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Alkoholismus

Die Sorgen ertränken

von Jeffrey Moyo

Hintergrund

Leere BronCleer-Flasche auf einer Straße in Harare.

Leere BronCleer-Flasche auf einer Straße in Harare.

Alkoholismus und Drogensucht breiten sich in Simbabwe aus. Für viele Arbeitslose ist dies ein Weg, die harte Realität des Lebens zu vergessen. Sucht führt jedoch zu Gesundheitsproblemen, inklusive psychischen Störungen.

Jerry Nhemachena ist 17 Jahre alt. Er hat eine Flasche mit einer durchsichtigen alkoholischen Flüssigkeit in der Hand. Eine Schultasche hängt über seiner linken Schulter. Jerry ist offensichtlich betrunken, als er durch das Schultor geht. Der Wachmann achtet nicht auf ihn. „An sich lassen wir keine betrunkenen Schüler auf den Schulhof“, sagt der Wachmann später. „Aber mit Jerry legt man sich besser nicht an.“ Jerry ist einer von vielen jungen Menschen in Simbabwe, die alkoholabhängig sind.

Die Washington Post berichtete 2014, dass simbabwische Männer und Frauen auf Nummer 6 beziehungsweise 7 von Afrikas Trinkerliste stehen. Laut dem Bier- und Soft-Drink-Hersteller Delta Beverages konsumierten Simbabwer im Jahr 2012 fast 200 Millionen Hektoliter ihres Lager-Biers und mehr als 330 Millionen Hektoliter Hirsebier. Firmen wie Delta Beverages machen viel Geld in Simbabwe.

Hinzu kommt, dass hausgemachte Alkoholika überall erhältlich sind. Selbstgebrautes Bier, dessen Alkoholgehalt nicht gemessen wird, ist weit verbreitet. Ein beliebtes und sehr billiges alkoholisches Getränk ist das sogenannte Tegu-Tegu. Sein Alkoholgehalt variiert zwischen 30 und 40 Prozent.

Cannabis und andere illegale Drogen werden ebenfalls genutzt. Pädagogen berichten, dass Drogenmissbrauch die Leistungen mancher Schüler erheblich mindert. „Wegen Alkoholismus und Drogenmissbrauch fehlen viele Schüler im Unterricht“, beklagt sich eine Lehrerin aus Harare. Wenn man durch die Straßen von Harare geht, sieht man junge Leute, die offen auf der Straße Alkohol trinken und Drogen nehmen – verbotenerweise.

Laut dem Zimbabwe Civil Liberties and Drug Network (ZCLDN) missbrauchen etwa 290 000 junge Menschen in dieser afrikanischen Nation Drogen oder Alkohol. Diese Zahl ist steil angestiegen, verglichen mit geschätzten 85 000 in den Jahren von 2009 bis 2015. ZCLDN wurde vor sieben Jahren gegründet und setzt sich für Strategien gegen Drogenprobleme in der gesamten südafrikanischen Region ein.


Hustensaft, Cannabis und Kokain

BronCleer ist gefährlich beliebt geworden. Dabei handelt es sich um einen medizinischen Hustensaft, der Alkohol und Codein enthält. Der Arzt Hilton Hungwe erklärt, dass Codein ein Opiat ist, das als Schmerzmittel eingesetzt wird. Wegen seines Alkoholgehaltes macht BronCleer extrem betrunken, „wenn man viel auf einmal davon trinkt“, sagt Hungwe, „und genau deswegen nehmen es viele junge Leute“. Die Straßen von Harare sind voller leerer Hustensaftflaschen.

BronCleer wird im Nachbarland Südafrika hergestellt. Laut der Medikamentenkontrollbehörde Simbabwes ist BronCleer nicht für den hiesigen Verkauf zugelassen, nicht einmal auf Rezept. Dennoch kann man leicht darankommen. Eine 100-Milliliter-Flasche BronCleer kostet sieben Dollar.

Marihuana ist als „Mbanje“ oder „Dagga“ bekannt. ZCLDN schätzt, dass bis zu 20 Prozent der jungen Leute die Droge konsumieren. Die diesbezügliche Regierungspolitik ist ambivalent. Kürzlich wurde der Anbau von Cannabis für medizinische Zwecke erst legalisiert und dann wieder zurückgenommen, um Drogenmissbrauch vorzubeugen. Der Anbau und Besitz von Cannabis wurden früher mit bis zu 12 Jahren Gefängnis bestraft, doch jetzt ist unklar, welche Regeln nun gelten und ob die Behörden sie kohärent durchsetzen.

Aufgrund seiner ruinierten Wirtschaft ist Simbabwe auch zum Transitland für Drogen wie Kokain geworden, das in benachbarte Länder wie Südafrika und Botswana geschmuggelt wird. Manches davon bleibt jedoch im Land, weil die Menschen, die sie transportieren, nicht mit Geld, sondern mit Stoff bezahlt werden. „Dann fangen sie an, selber Drogen zu konsumieren“, berichtet ein Polizeioffizier.


Psychische Krankheiten

Drogen- und Alkoholmissbrauch in Simbabwe nehmen zu. Das Gesundheitsministerium berichtet, dass aktuell 57 Prozent aller Aufnahmen in psychiatrischen Kliniken auf Suchtprobleme zurückzuführen ist. „Von diesen Einlieferungen sind mehr als 80 Prozent in der Altersgruppe zwischen 16 und 40“, erklärt Evans Masitara, ein Psychiater mit einer privaten Praxis. „Und es betrifft hauptsächlich Männer.“

„Junge und alte Alkoholiker sind häufig betroffen von Demenz, Krampfanfällen, Leberkrankheiten und frühem Tod“, sagt Andrew Muchineripi, ein Arzt in einer Privatpraxis. Er fügt hinzu, dass auch Fälle von drogenbedingten Psychosen bekannt sind. Selbstmordgefährdete Süchtige nehmen auch manchmal absichtlich eine Überdosis.

Menschen, die Alkohol und Drogen missbrauchen, tun dies oft aufgrund von Armut und Hoffnungslosigkeit, meint Edgar Mutambu, ein Psychologe in Harare: „Millionen von Simbabwern sind arbeitslos und deswegen gestresst. Sie kämpfen mit den Herausforderungen des täglichen Lebens.“

Hapton Ruvangu ist einer von ihnen. „Ich habe einen Universitätsabschluss, aber ich habe niemals eine Arbeitsstelle gefunden. Ich wohne noch bei meinen Eltern“, berichtet der 31-Jährige. „Das ist mir peinlich, weil ich völlig von ihnen abhängig bin.“ Bezüglich der Suchtprobleme vieler junger Leute sagt Ruvangu: „Alkohol und Drogen helfen uns, unsere Schwierigkeiten zu vergessen.“ Ein Rausch ist nicht teuer. „Sogar für nur einen Dollar kann man sich schnell betrinken.“

Simbabwische Eltern sind wegen dieses Trends beunruhigt. Letiwe Mpofu, deren Kinder drogen- und alkoholabhängig sind, erzählt: „Ich habe es geschafft, meine drei Söhne auf die Universität zu schicken. Aber genau dort haben sie begonnen, Drogen und Alkohol zu missbrauchen, als sie noch studierten.“ In ihren Augen ist Gruppendruck verantwortlich.

Zivilgesellschaftliche Gruppen drängen die Regierung zum Handeln. „Die Regierung sollte den Import von Alkohol und Drogen strikt kontrollieren“, sagt Claris Madhuku von der Platform for Youth Development. „Unsere Grenzen sind so durchlässig, und Korruption grassiert überall; so können verbotene Getränke und Drogen leicht in unser Land gelangen.“

Für Schüler wie Jerry Nhemachena jedoch, der betrunken zur Schule kommt, ist dieser Ansatz zu simpel. „Einflussreiche Leute machen viel Geld mit den Drogen und dem Alkohol, den sie an uns verkaufen, und sie erlassen auch die Gesetze.“ Er ist der Ansicht, es könne „Ewigkeiten dauern, bis Alkohol- und Drogenmissbrauch hier im Griff sind.“


Jeffrey Moyo ist Journalist und lebt in Harare, Simbabwe.
[email protected]


Link

Zimbabwe Civil Liberties and Drug Network (ZCLDN):
http://zcldn.org.zw/

 

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