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Flucht aus Syrien

Wie Frauen ums Überleben kämpfen

von Dagmar Wolf

In Kürze

Zu der Angst vor Krieg und Gewalt kommt der tägliche Kampf ums Überleben: Syrische Flüchtlingsfrau im Diavata UNHCR-Flüchtlingscamp im Norden Griechenlands.

Zu der Angst vor Krieg und Gewalt kommt der tägliche Kampf ums Überleben: Syrische Flüchtlingsfrau im Diavata UNHCR-Flüchtlingscamp im Norden Griechenlands.

Immer mehr Frauen aus Syrien sind allein mit ihren Kindern auf der Flucht vor Krieg und Gewalt. Dabei sind sie neuen Gefahren und Herausforderungen ausgesetzt, so eine aktuelle Studie der Hilfsorganisation CARE.

Die Frauen fliehen vor Krieg und Gewalt aus ihrer Heimat und wollen sich und ihre Kinder in Sicherheit bringen. Doch auf der Flucht widerfahren ihnen häufig erneut Gewalt und sexuelle Übergriffe. Zudem sind sie abhängig von Schmugglern und Menschenhändlern. Viele Frauen sind allein auf der Flucht, weil Väter und andere männliche Familienangehörige im Bürgerkrieg kämpfen oder umgekommen sind oder weil sich diese bereits vor ihnen auf die ungewisse und gefährliche Flucht nach Europa aufgemacht haben.

Im Juni 2016 waren der CARE-Studie „On her own“ zufolge allein in der MENA-Region einschließlich der Türkei rund 4,8 Millionen syrische Flüchtlinge unterwegs, etwa die Hälfte davon Frauen. Die Hilfsorganisation weist darauf hin, dass viele dieser Frauen durch den Zerfall der Familien vor völlig neuen Herausforderungen stünden und mit Aufgaben konfrontiert seien, die nicht mehr ihrem traditionellen Rollenmodell entsprechen. Dies führe wiederum zu Konflikten und Gewalt innerhalb der Familien.

Durch die Abwesenheit männlicher Familienangehöriger würden Frauen in die Rolle des Haushaltsvorstands gedrängt und müssten zunehmend Verantwortung auch außerhalb der Familie übernehmen – Aufgaben, die traditionell den Männern zufielen. Frauen hätten aber, bedingt durch ihre traditionelle Rolle, wenig Kontakt zur Außenwelt und somit auch weniger Zugang zu Informationen als Männer – Informationen, die sie aber dringend brauchten, um die richtigen Entscheidungen für sich und ihre Familien treffen zu können. So fand beispielsweise eine UN-Studie über Flüchtlinge im Balkan heraus, dass die meisten männlichen Flüchtlinge im Besitz von Mobiltelefonen waren und sich so über Hilfsnetzwerke, Flüchtlingspolitik oder geänderte Routen informieren konnten. Frauen hätten diese Möglichkeiten meist nicht und seien häufiger mit Sprachbarrieren konfrontiert.

Laut Recherchen von CARE in Jordanien steigt die Anzahl der syrischen Flüchtlingsfamilien, bei denen Frauen den Haushaltsvorstand stellen, immer weiter. Waren vor einigen Jahren noch 25 Prozent der Haushalte von Frauen geführt, seien es im Juni 2016 schon 40 Prozent gewesen. In Griechenland sei dies nach Angaben von CARE sogar schon bei der Hälfte aller syrischen Flüchtlingsfamilien der Fall.

Neben zunehmender Gewalt, Bedrohungen und sexuellen Übergriffen seien immer mehr syrische Flüchtlingsfrauen und ihre Familien von akuter Armut bedroht. Während vor zwei Jahren noch 50 Prozent der Frauen angaben, genug zu essen zu haben, seien es laut CARE jetzt nur noch 15 Prozent. Untersuchungen der Hilfsorganisation aus diesem Jahr haben ergeben, dass vier von fünf syrischen Flüchtlingen in Jordanien unterhalb der Armutsgrenze leben. Oftmals wurde das ganze Familieneinkommen aufgewendet, um einem Mitglied die weitere Flucht zu finanzieren, in der Hoffnung, dass die Familien nachkommen können. Viele Flüchtlingsfamilien seien inzwischen hoch verschuldet, so die Studie. Mit der zunehmenden Verschlechterung der Lebensbedingungen für Flüchtlinge steige aber auch der Druck auf die Frauen. Diese sähen oftmals keinen anderen Ausweg, als ihren Körper zu verkaufen, um ihr eigenes und das Überleben ihrer Kinder zu sichern. In Jordanien werde bereits jedes zehnte syrische Mädchen viel zu früh verheiratet, weil ihre Mütter sie nicht mehr versorgen könnten, warnt CARE.

Viele syrische Flüchtlingsfrauen leiden der Studie zufolge unter Traumata. Zu der Angst vor Krieg und Gewalt, denen sie gerade entkommen sind, komme nun der tägliche Kampf ums Überleben hinzu. Gewalt, sexuelle Übergriffe, das endlose Warten, der Verlust der Würde und die Perspektivlosigkeit führten zu immer mehr Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, bilanziert die Studie.

CARE fordert daher Regierungen und globale Institutionen dazu auf, mehr Unterstützung für Flüchtlingsfrauen bereitzustellen und ihre besonderen Bedürfnisse zu beachten. Es müssten außerdem legale und sichere Fluchtwege für Frauen und Kinder geschaffen werden. Eine Flucht vor dem Krieg in Syrien dürfe nicht bedeuten, dass an seine Stelle sexualisierte Gewalt, Menschenhandel und Missbrauch trete, fordert die Hilfsorganisation.

Dagmar Wolf

Link
CARE, 2016: On her own. How women forced to flee Syria are shouldering increased responsibility as they struggle to survive.
http://www.care-international.org/files/files/CARE_On-Her-Own_refugee-media-report_Sept-2016.pdf

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