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Afghanistan

Angst vor 2014

von Eleonore von Bothmer

In Kürze

Western donor representatives are a rare sight in market streets of Kabul: Seller of rice and lentils

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Zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban hat sich aus Sicht vieler Afgahnen die Gesamtlage erheblich verbessert. Dennoch sehen viele mit Schrecken dem Abzug der internationalen Gemeinschaft entgegen.

Der Bürgerrechtler Aziz Rafiee ist ­optimistisch. „Afghanistan geht es heute besser denn je“, sagt er. Dennoch sei ein großes Problem, dass „die politische Agenda der Geber mit Vorstellungen der afghanischen Zivilgesellschaft nicht zusammenpasst“.

Bei allem Optimismus ist Rafiee bewusst, dass vieles noch besser werden muss, um gut zu sein. Fast alle Afghanen seien kriegstraumatisiert: „Das soziale Geflecht ist zerstört, keiner traut dem anderen über den Weg. Die Nation leidet unter einer Identitätskrise.“ Unter solchen Voraussetzungen ist es schwierig, tragfähige und dauerhafte Strukturen aufzubauen. Umso wichtiger scheint es, dass nicht nur über Politik diskutiert, sondern vor allem die Gesellschaft und reiche Kultur Afghanistans beachtet wird.

„Im letzten Jahrzehnt hat sich in Afghanistan zweifellos viel getan“, sagt auch Soraya Sobhrang, Frauenrechtsbeauftragte der „Afghanistan Independent Human Rights Commission“ (AIHRC). Es gebe eine Menschenrechtskommission, und gerade die Rechte der Frauen seien – zumindest auf dem Papier – gestärkt worden. Diverse Errungenschaften vergangener Jahre hätten allerdings keine sichere Zukunft, sagt die Expertin, wegen fehlender, klarer Strategien. Das zeige sich angesichts des geplanten Rückzugs der internationalen Gemeinschaft deutlich. Angst sei weit verbreitet.

In der Tat überwiegen die Schattenseiten. Die Weltgemeinschaft hat dem Land zu keinen stabilen Strukturen verholfen, in denen die Zivilgesellschaft auch ohne Geberhilfe auskommt. Darüber waren sich internationale Fachleute und afghanische Bürgerrechtler einig, als sie Ende November in Berlin bei einer Konferenz der Böll Stiftung die Frage diskutierten: „Wo steht Afghanistan heute?“

Die mangelhafte Harmonisierung internationaler Geber sei verheerend für sein Land, meint Rafiee. Es gebe viel Geld, aber keinen Plan, was damit geschehen solle. So werde Korruption institutionalisiert, es entstünden Parallelstrukturen.

Dabei gibt es durchaus Bürgerrechtsorganisationen, die gute Arbeit leisteten und nicht von externen Geldern abhängen. Nichtstaatliche Organisationen würden jedoch weitgehend von Gebern gesteuert, kritisiert die Politikwissenschaftlerin Sa­ghar Chopan, und diese verfolgten alle unterschiedliche Agenden. „Es müsste mehr um die Bedürfnisse der Afghanen selbst gehen; und man muss in ihrer Sprache darüber sprechen“, sagt sie. Es sei höchste Zeit für einen Wandel „from donorship to ownership“.

Toiko Kleppe arbeitete ein Jahr lang als Beraterin für die Norwegische Botschaft in Kabul. Sie meint, weil Vertreter ausländischer Geber oft nur kurze Zeit im Land ­seien, fehle ihnen oft das Verständnis für die ­Zusammenhänge. Wegen der scharfen ­Sicherheitsmaßnahmen in Kabul bewegten sie sich zudem „wie in einer Blase“.

Die afghanische Bevölkerung nicht einzubeziehen sei einer der größten Fehler gewesen, meint die Journalistin und Bürgerrechtlerin Najiba Ayubi: „Wir Afghanen wären durchaus im Stande gewesen, viel mehr Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und jetzt fühlen wir uns hilflos, wenn wir nur daran denken, was nach 2014 passieren soll.“ Trotz befürchteter Schwierigkeiten glaubt Rafiee an die Zukunft seines Landes. „Die afghanische Zivilgesellschaft strebt nach Demokratie.“

Eleonore von Bothmer