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Glaubenssysteme

Unsichtbare ­Wirklichkeit

von Helmut Danner

Hintergrund

Maskentänzer  nehmen Kontakt mit der Geisterwelt auf: Tänzer der Nyau in Mtakataka, Malawi.

Maskentänzer nehmen Kontakt mit der Geisterwelt auf: Tänzer der Nyau in Mtakataka, Malawi.

Religion und Spiritualität werden in Afrika anders gelebt als in Europa. Traditionelle Rituale und Witchcraft haben Auswirkungen auf das gesamte Leben und selbst auf die Politik. Europäer sollten das verstehen und würdigen lernen, jedoch ohne die Augen vor negativen Aspekten zu verschließen.

Am 24. Februar 2013 kamen Tausende Kenianer im Uhuru-Park in Nairobi zusammen, um bei dem Gebetstreffen des Predigers und „Propheten“ David Owuor dabei zu sein. Kenia stand kurz vor den Parlamentswahlen, und die Erinnerungen an die Ausschreitungen nach der vorherigen Wahl 2007/08 wurden wieder wach. Um einer Wiederholung der Schrecken vorzubeugen, sprachen die Besucher im Uhuru-Park Friedensgebete, sangen Hymnen und schwenkten weiße Fähnchen. Sechs Präsidentschaftskandidaten versprachen, für einen friedlichen Wahlgang zu sorgen. Sie bereuten ihre Sünden, vergaben einander, hielten sich an den Händen und umarmten sich vor ihren potentiellen Wählern. Schließlich versicherte der Prediger, Kenia sei nun wiedergeboren und werde friedvolle Wahlen haben. Die Zeitungen berichteten zudem von der wundersamen Heilung eines blinden Zehnjährigen, die der „Prophet“ bei diesem Gebetstreffen bewirkt habe.

Das Beispiel zeigt: Religiosität und Spiritualität sind in Afrika allgegenwärtig und selbst in der Politik wichtig. Familientreffen, Seminare oder Bürgerversammlungen werden mit einem Gebet eröffnet und abgeschlossen. Und mit großer Selbstverständlichkeit geht man am Sonntag in die Kirche oder freitags in die Moschee.

Besonders verbreitet sind in Afrika Glaubensformen, die Mischungen aus Christentum und ursprünglicher afrikanischer Spiritualität sind. Neben den großen Glaubensgemeinschaften behaupten sich aber auch zahllose Sekten. Aus Wellblechhütten dringen ihre mit Trommeln begleiteten Gesänge, Priester predigen am Straßenrand und Gläubige lassen sich an einem Bach taufen. Besonders der Einfluss der Pfingstkirchen nimmt zu.

Das „Missions-Christentum“ habe es versäumt, sich auf afrikanische Kultur und Spiritualität einzulassen, meint der anglikanische Priester und Religionsphilosoph John Mbiti, und erklärt damit die Verselbständigung von afrikanischen Kirchen und Sekten. Die „unabhängigen Kirchen“ hingegen möchten erreichen, dass Afrikaner sich in der Kirchengemeinschaft heimisch fühlen. Dafür beziehen sie beispielsweise afrikanische Instrumente ein und nehmen zum Teil starken Einfluss auf ihre Anhänger. Einige verbieten moderne Medizin und setzen auf spirituelle Heilungen. Die kenianische Akorino-Sekte kommt immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, weil kranke Kinder nicht zum Arzt gebracht werden.


Eine zweite Realität

Zu jener ursprünglich afrikanischen Spiritualität, die sich heute auch mit Christentum und Islam vermischt, zählen „Voodoo“ und „Witchcraft“. Beide sind für Außenstehende zum Teil schwer nachzuvollziehen, sie werden jedoch mit großem Ernst praktiziert. Das englische Wort Witchcraft bezeichnet alle Formen von Zauberei und Magie, aber auch Hexerei mit destruktiven, bösartigen Absichten. Ihre Bedeutung scheint in Westafrika größer zu sein als in Ostafrika, wobei es jedoch erhebliche Unterschiede zwischen Ländern und Stämmen gibt.

Witchcraft-Rituale werden im Geheimen und oft bei Nacht vollzogen. Auch sprechen Zauberer oder Heiler nicht über ihr Tun, was es uns schwieriger macht, es zu verstehen und in unser westliches Weltbild einzuordnen. John Mbiti erklärt: „Das Physische und das Spirituelle sind nur zwei Dimensionen von ein und demselben Universum. Afrikaner ‚sehen‘ jenes unsichtbare Universum, wenn sie die sichtbare und greifbare Welt anschauen, hören oder fühlen.“ Für viele Afrikaner enthält die Wirklichkeit, in der wir alltäglich leben, also noch eine andere Dimension, die wir Europäer nicht wahrnehmen: eine stetig gegenwärtige, übernatürliche Kraft und Macht, die nicht jenseitig ist. Darum geht es, wenn wir von afrikanischer Spiritualität sprechen.

Diese Wahrnehmung führt zu einer anderen Sichtweise auf viele Dinge. Wenn jemand einen Autounfall hat, nehmen Europäer an, dass er zu schnell gefahren ist oder die Bremsen versagt haben. Ein Afrikaner mag sagen, dass ihm ein anderer mit Hilfe von Hexerei Übles angetan hat. Dieser Glaube beeinflusst das Leben in vielen Bereichen und hat sogar Auswirkungen auf praktische Belange wie Landbesitz und Justiz (siehe Kasten).

Ein Europäer mag in vielen Fällen psychologisch argumentierende Erklärungen für den Einfluss von Geistern, Verstorbenen, Flüchen und Segen finden, aber sicher nicht immer. Mbiti verweist auf ein Beispiel, das sich 1960 in Accra, Ghana, ereignet haben soll: Auf einem großen Baugelände wurden alle Bäume gefällt. Nur ein kleiner Baum konnte trotz schwerer Maschinen nicht entfernt werden. Der afrikanische Vorarbeiter erklärte, dass in ihm ein Geist wohne, der den Baum erst verlassen müsse. Ein traditioneller Priester wurde gerufen, welcher drei Schafe und drei Flaschen Gin als Opfergaben für den Geist verlangte, sowie etwas Geld für sich selbst. Das Blut der Schafe und der Gin wurden auf den Boden gegossen. Dann wurde der Zauberer ein Medium, sprach mit dem Geist und überzeugte ihn, auf einen besseren Baum umzusiedeln. Anschließend waren weder Bulldozer noch Traktor erforderlich: Afrikanische Arbeiter entwurzelten den Baum leicht mit den Händen.


Von Heilung bis Tötung

Witchcraft hat viele Gesichter. Sie kann positiv und heilend wirken, jedoch auch negativ und zerstörerisch. Ein schönes Beispiel ist, dass Menschen nach Konflikten, Krankheiten oder Naturkatastrophen unter heiligen Bäumen Frieden schließen können. Die Zeremonie ist eine Versöhnung mit der Erde, denn nach dem Verlust von Menschenleben muss das Land gereinigt werden. Dies ist zugleich Gedenkzeremonie und Ritual, die Erde als die „Mutter“ anzuerkennen, wenn sie verletzt oder erzürnt wurde.

Auch ein traditioneller Medizinmann, der seine Kraft von Geistern der Ahnen erhält, hat konstruktive Absichten: Er hilft zu heilen oder wahrzusagen. Dafür malt er sein Gesicht weiß an, murmelt in einer seltsamen Sprache und benutzt Gegenstände wie Antilopenhörner, Wasserbockhörner, Impalakiefer, Elandhaare oder Hautstücke von Reptilien. Er unterscheidet sich dabei jedoch von einem „Herbalist“, welcher traditionelle Medizin verwendet und seine Heilkunst auf traditionelles Wissen statt auf Spiritualität stützt.

Es gibt aber auch Hexerei, die schaden will. Sie soll jemand anders krank machen, ihn gar sterben lassen oder verrückt machen. David Signer berichtet von Westafrika, wie bei den Ritualen Hähne oder Ziegen geopfert und Kauri-Muscheln geworfen werden, um die Zukunft und das Verhältnis zu einem Gegner zu deuten. Der Zeremonienort wird mit Fetischen ausgestattet und der Zauberer fertigt Amulette für die Hilfesuchenden an. Signer sieht die Wurzel von böser, schädigender Hexerei im Neid. Niemand soll über den Besitzstand oder den Einfluss eines Anderen, vor allem eines Älteren, hinauswachsen. Wer zu mächtig oder zu reich wird, muss durch Hexerei klein gehalten oder gar vernichtet werden. Darin sieht Signer auch einen Grund für Arikas Entwicklungsrückstand.

Für bestimmte Gesellschaften mag das zutreffen – aufstrebende afrikanische Städte und die vielen reichen und erfolgreichen Afrikaner jedoch sind ein Zeichen dafür, dass diese These nicht verallgemeinert werden darf. Der Glaube an Witchcraft ist aber weit verbreitet. Hexendoktoren, die böse Witchcraft bekämpfen sollen, behaupten, zu ihren guten Kunden gehörten auch Politiker. Kofi Akosah- Sarpong, der Author des  Blogs www.africanexecutive.com, berichtet von einer Studie in Ghana der zufolge 41 von 45 Medizinstudenten an Hexen und daran, dass Krankheiten von ihnen verursacht seien, glauben.  

Dieser Glaube hat verheerende Folgen. In Ghana und der Demokratischen Republik Kongo, aber auch in Tansania und in Kenia, werden zahlreiche Menschen als Hexen verfolgt und umgebracht – insbesondere Ältere, Frauen und Kinder. Im Norden Ghanas gibt es daher so genannte Hexen-Dörfer (Palmer 2010). Hierhin flüchten sich Frauen, die beschuldigt worden sind, Hexen zu sein. Eine UNICEF-Studie weist  darauf hin, dass selbst Kiner als Hexen verfolgt und manchmal getötet werden (Cimpric, 2010). Von 1991 bis 2001 sollen etwa 22 500 Afrikaner wegen angeblicher Hexerei gelyncht worden sein.

Spiritualität zu beurteilen ist schwierig. Wir Europäer sollten versuchen, afrikanische Spiritualität zu verstehen, und sie akzeptieren. Im afrikanischen Kontext ist die nicht-physische spirituelle Kraft Teil dieser Welt – im Gegensatz zur europäischen Religion, die einen Gott im Jenseits, in einer anderen Welt, annimmt. Der Glaube an die allgegenwärtige übernatürliche Kraft vermengt sich auch mit Christentum und Islam. Wir dürfen aber auch Skepsis und Ablehnung gegenüber einigen Riten zeigen, werden doch die negativen Auswirkungen vor allem des Hexenwahns selbst von Afrikanern als rückständig kritisiert.

Helmut Danner arbeitete von 1986–2005 für die Hans-Seidel-Stiftung in Ägypten, Kenia und Uganda.  Dieser Aufsatz beruht auf einem Kapitel aus seinem Buch „Das Ende der Arroganz. Afrika und der Westen – ihre Unterschiede verstehen“ ( Frankfurt, 2012: Apsel und Brandes).
http://www.helmut-danner.info