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Entwicklungsstrategie

Einstellung ändern

von Getachew Diriba, Marianne Scholte

Hintergrund

Äthiopische Bauern arbeiten mit „steinzeitlicher“ Technik.

Äthiopische Bauern arbeiten mit „steinzeitlicher“ Technik.

Angesichts von Armut, Hunger und Umweltzerstörung braucht Äthiopien einen umfassenden ländlichen Wandel. Der Agrarökonom Getachew Diriba fordert entschlossene, generationenübergreifende Politik.

Ihr Buch „Overcoming Agricultural and Food Crises in Ethiopia“ hat Aufsehen in Äthiopien erregt. Wie kamen Sie dazu, es zu schreiben?
Vor Beginn meines Ruhestands 2017 leitete ich das Büro des Welternährungsprogramms in China. Das war für mich ein Wendepunkt. Zuvor beruhte mein Chinabild auf der großen Hungersnot 1959 bis 1961, als Millionen Menschen starben. Dann sah ich, dass das Land seinen Agrarsektor innerhalb einer Generation völlig umgestaltet hatte. Die menschliche Fähigkeit zur Veränderung ist enorm. Ich wollte verstehen, was in China geschah. Ich komme selbst aus der ländlichen Region Oromia und kehre oft zurück, um Familie und Freunde zu sehen. Mein Heimatdorf beschreibe ich im ersten Kapitel meines Buches als Mikrokosmos, der zeigt, was im ganzen Land geschieht: Bevölkerungswachstum, Entwaldung, Bodendegradierung. Ich selbst konnte in Deutschland und Britannien studieren, in Agrarökonomie promovieren und mein Leben leben, wie ich das getan habe. Jetzt setze ich mich für Äthiopiens Kleinbauern ein.

Was haben Sie in China gelernt?
Die Transformation begann mit Kleinbauern. Ich besuchte das Dorf, wo alles begann, als 18 Bauern sich heimlich absprachen, um Land unter sich aufzuteilten, statt es kollektiv zu bewirtschaften. Jeder tat, was er für das Beste hielt. In einem Jahr erwirtschafteten sie so viel wie sie normalerweise in fünf Jahren produziert hätten. Kader bekamen Wind davon, und die Nachricht gelangte bis hinauf zu Deng Xiaoping. Der damalige Parteichef sagte bekanntlich: „Es ist egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist, solange sie Mäuse fängt.“ So begann der Reformprozess, der zu Sonderwirtschaftszonen, dynamischen Märkten und großer Binnenmigration führte. Junge Leute verließen die Dörfer, und wegen Arbeitskräftemangel mussten Bauern ihre Höfe mechanisieren und konsolidieren. Kulturwandel, institutioneller Wandel und Entschlossenheit waren mindestens so wichtig wie technischer Fortschritt.

Wie beurteilen Sie die Lage in Äthiopien?
In den vergangenen 40 Jahren ist die Zahl der Äthiopier, die permanent oder zeitweise von Nahrungsmittelhilfe abhängen, gewachsen. Heute brauchen rund 20 Millionen Geberhilfe. Städtische Gebiete können kaum noch Menschen aufnehmen. Die Wälder sind weg, der Boden erodiert, die Erde ist ausgelaugt. Pro Kopf nimmt der Grundbesitz ab. Nun können 86 Prozent der ländlichen Haushalte nicht mehr von ihren eigenen Agrarerträgen leben. Hungerkrisen lösen einander ab, und wir akzeptieren das als normal. Die Umwelt kollabiert in einer Abwärtsspirale, aber wir tun so, als wäre Nahrungsmittelhilfe für Millionen Menschen ein Erfolg. Ja, Geberspenden retten Leben – aber eben nur das bloße Überleben, kein Leben in Würde. Es mangelt an Visionen. Wir müssen uns Ziele setzen, Gewohnheiten ändern, Kultur und Institutionen reformieren. Wir brauchen eine entschlossene Politik für mehrere Generationen.

Aber an der Klimakrise, dem ökologischen Hauptproblem, kann Äthiopien doch kaum etwas ändern?
Die Klimakrise ist wichtig, aber nur eine Sorge von vielen. Wir dürfen nicht alles Leid und alle Armut auf ihre Dürren schieben – schließlich gab es schon immer Dürren. Unsere aktuelle Krise ist multikausal. Das schnelle Bevölkerungswachstum ist wichtig. Eine Zunahme um jährlich 2,7 Prozent bedeutet, dass wir – nur um zu Überleben – jährlich 540 000 Tonnen zusätzliche Nahrungsmittel brauchen. Dabei nutzen wir kaum moderne Technologie. Unsere Bauern spannen immer noch Ochsen vor Ritzpflüge und hängen ohne Wasserspeicher und ohne öffentliches Wassermanagement komplett vom Regen ab. Kaum ein Bauer hat Zugang zu hochgezüchtetem Saatgut oder Dünger. In ganz Äthiopien gibt es 500 Traktoren und vielleicht 600 Mähdrescher für 17.5 Millionen kleinbäuerliche Betriebe. Die Regierung hat das Problem erkannt und will die Lage verbessern. Mit jungsteinzeitlicher Technik können wir nicht genug Lebensmittel für 110 Millionen Menschen produzieren.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Umgestaltung der Landwirtschaft und wie können sie bewältigt werden?
Wir könnten jetzt eine lange Liste politischer Probleme diskutieren. Am wichtigsten ist aber, das Ausmaß der Herausforderung zu verstehen. Innovation folgt auf die Erkenntnis, dass etwas falsch läuft. Sind wir bereit, uns einzugestehen, dass Millionen Äthiopier ein jämmerliches Leben führen? Wir brauchen eine Politik, die die Reichweite des Problems und die Notwendigkeit der Veränderung erkennt, und dann müssen wir auf verschiedenen Gebieten handeln:

  • Juristisch gesehen ist der Grundbesitz das größte Problem. Laut Verfassung gehört alles Land dem Staat. Es kann weder verkauft noch verpachtet werden. Das bremst Flurbereinigung und Mechanisierung. Privatbetriebe können keinen Boden erwerben.
  • Was Technik angeht, brauchen Bauern Information und systematischen Rat zu Dingen wie Mechanisierung, Samen, Düngemittel und Wassermanagement.
  • Weil Innovationen Geld kosten, brauchen Bauern Kredite, also ist eine Landwirtschaftsbank nötig.
  • Wir müssen auf Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit achten.
  • Unabdingbar ist dezentrale Urbanisierung mit Märkten in Klein- und Mittelstädten. Die Verarbeitung von Agrarerzeugnissen schafft Arbeit, wofür wiederum Aus- und Weiterbildung nötig sind. Die GIZ könnte das unterstützen, die Qualität der beruflichen Bildung Deutschlands ist weithin anerkannt.

Zuerst müssen wir jedoch unsere Haltung korrigieren. Es gilt, Armut zubekämpfen und uns auf Hoffnung, Würde, Verantwortung und Kreativität auszurichten. Wir müssen ehrgeiziger denken und Wohlstand für die nächste Generation anstreben.

Agrarmaschinen und Konsolidierung kleiner Flächen setzen Arbeitskräfte frei. Finden die Betroffenen Arbeit in den Städten?
Nein, nicht sofort. Deshalb wurden in der westlichen Welt soziale Sicherungssysteme eingerichtet, und das brauchen wir auch. Denken Sie daran, dass 20 Prozent unserer Bevölkerung von humanitärer Hilfe abhängen. Das ist auch eine Art Sozialhilfe. Wir haben keine Alternative. Wir können im 21. Jahrhundert nicht überleben, wenn wir die Landwirtschaft nicht modernisieren. Zwischen Angebot und Nachfrage an landwirtschaftlichen Produkten klafft eine riesige Lücke. Wir geben wertvolle Devisen aus, um Getreide zu importieren, das wir selbst anbauen könnten. Traditionelle Anbaumethoden lassen uns im Stich, während die Umwelt kollabiert und eine wachsende Zahl von Städtern Perspektiven sucht.

Haben Staat und Wirtschaft die nötigen Kapazitäten, um entsprechend zu handeln?
Kapazitäten sind nie einfach gegeben. Sie werden geschaffen, um menschliche Pro­bleme zu lösen. Bisher versuchte die Regierung, alles selbst in die Hand zu nehmen – Straßen- und Schulbau, Gesundheitswesen, Landvergabe und Schaffung von Arbeitsplätzen. Folglich ist die Gesellschaft wie gelähmt. Die Leute erwarten, dass die Regierung sie mit allem versorgt. Das untergräbt Motivation, Innovation und die Entstehung neuer Arbeitsplätze. Der Staat hat eine wichtige Rolle und muss beispielsweise für Infrastruktur sorgen. Aber er muss den Privatsektor als Partner behandeln.

Nennen Sie bitte ein Beispiel
Jahrzehntelang haben Kleinbauern darunter gelitten, dass lokale Behörden sie nicht rechtzeitig mit dem richtigen Dünger versorgten. Die Privatwirtschaft kann es sich dagegen nicht leisten, lange auf unverkauften Düngerbeständen zu hocken. Private Anbieter sind hochmotiviert, sie rechtzeitig zu verkaufen. Hier funktioniert Privatwirtschaft besser als der Staat. Entscheidend ist, den privaten Sektor und die öffentliche Hand effektiv und effizient zu verbinden.

Erfordert das nicht Wissen und Kompetenzen, an denen es momentan mangelt?
Ich sehe viel ungenutztes Potenzial in Bezug auf Ausbildung, Wissenserwerb und Entwicklung von Kapazitäten. Nicht nur die Regierung geht die Dinge falsch an – die äthiopische Gesellschaft tut das auch. Wissen und Fähigkeiten lassen ich schnell ausbauen. Traktorfahren ist kein Hexenwerk. Im Buch bespreche ich zwei Unternehmen, die französische-äthiopische Eisenbahn, die zugrunde ging, und Ethiopian Airlines, die Neuerungen vornahm und zu einer der größten und sichersten Fluggesellschaften Afrikas wurde. In beiden Fällen waren die Belegschaften äthiopisch und entstammten demselben Bildungswesen. Ethiopian Airlines zeigt, dass wir erfolgreich sein können, wenn wir das System richtig gestalten.


Quelle
Diriba, G., 2018: Overcoming Agricultural and Food Crises in Ethiopia. Eigenverlag, Vertrieb über Amazon sowie Shama Books in Äthiopien.

Getachew Diriba arbeitete für verschiedene Hilfsorganisationen, auch für GTZ, KfW, Care und das Welternährungsprogramm. Nachdem er 2017 in den Ruhestand ging, veröffentlichte er sein Buch über nötige Reformen in Äthiopien.
[email protected]

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