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Editorial

Zäher Fortschritt

von Eva-Maria Verfürth
Worker in a Bangladeshi rice mill

Worker in a Bangladeshi rice mill

„Wir sehen beide nicht aus wie unsere Vorgänger.“ So begrüßte US-Präsident Barack Obama die deutsche Regierungschefin Angela Merkel kürzlich in Washington. Die erste Frau im deutschen Kanzleramt wurde nur wenige Jahre früher gewählt als der erste Afroamerikaner im Weißen Haus.

Andere Staaten waren Deutschland darin voraus, einer Frau die Macht anzuvertrauen – darunter Entwicklungsländer wie Indien, die Philippinen oder Liberia. Indira Gandhi, Corazon Aquino und Ellen Johnson-Sirleaf blieben aber Ausnahmen. Frauen bekleiden in Industrie- wie in Entwicklungsländern nach wie vor nur selten Spitzenämter in Politik und Wirtschaft. Sie werden auch sonst auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Daran haben auch mehrere Jahrzehnte Kampagnen – schon 1975 war für die UN das Internationale Jahr der Frau – nur wenig geändert.

Dabei arbeiten die meisten Frauen ebenso hart wie Männer, ihre Einkommen sind unverzichtbar für ihre Familien und die Volkswirtschaften ihrer Länder. Der große Unterschied zwischen Männern und Frauen sind nicht Leistung oder Können – es sind die Chancen auf Karriere, gute Bezahlung und menschenwürdige Arbeitsbedingungen. In Industrieländern verdienen Frauen bei gleicher Qualifikation im Schnitt weniger als Männer. In Entwicklungsländern kommt hinzu, dass sie oft im informellen Sektor, in Privathaushalten oder Sonderwirtschaftszonen rackern. Solche Jobs sind unsicher, schlecht bezahlt und bringen keinen sozialen Schutz. Manche Länder benachteiligen Frauen schon beim Zugang zu Bildung. Wo Bildungsgleichberechtigung einigermaßen erreicht ist, schneiden Mädchen in Schule und Universität zwar im Schnitt sogar besser ab als Jungen, dennoch stehen sie auf dem Arbeitsmarkt an zweiter Stelle. Das liegt an kulturellen Rollenverständnissen und daran, dass Frauen oft für das Arbeitsleben weniger relevante Fächer wählen.

Das vermutlich größte und nicht vollständig überwindbare Hindernis für Frauen ist jedoch ihre Rolle als Mutter. Kinderkriegen behindert in allen Ländern den beruflichen Aufstieg, da Frauen für einige Zeit aus dem Arbeitsleben aussteigen müssen. In vielen Ländern tragen sie zudem die volle Verantwortung für Haushalt und Familie. Umso wichtiger sind arbeitsrechtlicher Mutterschutz, Ganztagsschulen und Absicherung im Fall von Krankheit und Arbeitslosigkeit.

Politische Reformen überwinden traditionelle Normen zwar nicht schlagartig, sie können aber neue Sichtweisen anstoßen. Und Frauen verdienen im Arbeitsleben Schutz und Förderung. Sie halten durch ihre Erwerbs- und Hausarbeit ganze Gesellschaften zusammen – nicht zuletzt durch ihre höhere Bereitschaft, in sozialen Bereichen mit hoher Arbeitslast und geringer Bezahlung wie etwa dem Gesundheitswesen zu schuften.

Obamas Worten zufolge ist es „ein Zeichen für den Fortschritt und die Freiheit, die in unserer Welt möglich sind“, dass er und Merkel die Gipfel der Macht erklommen haben. Es ist wahr, es gibt Fortschritt – doch er bleibt zäh. Die Frauenquote in Parlamenten liegt weltweit immer noch unter 20 Prozent, obwohl sie in den vergangenen Jahren stetig gestiegen ist. Je mehr Frauen politisch Einfluss gewinnen, umso stärker werden sie sich für ihre eigenen Belange einsetzen können.

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Die Redaktion freut sich, einen lang gehegten Wunsch zu verwirklichen: Von dieser Ausgabe an erscheinen wir mit Farbfotos.