächlich. So betont etwa die Einleitung, dass Offenheit für den Erfolg einer digitalen Ökonomie wesentlich ist – geht dann aber nicht darauf ein, dass es in China einige der größten Internetunternehmen der Welt gibt, die unter anderem deshalb sehr schnell wachsen konnten, weil globale Riesen wie Google und Facebook in der Volksrepublik eben nicht frei zugänglich sind.

Die Autoren fordern zu Recht, dass Staaten Auskunfts- und Rechenschaftspflichten erfüllen müssen. Aber wem genau gegenüber, bleibt zu vage. Jede Regierung – ob demokratisch legitimiert oder nicht – weiß, was die wirtschaftliche Elite in ihrem Land will. Aber welche Regierung interessiert sich wirklich für die ärmsten 20 Prozent? Und wenn doch, wer spricht dann für diese Bevölkerungsgruppe?

Das Weltbank-Dokument macht sinnvolle Hinweise auf Bildung und Inklusion, aber seine technokratische Sprache verdeckt die Interessenkonflikte zwischen Privilegierten und Benachteiligten, die es in jeder Gesellschaft gibt. Die Autoren ergreifen entsprechend auch nicht Partei. Sie könnten das auch kaum, denn die Weltbank ist eine multilaterale Institution, die sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Regierungen, denen sie gehört, einmischen soll.

Folglich scheut der WDR auch vor Interessenkonflikten zwischen reichen und armen Ländern zurück. Er diskutiert die Vor- und Nachteile von Open-Source-Software nicht auf prominente Weise. Mächtige Konzerne aus fortgeschrittenen Volkswirtschaften wollen nun mal von ihren intellektuellen Eigentumsrechten profitieren. Behörden und Unternehmen in Entwicklungsländern wären aber vermutlich mit Programmen, die billiger sind und die sie komplett durchschauen, besser bedient.

Was Netzneutralität angeht, bleiben die Weltbankexperten wachsweich. Einerseits müssten knappe Ressourcen ökonomisch genutzt werden, heißt es, andererseits müsse freie Rede gesichert werden. Der WDR äußert sich nicht dazu, dass kleine zivilgesellschaftliche Organisationen und Nischenmedien vermutlich gar nicht auf den Schirm kommen, wenn Internetprovider die Inhalte zahlungskräftiger Anbieter bevorzugt durchleiten.

Die Weltbank tut so, als stünde sie über den Dingen. Sie ist aber nicht wirklich unabhängig. Deshalb legt sie sich in solchen Fragen nicht eindeutig dahin gehend fest, was denn nun Entwicklung bremst oder hemmt. Das schränkt den intellektuellen Wert ihrer Analyse ein. Da der WDR aber viele sinnvolle Beispiele und Ideen enthält, ist ihm dennoch breite Wirkung zu wünschen.


Hans Dembowski ist Chefredakteur von E+Z/D+C.
[email protected]


Referenzen

Toyama, K., 2015: Geek Heresy – Rescuing social change from the cult of technology. New York: Public Affairs.

Weltbank, 2016: Digital dividends – World Development Report 2016. Washington: World Bank.
http://www.worldbank.org/en/publication/wdr2016

Buddhistische Mönch in der kambodschanischen Provinz. (kd)

 

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