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Krankenhäuser

„Riesiger Bedarf“

von Rose Futrih N. Njinji

Meinung

In Cameroon, nurses do midwife's work too

In Cameroon, nurses do midwife's work too

In vielen Entwicklungsländern fehlt dem Gesundheitswesen professionelles Personal. Kamerun ist ein Beispiel. Viele Ärzte und Krankenschwestern wandern auf der Suche nach Arbeit und höheren Löhnen in reiche Staaten aus. Trotzdem gibt es immer noch arbeitslose Krankenschwestern in Kamerun, wie Rose Futrih N. Njini, Managerin im Gesundheitswesen, in unserem Interview verdeutlicht.

Wie wirkt sich die Abwanderung von Fachkräften auf Kameruns Gesundheitswesen aus?
Es ist wirklich problematisch. Viele Menschen meinen, dass es für Gesundheitsprofis im Ausland besser läuft, weshalb viele von ihnen unser Land verlassen. Aber der seit langem herrschende Personalmangel hat noch andere Gründe:

  •  Kamerun bildet nicht genug Krankenschwestern aus, um den Bedarf zu decken.
  •  Die Situation wurde durch Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und Internationalem Währungsfond verschlimmert, weil sie die Beschäftigung im öffentlichen Dienst begrenzten. Der Gesundheitssektor wurde davon nicht ausgeschlossen, und wer pensioniert wurde oder starb, wurde nicht ersetzt. Es ist zudem wirklich ärgerlich, dass, obwohl unser Gesundheitswesen mehr Personal braucht, es im Land arbeitslose Krankenschwestern gibt, die keine Jobs finden.
  •  Unsere Krankheitsbelastung ist überdurchschnittlich hoch. Kamerun liegt südlich der Sahara, wo ein Drittel der weltweiten Krankheitsfälle auftritt – vor allem HIV/Aids.

Die Situation hat sich so verschlechtert, dass wir die Bürger unseres Landes nicht mehr adäquat versorgen können.

Was heißt das konkret?
Betrachten wir die Müttersterblichkeit. In den 80ern hatten wir ungefähr 500 Sterbefälle je 100 000 Mütter. Heute sind es rund 900. Laut World Health Statistics 2011 der Weltgesundheitsorganisation WHO hat Kamerun pro 10 000 Einwohner nur 16 Krankenschwestern und Hebammen. Die Vergleichszahl für Deutschland und Frankreich ist 110. In Kamerun gibt es zwei Ärzte pro 10 000 Menschen. Die überwiegend reichen Mitgliedsländer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben pro 10 000 Einwohner 20 bis 40 Ärzte. In den ländlichen Gegenden Kameruns ist die Relation noch ungünstiger. Im Norden kommt manchmal ein Arzt auf rund 30 000 Menschen.  

Also ist die Arbeitsbelastung riesig?
Ja, und sie wächst weiter, was die Motivation der Leute, die noch da sind, weiter schmälert. Der Trend selbst ist ein Grund zu gehen. Alles in allem verschlechtert sich unser Gesundheitssystem, und das beeinträchtigt unsere Entwicklungschancen. Eine gesunde Bevölkerung ist leistungsfähiger, also macht ein unzureichendes Gesundheitswesen ein Land arm. Dass eine große Zahl von Schwestern und Ärzten auswandert, bedeutet auch, dass wir nichts davon haben, dass sie mit hohem Aufwand ausgebildet wurden. Letztlich stellen wir reichen Nationen unser professionelles Personal zur Verfügung. Diese Art perverser Subvention können wir uns nicht leisten. Aber der traurige Zustand unseres Gesundheitssystems ist das Hauptproblem, nicht die finanziellen Nachteile.

Wie werden Ärzte und Schwestern in Kamerun ausgebildet?
Angehende Ärzte studieren an Universitäten. Sie brauchen erst einen Abschluss in Naturwissenschaft, meist mit Chemie und Biologie als Schwerpunkte, und dann geht es mit  Medizin weiter. Sie sind mindestens sechs bis sieben Jahre an der Hochschule. Danach kommen Facharztkurse, die zwei bis vier Jahre dauern. Krankenschwestern werden an speziellen Schulen und Hochschulen  ausgebildet, die meisten davon sind staatlich. Die Ausbildung dauert vier Jahre. Es gibt auch spezialisierte Kurse für Krankenschwestern, bis hin zur Möglichkeit, zu promovieren. Außerdem haben wir sogenannte „assistant nurses“ mit einem Jahr Ausbildung. Ihre Qualifikation entspricht der von „licensed practical nurses“ in den USA. Leider machen aber viele Assistenzkrankenschwestern in Kamerun die Arbeit von Krankenschwestern, weil der Bedarf so groß ist.

Könnte Kamerun nicht mehr Personal ausbilden?
Ja, und die Ausbildungsmöglichkeiten wurden auch ausgebaut. Früher gab es Medizin nur an einer staatlichen Universität, heute sind es mindestens fünf. Die Aufnahmezahlen an den Pflegeschulen sind auch gestiegen, 2012 wurden sechs neue private Einrichtungen genehmigt. Das Kernproblem ist aber die geringe Zahl an Arbeitsplätzen. Das Gesundheits­wesen braucht mehr Geld, um besser zu werden.  

Wohin wandern Ärzte und Schwestern aus?
Ich halte das für ein Erbe des Kolonialismus. Heute erwägen Kameruner zuerst Frankreich und England, aber viele immigrieren auch in die USA, nach Kanada, Deutschland und andere OECD-Länder. Auch Südafrika oder Asien – beispielsweise Hongkong und Dubai – sind relevant.  

Was muss getan werden, damit Ärzte und Schwestern in Kamerun bleiben?
Wir müssen alles berücksichtigen, was sie am Ausland reizt, und was sie an Kamerun stört. Es ist noch nicht jedes Detail komplett analysiert, klar ist aber, dass folgende Dinge wichtig sind:

  •  schlechte Bezahlung,
  •  schlechte Arbeitsbedingungen, einschließlich unzureichenden Einrichtungen und Ausstattungen,
  •  inkompetentes Management,
  •  politische Instabilität,
  •  mangelnde Beschäftigungs- und Karrieremöglichkeiten,
  •  sehr hohe Arbeitsbelastung,
  •  fehlender Patriotismus und
  •  zunehmende Globalisierung.

All dies muss angegangen werden, um die Situation zu verbessern.

Wie gehen Krankenhäuser mit dem Personalmangel um?
Typischerweise werden provisorische Maßnahmen ergriffen, wie etwa:

  •  die systematische Delegation von Aufgaben an weniger qualifiziertes Personal,
  •  größeres Arbeitspensum und längere Arbeitszeiten,
  •  betriebliche Motivationsförderung und
  •  Weiterbeschäftigung von bereitwilligem Personal über das Rentenalter hinaus.


Wie kann die Motivation gefördert werden, wenn Gehaltserhöhungen, die wahrscheinlich effektiv wären, nicht in Frage kommen?
Ja, höhere Gehälter wären vermutlich eine Lösung. Ich weiß noch, wie in den frühen 90ern, als die Gehälter halbiert wurden, viele Ärzte und Schwestern über Abwanderung nachdachten. Manche sagen aber auch, dass Gehälter das Recht der Beschäftigten sind und nicht als Arbeitsanreiz angesehen werden sollen. Es gibt viele Argumente dafür und dagegen. Ich denke, dass die wichtigste Motivation für junge Krankenschwestern nach der Ausbildung die Aussicht auf einen Arbeitsplatz ist. Und bessere Arbeitsbedingungen, angemessene Bezahlung des Arbeitspensums, besseres Management und Karrierechancen können die Motivation von Leuten steigern, die schon einen Job haben.

In welchem Umfang bauen Sie auf informell ausgebildete Hilfskräfte?
Wie ich schon sagte, werden Aufgaben oft an weniger qualifizierte Leute delegiert. Außerdem beschäftigen wir manche Krankenschwestern unentgeltlich – sie arbeiten mit, weil sie ihr erlerntes Wissen nicht verlieren wollen. Leute ohne Ausbildung bekommen aber keine klinischen Aufgaben, wir wollen die Qualität nicht gefährden.

Wie bereitet Ihr Krankenhaus das Personal auf anspruchsvollere Aufgaben vor?
Wir machen On-the-job-Training. Kranken­schwestern mit allgemeiner Ausbildung lernen dabei Dinge wie Geburtshilfe, Anästhesie und kleinere chirurgische Eingriffe. Zudem werden Ärzte in Fachdisziplinen fortgebildet. Das ist nötig, um Aufgaben delegieren zu können. Das On-the-job-Training wird durch Weiterbildungs­angebote von Staat und Fördereinrichtungen ergänzt.