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Interview mit Tony Tujan, IBON Foundation

„Destruktives Modell des Nordens“

von Antonio Tujan Jr.
Nach dem Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen ist ein neuer Anlauf nötig, um den Treibhauseffekt zu bekämpfen. Über die Haltung der Entwicklungsländer und die Rolle Chinas hat Hans Dembowski mit Tony Tujan von der IBON Foundation, einer zivilgesellschaftlichen Bildungsinitiative in Manila, diskutiert.

Den europäischen Medien zufolge tragen China und die USA die Verantwortung für das Scheitern von Kopenhagen. Ist das so?
Mir scheint es zu einfach, nur diese beiden Länder zu beschuldigen. Mehrere Faktoren haben zu dem Flop beigetragen. Ich finde vor allem die Vorstellung falsch, alle Länder müssten bindende Reduktionsziele akzeptieren. Der Versuch, diese Menschheitskrise mit solchen Quoten zu lösen, ist unsinnig. Wir brauchen ein neues Entwicklungsparadigma, ein Modell, das zu einer gesünderen Erde führt.

Aber das Klima ändert sich aufgrund der Treibhausgasemissionen, und die Folgen sind drastisch. In Form von Fluten, Erdrutschen, Dürren, Stürmen und so weiter sind sie schon jetzt zu spüren – und in armen Ländern besonders. Also müssen doch die Emissionen rasch gesenkt werden, und ich finde, große Entwicklungsländer mit rasch wachsenden Volkswirtschaften müssen mitmachen.
Es stimmt, dass China und Indien dem destruktiven Industrialisierungsmodell des Nordens folgen. Ihre Strategie des Wirtschaftswachstums um jeden Preis ist nicht nachhaltig. Aber das ist der Lebensstil der reichen Nationen eben auch nicht. Außerdem fällt es reichen Ländern viel leichter, Emissionen zu reduzieren. Arme Gesellschaften verfügen nicht über dieselben technischen Möglichkeiten und sie haben nicht denselben Zugriff auf viele verschiedene Ressourcen.

China hat versprochen, Emissionen in Relation zur Wirtschaftsleistung zu senken. Das ist kein absolut quantifiziertes Reduktionsziel, aber es ist immerhin ein Ziel. Offensichtlich waren westliche Regierungen bereit, das grundsätzlich zu akzeptieren, und dann wurde darüber gestritten, wer die Statistiken prüft. Die Daten eines autoritären Regimes wie China sind per se nicht glaubwürdig.
Ja, China ist eine brutale Diktatur. Seine Statistiken sind verzerrt und die Menschen leiden unter dem rigiden ökonomischen Kurs. Irgendwann werden die Regierungen anderer Entwicklungsländer das durchschauen. Selbst in China wächst das Umweltbewusstsein, und zwar nicht im Sinne einer romantischen Naturliebe. Die Gesundheit der Menschen leidet unter den ökologischen Schäden. Die Strategie, das Wirtschaftswachstum weiter zu beschleunigen und China zur Fabrik der Welt zu machen, ist ganz offensichtlich nicht das, was die Menschen brauchen. Aber Ihr Ansatz ist immer noch auf Emissionsstatistiken fixiert, und so kommen wir nicht weiter. Wir brauchen einen anderen Ansatz.

Und zwar?
Ich denke an ein WirtschaftsmodelI, das nicht individuelle Einkommen und persönlichen Verbrauch betont. Wir brauchen ein ganzheitlicheres Verständnis von Wohlstand, das Dinge wie Gesundheit, Kreativität, Fähigkeiten und Werte ebenso einschließt wie das Wohlergehen von Gemeinschaften. Eine Konsumgesellschaft wie in Westeuropa und Nordamerika ist weltweit weder möglich noch wünschenswert, denn Konsumgesellschaft ist nicht nachhaltig. Deshalb wird der Wandel Ihnen in der reichen Welt auch schwerer fallen als uns in der armen, denn im Norden ist Konsumverhalten längst zur Gewohnheit geworden.

Aber warum dulden die Regierungen der am wenigsten entwickelten Länder, die vom Klimawandel am härtesten getroffen werden, dass China im UN-Kontext so tut, als spreche es für sie? Eigentlich müssten sie von China Änderungen einfordern.
Diese Regierungen fühlen sich an die Wand gedrängt. Solange Verhandlungen nur um Reduktionsziele kreisen und kein holistischeres Modell anbieten, werden sie sich nicht bewegen. Die reichen Nationen verschmutzen die Atmosphäre seit Jahrzehnten. Sie sind für den Treibhauseffekt, den wir erleben, verantwortlich. Sie müssen Reparationen leisten. Sie können nicht einfach alle anderen Länder in ein Sys­tem mit Reduktionspflichten einbinden. Darüber ist sich die arme Welt einig, inklusive Indien und China. Schauen Sie: Die Emissionen aus den Ländern, die Investmentbanker „emerging markets“ nennen, sind wirklich nur ein winziger Bruchteil der historisch relevanten Gesamtemissionen.

Aber ihr Anteil wächst schnell, und er wird Folgen haben.
Richtig, und deshalb fordere ich ein neues Entwicklungsparadigma für die ganze Menschheit. Das Kyoto-Protokoll bedeutet in der Praxis, dass, abgesehen von der Förderung irgendwelcher saubererer Techniken, alles bleibt, wie es ist. Wenn ein überzeugenderer Vorschlag für das Wohlergehen der Menschheit auf dem Tisch läge, gäbe es Bewegung innerhalb der G77, des großen Blocks der Entwick­lungsländer bei den UN. Die kleineren Länder würden sich für Reformen entscheiden, und früher oder später würde China mitziehen. Das Regime in Peking will auf keinen Fall isoliert werden. Gewissermaßen hat die Verhandlungsdynamik mit dem Fokus auf Reduktionspflichten es China ermöglicht, sich hinter anderen Entwicklungsländern zu verstecken.

Wer kann das neue Modell vorantreiben, abgesehen von zivilgesellschaftlichen Organisationen? Gibt es eine Regierung, die dazu in der Lage wäre?
Ich bin nicht sicher, Bolivien käme in Frage, aber Brasilien hätte vermutlich mehr Einfluss. Ich bin Optimist, ich glaube an die Kraft guter Ideen. Vielleicht erweist sich das Scheitern von Kopenhagen noch als nützlich, wenn wir es schaffen, einige der grundlegenden Missverständnisse zu klären. Die Menschheit braucht wirklich ein neues Leitbild.