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Zivilgesellschaftliches Engagement

„Musik begleitete mich immer“

von Elizabeth Wamuni Njoroge, Isabella Bauer

Hintergrund

Junge Geigerin aus Korogocho.

Junge Geigerin aus Korogocho.

Im Projekt Ghetto Classics bekommen Jugendliche aus dem Slum Korogocho in Nairobi, Kenia, die Chance, ein Instrument zu lernen und im Orchester zu spielen. Möglich macht das die Art of Music-Stiftung. Isabella Bauer hat mit der Gründerin Elizabeth Wamuni Njoroge gesprochen.

Welche Ziele verfolgt die Art of Music-Stiftung?
Wir wenden uns vor allem an junge Musikerinnen und Musiker, die sonst keine Möglichkeit hätten, die Technik richtig zu erlernen. Über die Musik vermitteln wir den Jugendlichen essenzielle Fähigkeiten wie Disziplin, Beharrlichkeit und Teamwork. Zudem bieten wir ihnen einen sicheren Raum jenseits der Gefahren ihrer Wohnumgebung und zeigen ihnen, wie ein Leben außerhalb des Slums aussehen kann. Die Mitglieder des Ghetto Classics-Orchesters sind erfolgreicher in der Schule als ihre Mitschüler und sie übernehmen auch eher verantwortliche Positionen. Darauf arbeiten wir im Grunde hin.

Es ist sehr ungewöhnlich, ein Jugendorchester in einem Slum zu aufzubauen. Wie kam es dazu?
Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, auf was ich mich da einlasse, als mich Vater Webootsa von der katholischen St. Johns Gemeinde vor ein paar Jahren fragte, ob ich Kindern Musikunterricht geben könnte. 2008 gründete ich das Ghetto Classics-Orchester. Wir haben mit 14 Jugendlichen angefangen, heute sind es über 650. Ich war jung und unerfahren und dachte, ich könnte alles.

Wie haben die Bewohner von Korogocho darauf reagiert?
Sie waren zuerst sehr skeptisch – aus nachvollziehbaren Gründen. Die Leute hier wachsen mit Reggae und Genge auf, kenianischem Hip-Hop. Sie sind misstrauisch gegenüber Nichtregierungsorganisationen und fürchten, dass sie sie nur ausnutzen wollen. Ich sehe es als einen meiner größten Erfolge, wie sehr die Leute inzwischen die Arbeit von Ghetto Classics schätzen. Es ist heute das erfolgreichste Jugendprogramm der Gemeinde und immer mehr wollen mitmachen. Die Jungen und Mädchen schätzen das Programm sehr und passen gut auf unser Equipment auf.

Welchen Hintergrund haben die Jugendlichen?
Unsere Teilnehmer kommen aus extrem schwierigen familiären Situationen. Mit diesen Herausforderungen umzugehen ist wesentlicher Bestandteil unseres Programmes: Man kann kein Kind in Musik unterrichten, das hungrig ist, nicht zur Schule gehen darf, missbraucht wird oder kein Zuhause hat. Für diese Kinder suchen wir Partner, die sich um ihre Bedürfnisse jenseits des Musikunterrichtes kümmern. Manche unserer Orchestermitglieder sind hochtalentiert, andere weniger, aber alle sind gleich willkommen.

Was bieten Sie den Jugendlichen?
Wir bieten ihnen Struktur, einen sicheren Ort und eine intakte neue Familie. Wir versuchen ihren Horizont zu erweitern, so dass sie von einem späteren Erfolg träumen können. Sie sind umgeben von Armut und Verzweiflung. Wir versuchen ihnen Fähigkeiten zu vermitteln, mit denen sie diesem Elend entfliehen können. Sieben unserer Mitglieder sind mittlerweile auf der Universität und acht haben wir angestellt, um den jüngeren Kindern Musikunterricht zu geben. Wir tun unser Möglichstes, damit alle zur Schule gehen können.

Erinnern Sie sich an jemanden, der diese Chance besonders erfolgreich nutzen konnte?
Oh, da gibt es einige. Brian Kepher zum Beispiel übernachtete vor sechs Jahren noch auf dem Fußboden einer Kirche. Jetzt ist er zur Vorbereitung auf dem Konservatorium in Lausanne und hofft, dort nächstes Jahr als ordentlicher Student zugelassen zu werden. Oder Simon Ndung'u, einer meiner ersten Schüler, der jetzt Musiklehrer und mein Manager vor Ort ist. Er wird es sehr weit bringen. Große Sorgen bereiten mir allerdings die Mädchen. Viele verlassen das Programm, weil der soziale Druck, zu tun, was andere von ihnen erwarten, zu groß ist. Frühe sexuelle Kontakte und Schwangerschaften sind normal und so schaffen viele Mädchen lediglich den High-School-Abschluss. Das ist sehr frustrierend und traurig für mich.

Worin liegen die größten Herausforderungen für die Stiftung?
Das ist Geld, Instrumente und Mitarbeiter zu bekommen. Und diese Probleme nehmen zu. Dazu kommt, dass wir mehr Räumlichkeiten brauchen, da wir ständig wachsen. Alle Mitarbeiter unserer Organisation arbeiten mindestens 110 Prozent ihrer eigentlichen Arbeitszeit. Daneben dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass das Leben der Kinder wirklich hart ist. Sie erleben unglaubliche Dinge, und wir müssen Wege finden, ihnen zu helfen, damit sie die Stärke haben, dem begegnen zu können.

Was bedeutet Ihnen Musik persönlich?
Ich selbst hatte Glück. Ich komme aus einer recht wohlhabenden Familie. Ich bin in Kanada und Großbritannien zur Uni gegangen, und dort habe ich auch meine Liebe zur klassischen Musik entdeckt. Meine Freizeit habe ich entweder mit Gesangsunterricht oder in Konzerten verbracht. Musik begleitete mich also immer – in guten wie in schlechten Zeiten. Ich wollte immer Musikerin werden, aber in meiner Familie war das leider keine Option. Und so bin ich eben eine singende Apothekerin geworden.

Was sind Ihre Pläne und Träume für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass unser Programm so viele benachteiligte Kinder erreicht wie möglich. Außerdem gibt es auch Kinder aus der Mittelschicht, deren Eltern es nicht einsehen, Geld für etwas „Unseriöses“ wie Musik auszugeben. Ich würde gerne unsere künstlerischen Standards so verbessern, dass begabte Kinder mit Kindern aus westlichen Ländern konkurrieren können. Ich träume davon, mit unseren Kindern zu verreisen, auf einer großen Bühne irgendwo auf der Welt aufzutreten. Ich träume davon, irgendwann einmal jemanden wie Gustavo Dudamel, den berühmten venezolanischen Dirigenten, hervorzubringen.

 

Elizabeth Wamuni Njoroge ist Direktorin der Art of Music-Stiftung, die das Programm Ghetto Classics und das National Youth Orchestra von Kenia ermöglicht.
http://www.artofmusic.co.ke/

Isabella Bauer ist freie Journalistin.
[email protected]

 

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