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Hunger

Kranke Kinder

von Wilson Jidasu Kitinya

Hintergrund

Jedes Kind in Tansania muss sich monatlich untersuchen lassen: Mutter-Kind-Klinik in Kalabezo.

Jedes Kind in Tansania muss sich monatlich untersuchen lassen: Mutter-Kind-Klinik in Kalabezo.

Im östlichen Afrika bekommen viele Kinder zu wenig oder nur unausgewogenes Essen. Wilson Kitinya, Arzt und Ausbildungsleiter an einem Krankenhaus im tansanischen Masasi-Distrikt, erklärt, weshalb Mangelernährung die Entwicklung des gesamten Landes beeinträchtigt.

Wer ist in Tansania besonders von Mangel­ernährung betroffen?
Mangelernährung trifft die gesamte Bevölkerung, aber Kinder und Frauen im gebärfähigen Alter sind besonders gefährdet. Das ergibt eine Studie zu Bevölkerungsentwicklung und Gesundheit in Tansania, die Tanzania Demographic and Health Survey (TDHS) 2010. Als Gründe nennt die Studie deren schwächere körperliche Konstitution sowie die Tatsache, dass sie „oft in sozioökonomischen Bereichen schlechter gestellt sind“.

Wie groß ist das Problem in der Masasi-­Region, wo Sie arbeiten?
Jedes sechste Kind, das sich bei uns im MkomaindoKrankenhaus in stationärer Behandlung befindet, leidet an Mangelernährung. Das Problem ist aber wahrscheinlich noch viel größer, weil wir hier nur die wirklich schweren Fälle zu sehen bekommen. Wir behandeln hier vor allem Fälle von Malaria, Lungenentzündung, Magendarmerkrankungen, Blutarmut, Bluthochdruck oder Schwangerschaftskomplikationen – und die meisten davon verschärfen sich durch Mangelernährung noch.


Wie beeinträchtigt Mangelernährung die Entwicklung von Kindern?
Dem TDHS zufolge mangelt es vielen Kindern in Tansania schon in den entscheidenden ersten zwei Lebensjahren an wichtigen Spurenelementen, was ihr Wachstum deutlich beeinträchtigt. Die Anfälligkeit für Kinderkrankheiten, Durchfall und Atemwegsinfektionen steigt, was wiederum Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung hat. Weil sich ihr Gehirn nicht optimal entwickeln kann, sind unterernährte Kinder schlechter in der Schule und auch allgemein weniger leistungsstark. Ihre Kreativität und Innova­tionsfähigkeit sinken. Auch als Erwachsene haben sie noch Probleme. So treten bei Frauen, deren Körper sich nicht voll entwickeln konnte, während der Schwangerschaft oft Probleme mit dem Becken auf sowie Schwangerschaftsanämie.

Sie sagten soeben, dass auch erwachsene Frauen oft schlecht ernährt sind. Birgt auch das Risiken?
Natürlich, auch erwachsene Frauen sind bei Mangel­ernährung weniger leistungsfähig und anfälliger für Krankheiten. Außerdem sind sie und ihre Kinder während der Schwangerschaft größeren Risiken ausgesetzt: Schlecht ernährte Frauen sind für gewöhnlich klein und abgemagert, haben Blutarmut und Mangel an Spurenelementen. Das führt vermehrt zu Fehlgeburten, oder die Kinder kommen bereits untergewichtig auf die Welt. Die Muttermilch enthält auch meist nicht ausreichend Nährstoffe. Die Frauen sterben zudem häufiger an schweren Nachblutungen, und auch Kaiserschnitte müssen öfter durchgeführt werden.

Welche Konsequenzen hat es für die Gesellschaft, dass so viele Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind?
Zum einen kostet es den Staat natürlich viel Geld, und die ohnehin schon wenigen Ärzte und Arzthelfer sind völlig überarbeitet. Außerdem sind unterernährte Kinder, wie ich schon sagte, schlechter in der Schule, weshalb die Gesellschaft weniger leistungsfähig wird. Deshalb schreibt der TDHS auch, dass gute Ernährung eine Voraussetzung für die Entwicklung der gesamten Nation ist. Doch es gibt da einen Teufelskreis: Der Hunger macht die Gesellschaft weniger leistungsfähig, und dadurch wiederum werden auch die Nahrungsprobleme nicht gelöst.

Der Staat müsste ein großes Interesse haben, dass sich hieran etwas ändert. Was tut er?
In Tansania müssen sich alle Kinder monatlichen Untersuchungen in einem Zentrum für reproduktive Medizin und Kinderheilkunde (Reproductive and Child Health clinic, RCH) unterziehen. Dabei wird beispielsweise das Gewicht des Kindes auf farbigen Karten festgehalten – so können die Gesundheitsarbeiter Unregelmäßigkeiten sofort feststellen. Sie informieren dann entweder die Erziehungsberechtigten oder schicken das Kind zu einem Arzt in Behandlung. Die Mitarbeiter dieser Gesundheitsstationen werden regelmäßig in Ernährungsfragen weitergebildet. Hierzulande wird der „Integrated Management of Childhood Illness“-Ansatz angewendet, der Ernährungskontrollen und -beratung bei Kindern vorschreibt. Zudem nimmt sich das Tanzania Food and Nutrition Center vom Gesundheitsministerium der Nahrungsprobleme an. Es führt Projekte durch, fördert Weiterbildungen und forscht zum Thema.

Wie geht man in Ihrem Krankenhaus mit Fällen von Mangelernährung um?
Wenn es einem Kind sehr schlecht geht, behandeln wir es stationär. Für die weniger schlimmen Fälle haben wir ein Programm, das von einem deutschen Kollegen geleitet wird: Wir geben den Müttern ein besonders nährreiches Pulver mit, aus dem sie Brei machen können. Wir bitten sie aber natürlich trotzdem, danach noch mit ihren Kindern zu Kontrolluntersuchungen zu kommen.

Lernen auch Ihre Studenten, wie sie bei Mangelernährung reagieren müssen?
Mangelernährung ist Teil des Studiums. Im dritten Semester gibt es ein eigenes Modul dazu. Und auch im Modul für Kinderheilkunde motivieren wir unsere Studenten dazu, sich mit verschiedenen Ernährungsmethoden zu beschäftigen, damit sie ihre Pa­tienten und deren Erziehungsberechtigte in Zukunft gut beraten können. Darüber hinaus führen wir sie praktisch an die Thematik heran. Wie alle anderen Krankenhausmitarbeiter auch halten wir unsere Studenten an, bei Kindern immer auch das Gewicht, die Größe und den Armumfang zu kontrollieren, um Mangelernährung zu erkennen. Zudem schicken wir die Studenten zu praktischen Einsätzen in die Dörfer. Wir geben ihnen dabei den Auftrag, den Ernährungszustand aller Kinder unter fünf Jahren zu messen und zu dokumentieren. So wird ihnen das Ausmaß des Problems bewusst, sie lernen damit umzugehen und die Dorfbewohner einzubinden.

Gab es in Ihrer Zeit als praktischer Arzt einen Fall, der Ihnen besonders zu Herzen gegangen ist?
Wir hatten einmal einen fünfjährigen Jungen als Patienten, der an schwerer Mangelernährung litt. Bei den Untersuchungen haben wir dann festgestellt, dass er zudem HIV-positiv war, und auch Tuberkulose vermuteten wir. Seine Mutter war einige Jahre vorher gestorben und er wurde von seiner Stiefmutter großgezogen. Er wurde immer wieder krank. Ich muss immer an ihn denken, wenn es um Unterernährung geht – er litt an all den Krankheiten, die unser Land besonders schlimm treffen.

Was könnten die Regierung oder die interna­tionale Gemeinschaft tun, damit weniger Menschen an unzureichender Ernährung leiden?
Ich möchte da gar nicht direkt mit dem Finger auf die Politik zeigen. Die Menschen hier müssen sich selber Gedanken darüber machen, wie sie sich ausgewogen ernähren können, anstatt nur darauf zu warten, dass die Regierung etwas tut. Aber da kommt wieder der Teufelskreis ins Spiel: Wenn so viele Menschen unter den Folgen von falscher Ernährung leiden, fällt es ihnen schwerer, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen.

Also müssten doch die Politiker aktiv werden?
Die Politik kann viel tun. Unsere Regierung sollte vor allem für zwei Dinge sorgen: Erstens muss der Zugang zu ausgewogenen Nahrungsmitteln besser werden. Zweitens muss jeder Bürger über die Bedeutung von ausgewogener Ernährung aufgeklärt werden. Auf internationaler Ebene erwarte ich von den Finanzinstitutionen, dass sie nicht weiter Subventionen für Bauern in Entwicklungsländern verhindern. Alle Akteure sollten zudem auf Fairness achten, wenn sie Handel mit Waren aus Entwicklungsländern betreiben. Die Entwicklungshilfe sollte nur jene Regierungen unterstützen, die das Wohl ihrer Bürger zum Ziel haben, und nicht die korrupten Eliten, die sich nur selbst bereichern wollen. Außerdem sollten sie gute Bildung zum obersten Ziel ihrer Arbeit erklären.