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Reproduktive Gesundheit

Unfruchtbarkeit ist ein Menschenrechtsthema

von Bimbola Oyesola

Hintergrund

Traditionelle Yoruba-Kunst: eine hölzerne Mutterfigur.

Traditionelle Yoruba-Kunst: eine hölzerne Mutterfigur.

Die Geburt eines Kindes ist in Nigeria eine gesellschaftliche Pflicht. Unfruchtbare Paare werden schikaniert und geächtet – Frauen leiden darunter am stärksten.

In vielen Teilen Afrikas gilt Unfruchtbarkeit in einer Ehe als Unglück. Auch in Nigeria ist der Druck auf frisch Verheiratete groß, das erste Kind wird neun Monate nach der Hochzeit erwartet. Ist ein Paar zwei Jahre nach der Hochzeit noch kinderlos, erhält es häufig ungefragt anmaßende Ratschläge von Familie und Freunden.

In vielen Weltregionen gelten Abtreibung und Verhütungsmittel als Schlüsselthemen der Frauenrechte im Bereich der reproduktiven Gesundheit (siehe hierzu Virginia Caballero und María Lía Ghezzi auf www.dandc.eu). Das Thema Fruchtbarkeit ist jedoch ebenso wichtig – vor allem dort, wo viele Menschen keinen Zugang zu wissenschaftlicher, evidenzbasierter Medizin haben. Denn kein Kind zu haben kann soziale Ächtung bedeuten.

„Ich könnte ein ganzes Buch schreiben über das, was ich durchgemacht habe“, sagt die Nigerianerin Iyabo Arepo. Sie ist heute Ende 50 und erinnert sich, wie der Onkel ihres Mannes fünf Jahre nach ihrer Hochzeit mit ihrem Mann über die Kinderlosigkeit des Paares sprach. „Er fragte ihn sarkastisch, was sein Problem sei. Und dann sagte er: ‚Wenn das Problem bei deiner Frau liegt, dann solltest du dir eine andere nehmen.‘ Es war furchtbar.“

Solche Erfahrungen machen viele Menschen, nicht nur in Nigeria. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit bis zu 186 Millionen an Unfruchtbarkeit. Davon spricht man, wenn eine Erkrankung des männlichen oder weiblichen Fortpflanzungssystems dazu führt, dass trotz regelmäßigen ungeschützten Geschlechtsverkehrs über zwölf Monate oder länger keine Schwangerschaft eintritt.

Unterschiedliche Ursachen

Die Ursachen für Unfruchtbarkeit unterscheiden sich je nach Weltregion. In Afrika sind nach Angaben der WHO mehr als 85 Prozent der Fälle auf Infektionen zurückzuführen, gegenüber 33 Prozent weltweit. Weitere Faktoren sind schlechte Ernährung, unbehandelte sexuell übertragbare Krankheiten und eine unsichere Abtreibung in der Vergangenheit. In etwa der Hälfte der Fälle spielt die niedrige Spermienzahl des Mannes eine Rolle.

Was auch immer die Ursache sein mag – in Nigeria trifft das Stigma die Frau. Yetunde zum Beispiel ist seit zehn Jahren kinderlos verheiratet. Sie wird von der Familie ihres Mannes deswegen abgelehnt und beschimpft. Die Familie ist christlich, aber manche Angehörige haben trotzdem bereits vorgeschlagen, übernatürliche Kräfte zu beschwören, um dem Paar zu einem Kind zu verhelfen (siehe Kasten).

Einmal brachte Yetundes Schwiegermutter eine junge Frau zu ihnen nach Hause und sagte ihrem Ehemann John unverblümt, dass diese Frau ihm ein Kind gebären würde. Yetunde und John haben inzwischen das Land verlassen, erhalten aber immer noch Anrufe von Verwandten, die fragen, ob Yetunde schon schwanger sei. In den Augen mancher Leute ist eine Frau, die keine Kinder gebärt, keine „richtige“ Frau.

Auch nicht wenige Ehemänner wenden sich von ihren unfruchtbaren Frauen ab. Besonders tragisch ist der Fall von Grace, ebenfalls Nigerianerin. Ihr Mann schwängerte eine andere Frau, und Grace erfuhr davon, als eine Freundin ihr von der Taufe des Babys erzählte. Grace fiel in Ohnmacht, und ihr Blutdruck stieg gefährlich hoch. Zwei Tage später starb sie.

In einigen Teilen Afrikas ist eine Heirat direkt an die Geburt eines Kindes geknüpft. In Nigeria bestehen etwa manche Männer darauf, dass die Braut vor der Hochzeit schwanger ist. Dies ist besonders in der Gemeinschaft der Yoruba üblich. Tunde Itiola zum Beispiel fühlte sich betrogen, als seine Frau nach der Hochzeit kein Kind bekam. „Ich hätte dafür sorgen müssen, dass sie vor der Heirat schwanger wird“, sagt er.

Frauen, die ein Kind zur Welt bringen, es dann aber verlieren, werden ebenfalls stigmatisiert. Chinwe und ihr Mann Tochukwu bekamen ihre Tochter spät, und sie starb, als das Paar bereits über 50 war. Trotz ihres Alters denken die beiden über eine künstliche Befruchtung nach. Die Risiken einer späten Schwangerschaft erscheinen ihnen weniger schwerwiegend als das Stigma der Kinderlosigkeit.

Männliche Unfruchtbarkeit

Wie erwähnt ist bei der Hälfte der Fälle von Unfruchtbarkeit die niedrige Spermienzahl des Mannes ein entscheidendes Problem. Obwohl die Frau in diesen Fällen komplett gesund sein kann, wird sie dennoch oft beschuldigt und teils sogar aus dem eigenen Haus vertrieben.

Temmy ist ein Beispiel dafür. Obwohl medizinische Tests gezeigt hatten, dass die Spermienzahl ihres Mannes Juwon zu niedrig war, drängte seine Familie ihn, sich von Temmy scheiden zu lassen und eine andere Frau zu heiraten. Sie wusste, dass das Problem bei ihrem Mann lag, nicht bei ihr. Dennoch schwieg sie, um ihn zu schützen.

Manche Männer weigern sich, Testergebnisse zu akzeptieren, die eine niedrige Spermienzahl anzeigen. Sie suchen sich lieber eine neue Partnerin. In seltenen Fällen werden sie gewalttätig gegenüber ihren Frauen. „Das Schicksal der kinderlosen Frauen berührt mich“, sagt der Gynäkologe Timothy Enimola. „Manche lassen sich die Hände abschneiden.“ Er weiß auch von Frauen, die aus Verzweiflung Selbstmord begehen. Enimola betont, dass die WHO Unfruchtbarkeit als ein Menschenrechtsthema betrachtet. Unfruchtbaren rät er dazu, einen Arzt aufzusuchen.

Viele Nigerianer können sich allerdings die Behandlung nicht leisten. Eine gängige Methode ist die In-vitro-Fertilisation, bei der Eizellen entnommen und in einem Labor befruchtet werden. Der so entstandene Embryo wird in die Gebärmutter eingesetzt. In Nigeria kostet dieses Verfahren zwischen 2 und 5 Millionen Naira (4300 bis 10 600 Euro). Für die meisten nigerianischen Paare ist das unerschwinglich.

Manchmal können auch traditionelle Heiler helfen. „Die meisten Unfruchtbarkeiten werden durch Infektionen verursacht“, sagt Agbabiaka Ojo, ein Kräuterkundiger. „Wir kennen Kräuter zur Heilung von Infektionen bei Frauen und von niedrigen Spermienzahlen bei Männern. Andere Pflanzen steigern die Fruchtbarkeit. Das alles haben unsere Vorfahren schon verwendet, lange bevor die Medizin des weißen Mannes nach Afrika kam.“

Weder moderne noch traditionelle Medizin kann aber alle Fälle heilen. Für viele Menschen bleibt Unfruchtbarkeit deshalb ein Fluch, dem sie nicht entkommen können.


Bimbola Oyesola ist eine in Lagos lebende Journalistin.
[email protected]

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