D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Kommunale Klimapartnerschaft

Erneuerbare Energie für Nicaragua

von Birgit Reher, Stefan Jankowiak

Meinung

Project presentation in front of a community centre.

Project presentation in front of a community centre.

Die Stadt Bielefeld kooperiert seit 1984 mit der 120 000-Einwohner-Stadt Estelí in Nicaragua. In den vergangenen Jahren bekam die Partnerschaft eine immer stärkere klimapolitische Ausrichtung. Birgit Reher vom Umweltamt Bielefeld und Stefan Jankowiak vom Welthaus Bielefeld erklären im Interview mit Hans Dembowski und Sabine Balk wie die Zusammenarbeit konkret aussieht. Interview mit Birgit Reher und Stefan Jankowiak

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf Estelí?
Reher: Das Klima wird immer extremer. Die Trockenzeiten werden länger, dafür gibt es kürzere Regenzeiten mit Starkregenfällen. Die Folgen sind vermehrte Hochwasserereignisse und eine zunehmende Bodenerosion.  Mit der Veränderung der Regen- und Trockenzeiten verschieben sich gleichzeitig die Vegetationszeiten und es kommt zunehmend zu Ernteverlusten. Das ist nicht nur ein Problem beim sehr wichtigen Kaffeeanbau, auch der Anbau von Grundnahrungsmitteln wie Bohnen und Mais ist davon betroffen. Die Folgen sind vor allem steigende Preise, da Grundnahrungsmittel teils importiert werden müssen.  
Jankowiak: Außerdem ist zu beobachten, dass der Fluss der Stadt, der Rio Estelí, nur noch nach starken Regenfällen ausreichend Wasser führt, ansonsten ist er fast das ganze Jahr über ausgetrocknet. Mittlerweile hat sogar das Umweltministerium in Managua reagiert, wo sich eine  eigene Abteilung mit den Auswirkungen des Klimawandels beschäftigt. So gehen aktuelle Szenarien davon aus, dass sich in den nördlichen Landesteilen die Regenmenge in den kommenden 50 Jahren um 30 Prozent reduzieren wird. Aktuell ist bereits ein Temperaturanstieg von durchschnittlich 0,89 Grad registriert worden, bis 2030 sollen es sogar zwei Grad sein.
 

Können angesichts solcher globaler Veränderung Kommunen irgendetwas tun?
Jankowiak: Das ist in der Tat schwierig. Kommunen können nur bedingt auf den Klimawandel reagieren, sind doch die Verursacher in den Industrie- und Schwellenländern auszumachen. Einige Handlungsspielräume für eine Stadt wie Estelí gibt es allein im Bereich der Klimaanpassungsmaßnahmen. So gibt es Planungen, den Quellbereich des Rio Estelí verstärkt aufzuforsten, um einem Versiegen der Quellen entgegenzuwirken. Wasser aus Tiefbrunnen soll jetzt die Bewässerung der sich ausdehnenden Tabakplantagen absichern. Dies wirkt sich allerdings wieder negativ auf den Grundwasserspiegel aus und trifft vor allem die Kleinbauern, die kein Geld haben, um immer tiefere Brunnen zu bohren.

Wie unterstützt die Stadt Bielefeld Estelí konkret in Bezug auf Klimafragen?
Reher: Es gibt verschiedene Projekte, die wir über die Städtepartnerschaft durchführen. Wir treten dabei als Vermittler auf, um Projekte anzustoßen. Deshalb beteiligen wir uns etwa gemeinsam mit dem Welthaus Bielefeld an dem Projekt „50 kommunale Klimapartnerschaften“. Unsere Rolle als Stadt ist es, verschiedene Akteure aus Bielefeld für Klimaprojekte zu gewinnen wie beispielsweise die Fachhochschule Bielefeld, die an dem Projekt Erneuerbare Energien in Estelí mitarbeitet.
Jankowiak: Aktuell setzt das Welthaus Bielefeld, das in Estelí ein Städtepartnerschaftsbüro hat, mit seinen Partnerorganisationen vor Ort ein Projekt zum Einsatz erneuerbarer Energien um. Es wird mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert und zusammen mit der Stiftung Biohaus aus Paderborn durchgeführt. Dabei geht es um die Elektrifizierung des Biosphärenreservat Miraflor-Moropotente basierend auf Solar-, Wind- und Wasserkraft. 700 Familien sollen so erstmals mit Strom versorgt werden, genauso wie Produktionsgenossenschaften, Schulen und Gesundheitsposten. Wir achten auch darauf, dass dies von der Bevölkerung mitgetragen wird und fragen nach: „Was braucht Ihr?“.  Für uns ist dies in jeder Hinsicht ein Pilotprojekt, denn wir wollen damit auch die energiepolitische Diskussion in Nicaragua mit anstoßen. Bis heute gibt es dort kein Einspeisegesetz, was verhindert, dass mehr Menschen in erneuerbare Energien investieren. Schließlich hat die Regierung von Nicaragua sehr ambitionierte Ziele. Sie will bis 2020 Energie nur noch aus regenerativen Quellen gewinnen. Bisher setzte man zu über 60 Prozent auf Erdöl. Es gibt erste Fortschritte, so wurde im Süden des Landes ein großer Windpark realisiert, der 120 Megawatt liefert, das entspricht 22 Prozent des Energiebedarfs des Landes.
Reher: Ein Problem ist leider, dass der europäische CO2-Handel am Boden liegt. Durch die Möglichkeit, sich Investitionen in Clean Development Projekte in Entwicklungs- und Schwellenländern auf die eigenen Zertifikate anrechnen zu lassen, wurde zu Beginn des Emissionshandels Kapital für Projekte wie den Windpark mobilisiert. Die Preise sind aber verfallen, weil die Politik Emissionsrechte zu großzügig vergeben hat, sodass sich solche Projekte nicht mehr rechnen.  

Erneuerbare Energie dient aber dem Klimaschutz, nicht der Anpassung an Klimaveränderungen …
Jankowiak: Ja, das stimmt. Es ist aber auch ein Projekt zur Anpassung in Planung, bei dem es um die Renaturierung im Bereich des Rio Estelí in der Innenstadt geht. Leider gibt es noch Finanzierungsschwierigkeiten. Zudem gibt es Forschungsprojekte, die der Frage nachgehen, wie das Saatgut von Bohnen und Mais angepasst werden muss, damit sie auch unter trockeneren Bedingungen wachsen können.

Wie hat der verheerende Hurrikan Mitch 1998 das Klimabewusstsein in Nicaragua verändert?
Jankowiak: Die Nicaraguaner wissen, dass ihr Land klein ist und sie auf globale Entwicklungen wenig Einfluss haben. Sie versuchen, pragmatisch mit den Risiken umzugehen. Erdrutsche haben damals besonders viele Menschenleben gefordert, also ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass Hänge bepflanzt werden sollten, um solchen Ereignissen vorzubeugen.

Wie hat die Klimapartnerschaft mit Estelí Bielefeld verändert?
Reher: Durch die Erfahrung mit Estelí ist hier vor Ort eine Sensibilisierung für durch den Klimawandel verursachte Probleme entstanden. Um den Klimawandel zu stoppen, müssen ja vor allem wir, die Industrieländer, unseren Energieverbrauch reduzieren. Während in Nicaragua etwa 0,8 Tonnen CO2 pro Person und Jahr ausgestoßen werden, sind es in Deutschland rund zehn Tonnen pro Kopf. Der indirekte CO2 -Ausstoß ist noch viel höher, weil deutsche Firmen CO2 -intensive Produktionslinien in Entwicklungs- und Schwellenländer verlagert haben. Diese Waren werden dann wieder zu uns transportiert und konsumiert. Da ist es natürlich sehr gut, wenn Entwicklungsländer gleich von Beginn an auf regenerative Energie setzen.

Wie wird die Partnerschaft mit Estelí in Bielefeld sichtbar?
Reher: Eine konkrete Aktion ist der „Bielefeld Kaffee“, den wir seit 2013 direkt von der Kaffeegenossenschaft UCA Miraflor beziehen. Darin sind 412 Kaffeebauern aus Estelí organisiert. Die fair gehandelte Bohne wird von einer lokalen Rösterei in Bielefeld weiterverarbeitet und vermarktet.

Wie ist die Partnerschaft mit Estelí entstanden?
Jankowiak: Im Zuge der Unabhängigkeitsbewegungen Ende der 1970er in Nicaragua gab es eine starke Solidaritätsbewegung in Bielefeld, die vor allem politisch ausgerichtet war. Über das Welthaus wurden Kontakte nach Estelí geknüpft. Seit 1984 gibt es eine Städtepatenschaft, seit 1995 die offizielle Städtepartnerschaft. Diese ist immer noch sehr lebendig, so werden nach wie vor zahlreiche Bildungsprojekte an Schulen und Kindergärten sowie weitere Infrastrukturprojekte gefördert. In den vergangenen Jahren sind klimapolitische Projekte stärker in den Mittelpunkt gerückt.