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PEGNet-Konferenz

Maßnahmen gegen Ungleichheit

von Sabine Balk

In Kürze

Räumliche Ungleichheit schafft Spannungen: informelle Armensiedlung vor regulärem Wohnhaus in Nairobi.

Räumliche Ungleichheit schafft Spannungen: informelle Armensiedlung vor regulärem Wohnhaus in Nairobi.

Die wirtschaftlichen Wachstumserfolge einiger Entwicklungsländer haben zwar die absolute Armut verringert, auffallend ist aber, dass vielerorts der Wohlstand sehr ungleich verteilt ist. Dieses Problem besteht nicht nur in armen und aufstrebenden Ländern, sondern die Ungleichheit nimmt auch in Industrie­ländern zu. Entwicklungsökonomen haben dieses Problem im Blick und forschen daran, wie Ungleichheit in verschiedenen Formen erkannt und reduziert werden kann. Die diesjährige PEGNet-Konferenz in Zürich widmete sich diesem Thema.

PEGNet ist das Poverty Reduction, Equity and Growth Network, ein Zusammenschluss von Wissenschaftsinstituten und Praktikern der Entwicklungszusammenarbeit, mit dem Ziel, beide Bereiche besser zu verzahnen. Ungleichheit sei ein komplexes Thema und schwerer zu erfassen und zu reduzieren als Armut, stellte Isabel Günther vom NADEL – Center for Development and Cooperation der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich fest. Die Bekämpfung von Ungleichheit habe auch immer etwas mit Umverteilung zu tun.

Giovanni Andrea Cornia von der Universität Florenz forscht seit vielen Jahren zum Thema Ungleichheit. Generell habe es viele Rückschläge, etwa im ländlichen Indien, gegeben, aber auch viele Verbesserungen, etwa in Lateinamerika. Aktuell hat Cornia für das United Nations Development Programme (UNDP) eine umfangreiche Studie zur Situation in Subsahara-Afrika gemacht. Er untersuchte, wie sich Ungleichheit von 1990 bis 2011 in 39 Ländern entwickelt hat.

Dabei stellte der Wissenschaftler Folgendes fest: 40 Prozent der Bevölkerung südlich der Sahara lebt in 17 Ländern mit sinkender Ungleichheit, aber 60 Prozent in zwölf Ländern mit steigender Ungleichheit. Für die Mehrheit der Menschen nimmt die Ungleichheit der Einkommensverteilung also zu. Dabei ist laut Cornia die Wirtschaftsleistung generell gestiegen und auch die absolute Armut wurde reduziert. Dies bedeute aber nicht, dass der Wohlstand gleichmäßig verteilt wurde. Das Hauptproblem sieht der Ökonom darin, dass viele Länder ein ungesundes Wachstum von Rohstoffsektoren wie Mineralien oder Öl erfuhren, was nicht der breiten Masse zugutekam.

Cornia identifiziert Schlüsselfaktoren für wachsende Ungleichheit:

  • hohes Bevölkerungswachstum,
  • fehlende Sekundär- und Berufsbildung,
  • fehlende umverteilende Maßnahmen etwa mittels Steuern und Sozialabgaben und
  • Gewaltkonflikte.

Um Ungleichheit zu verringern, hält der Wissenschaftler folgende entwicklungspolitische Maßnahmen für sinnvoll:

  • Investitionen in soziale Sicherungs­systeme und Cash-Transfer-Programme.
  • Erstere wurden zum Beispiel in Äthiopien von Gebern bezahlt und hatten eine sofortige positive Wirkung.
  • Investitionen in Bildungsmaßnahmen. Diese wirkten sich besonders bei sehr armen Kindern aus und zahlten sich innerhalb von fünf bis zehn Jahren aus.
  • Verbesserungen in der Landwirtschaft. Zum einen müssen laut Cornia die Erträge gesteigert und zum anderen das Land gerechter verteilt werden.
  • Maßnahmen zur Senkung der Geburtenrate. Diese zeigten aber erst in ein bis zwei Generationen Wirkung.

Auch Maßnahmen wie ein Schuldenerlass für hochverschuldete Länder reduziere die Ungleichheit maßgeblich, fand Cornia heraus. Zudem könnten Steuern eine gerechte Verteilung vorantreiben; Handelsliberalisierung heize die Ungleichheit hingegen an.
Samuel Kofi Tetteh-Baah aus Ghana ist Doktorand beim NADEL. Er erforscht Ungleichheit innerhalb von sozialen Gruppen, die Identität, Ethnie oder Religion teilen. Tetteh-Baah wertete Daten aus 36 Ländern im Zeitraum 1990 bis 2015 aus. Er untersuchte sie in Hinsicht auf vier Indikatoren:

  • Bildungserfolg,
  • Wohlstand,
  • Körpergröße von Kindern und
  • Kindersterblichkeit.

Er fand heraus, dass die Ungleichheit innerhalb sozialer Gruppen im Untersuchungszeitraum in Afrika generell gesunken ist. Besonders die Größenentwicklung und Sterblichkeit von Kindern war innerhalb der Gruppen ziemlich homogen. Tetteh-Baahs Untersuchungen zufolge stören sich die Menschen innerhalb einer Gruppe am meisten an der unfairen Verteilung von Raum und Land. Ethnische Ungleichheit werde eher akzeptiert, und religiöse und geschlechtsspezifische Ungleichheit werde am wenigsten beanstandet.

Das Bildungs- und Wohlstandsgefälle sei also innerhalb der jeweiligen Gruppen rückläufig, innerhalb der gesamten Gesellschaft der untersuchten Länder (vertikale Ungleichheit) sei es aber immer noch sehr hoch. Daraus folgert Tetteh-Baah, dass trotz einer beachtlichen Zunahme des Lebensstandards die räumliche und ethnische Ungleichheit in Afrika hoch bleibt.

Darüber, wie sich Steuerpolitik auf Armut und Ungleichheit auswirkt, forscht der Ökonom Jon Jellema von der Tulane University in New Orleans. Er beschäftigt sich damit, wie viel Wohlstandsumverteilung und Armutsreduzierung durch Steuern gelingen kann. Antworten dazu finden sich im Handbuch „Estimating the impact of fiscal policy on inequality and poverty“ des Commitment to Equity (CEQ) Institute, in dem er tätig ist. Das Buch beruht auf Studien des Instituts, das die Steuerpolitik von 30 Ländern untersucht hat.

Jellema sagt, Staatseinnahmen und Staatsausgaben dürften nicht getrennt analysiert werden. Negative Auswirkungen von Steuern könnten nämlich durch sozial- und gesellschaftspolitische Leistungen des Staates mehr als ausgeglichen werden. Selbst regressive Steuern, die arme Haushalte stärker belasteten als reiche Haushalte, könnten helfen, Ungleichheit zu reduzieren, wenn mit ihnen entsprechende Staatsausgaben finanziert würden.

Jellema zufolge wirken direkte Steuern (wie die Einkommensteuer) Ungleichheit immer entgegen. Das gilt auch für Staatsausgaben im Bildungs- und Gesundheitswesen. Auch indirekte Steuern (wie die Mehrwertsteuer) könnten Gleichheit fördern, wenn das Aufkommen sinnvoll verwendet werde.

Die PEGNet-Konferenz ist eine der wenigen Konferenzen, die Wissenschaftler und Praktiker zusammenbringt, und alle Beteiligten waren sich einig, dass es mehr Plattformen wie diese brauchte. Dennoch bedauerten einige Praktiker, dass sich viele Wissenschaftler sichtlich schwertaten, ihre oft recht theoretischen Ergebnisse für sie greifbar zu machen und konkrete Handlungsempfehlungen daraus abzuleiten.


Link
Commitment to Equity Institute, 2017: Handbook.
http://www.commitmentoequity.org/publications-ceq-handbook/

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