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Integrative Berufsbildung

Barrieren abbauen

von Maxine Bayer, Marieke Fischer, Judith Guckenbiehl, Jana Hake

Hintergrund

Ein selbstständiges Leben ist für Menschen mit Behinderung in Ruanda nicht leicht.

Ein selbstständiges Leben ist für Menschen mit Behinderung in Ruanda nicht leicht.

In Ruanda ist die Jugendarbeitslosigkeit hoch, und Jugendliche mit Behinderung haben es auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer. Die Regierung bemüht sich um Integration. Doch gegen Vorurteile von Arbeitgebern, institutionelle Hürden und physische Barrieren muss weiter vorgegangen werden.

Ruanda hat seit dem Ende des Genozids im Jahr 1994 wirtschaftlich und sozial eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Gut ausgebildete Fachkräfte sind auf dem Arbeitsmarkt begehrt. Andererseits kämpft das Land mit einer extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit. Angebot und Nachfrage passen nicht zusammen: Benötigt werden vor allem Handwerker, doch die meisten Schulabsolventen bevorzugen eine universitäre Ausbildung.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, fördert die ruandische Regierung den Berufsbildungssektor (Technical and Vocational Education Training – TVET). Ihr Ziel ist zudem die wirtschaftliche und soziale Integration von jungen Menschen mit Behinderung. Diese sind stark von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen.

Masterstudentinnen der Philipps-Universität Marburg untersuchten daher im Rahmen eines Forschungsprojektes im Jahr 2015 in Ruandas Hauptstadt Kigali, welches Potenzial TVET in diesem Zusammenhang hat und welche institutionellen Charakteristika der Bereich der beruflichen Bildung aufweist. Das Projekt ging folgenden Forschungsfragen nach:

  • Wie stellt sich der institutionelle Rahmen der Berufsbildung für Menschen mit Behinderung dar?
  • Inwiefern verändert die Teilnahme an Berufsbildungsprogrammen ihre Berufschancen sowie die soziale und wirtschaftliche Integration?
  • Inwiefern kann der institutionelle Rahmen der Berufsbildung für Menschen mit Behinderung positiv weiterentwickelt werden?

Während der Datenerhebung in Kigali befragten die Studentinnen zum einen nationale und internationale Experten etwa von Schulträgern, NGOs und Regierungsorganisationen. Zum anderen dokumentierten Menschen mit Behinderung in lokalen Berufsbildungsprogrammen selbst ihre Einschätzungen.

Die Ergebnisse zeigten, dass Jugendliche mit Behinderung auf dem ohnehin stark umkämpften ruandischen Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Das liegt in erster Linie an Vorurteilen und dem daraus folgenden Widerwillen vieler Arbeitgeber, Betroffene einzustellen. So bleibt Menschen mit Behinderung häufig nur die berufliche Selbstständigkeit. Die jungen Auszubildenden selbst erhoffen sich, ihre erlernten Fähigkeiten einsetzen zu können, um finanziell unabhängig zu sein, ihre Familien zu unterstützen und durch ihre Leistung zur Entwicklung Ruandas beizutragen.

Für die soziale Integration und ein selbstbestimmtes Leben wird berufliche Bildung als wichtige Grundlage betrachtet: Die Jugendlichen wünschen sich Gleichberechtigung und Anerkennung ihrer Fähigkeiten. Sowohl die Experten als auch die Betroffenen betonten, dass größere Anstrengungen zur Sensibilisierung der Gesellschaft nötig sind.


Positiver Trend

Der Trend ist positiv: Während junge Menschen mit Behinderung anfangs lediglich vereinzelt in staatlichen Berufsschulen anzutreffen waren, initiieren heute immer mehr NGOs und Durchführungsorganisationen staatlicher Entwicklungshilfe (official development assistance – ODA) Berufsbildungsprogramme, die Menschen mit Behinderungen berücksichtigen.

Zugleich steht der integrative Berufsbildungssektor in Kigali vor großen Herausforderungen. Erhebliche physische Barrieren und ein Mangel an Ressourcen – vor allem finanzieller Art, aber auch bezüglich der Ausstattung der Schulen – erschweren die Inklusion, und politische Maßnahmen zum Nutzen von Menschen mit Behinderung werden häufig nur unzureichend umgesetzt. Die Experten sehen hierfür mehrheitlich die Regierung in der Verantwortung. Die Jugendlichen selbst bestätigen die mangelhafte Ausstattung der Bildungseinrichtungen, zeigen sich jedoch größtenteils zufrieden mit den Lehrprogrammen.

Arbeitgeber könnten mit zusätzlichen Sensibilisierungs- und Unterstützungsmaßnahmen dazu gebracht werden, ihre ablehnende Haltung zu ändern und Menschen mit Behinderung in Rekrutierungsprozessen vermehrt zu berücksichtigen. Auch systematische Ansätze zu Berufsberatung und Coaching vor und nach den Programmen sowie Angebote für die Übergangsphase zwischen Schulabschluss und Berufseinstieg könnten eine Lösung sein. Eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft würde dazu beitragen, die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu schließen.

Trotz der fortbestehenden Herausforderungen sind kontinuierliche Fortschritte bei der Einbindung von Menschen mit Behinderung zu verzeichnen. Besonders die erlernten praktischen Fähigkeiten ermöglichen den betroffenen Jugendlichen eine neue Form der Selbstständigkeit. Wichtige politische Maßnahmen wurden auf den Weg gebracht. Es bleibt abzuwarten, wie Gesellschaft und Politik gemeinsam den Weg zu einer gleichberechtigten und integrativen Gesellschaft ebnen, um die weitere wirtschaftliche und soziale Entwicklung Ruandas zu gestalten.


Maxine Bayer ist Projektmanagerin für die Implementierung von Remote Monitoring-Lösungen in Entwicklungsprojekten. Alle Autorinnen waren als M.A.-Studentinnen der Philipps-Universität Marburg an dem Forschungsprojekt in Ruanda beteiligt. Die Projektbetreuung hatte Michael Kirk, Professor für Entwicklungs- und Kooperationsökonomie.
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Marieke Fischer ist M.A.-Studentin International Development Studies.
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Judith Guckenbiehl ist Junior-Projektmanagerin im Bereich Jugendbeschäftigung.
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Jana Hake ist Trainee im Produktmanagement in der Tourismusbranche.
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