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Tourismus

Je näher, desto gefährlicher

von Magdalena Braum

Hintergrund

Gegenseitige Beobachtung: Berggorilla im Vulkan-Nationalpark in Ruanda.

Gegenseitige Beobachtung: Berggorilla im Vulkan-Nationalpark in Ruanda.

Die Begegnung mit Menschenaffen in ihrem natürlichen Lebensraum fasziniert viele Menschen. Touren, die solche Begegnungen ermöglichen, sind beliebt. Für die Tiere bringt der zunehmende Tourismus sowohl Schutz als auch Risiken mit sich.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat der Menschenaffen-Tourismus in Afrika stark zugenommen. Einst unzugängliche Lebensräume von Schimpansen und Gorillas sind heute leicht zu erreichen. Es gibt Trekking-Pfade bis tief in Wälder hinein, und Ranger folgen den an Besucher gewöhnten Gruppen täglich vom Sonnenaufgang bis zum Bau der Schlafnester. So kennen sie stets den Aufenthaltsort der Tiere und können Touristen auf dem schnellsten Weg hinführen. Wer schlecht zu Fuß ist, wird mancherorts sogar zu den Affen getragen. So kann heutzutage fast jeder, der es sich finanziell leisten kann, Schimpansen und Gorillas in Afrikas Wäldern sehen.

Das massive Vordringen in den natürlichen Lebensraum der Menschenaffen hat jedoch negative Folgen. Manchen Experten zufolge werden Tiere ihres natürlichen Lebens in der Wildnis beraubt, indem man sie zu Touristenattraktionen macht. Schimpansen und Gorillas in Nationalparks wie dem Vulkan-Nationalpark in Ruanda oder dem Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania können sich zwar frei bewegen, aber nur innerhalb eines bestimmten Territoriums, dessen Grenzen die Menschen immer enger stecken.

Die an Menschen gewöhnten Gruppen stehen unter ständiger Beobachtung. Sie werden von Tierärzten behandelt, wenn nötig, und so weit wie möglich von Rangern beschützt. Im Vergleich zu ihren wilden Artgenossen leben sie in größerer Sicherheit.


Verhaltensforschung

Ursprünglich hat man Schimpansen und Gorillas an Menschen gewöhnt, um ihr Verhalten zu studieren. Ein Pionier der Erforschung afrikanischer Menschenaffen war der in Kenia aufgewachsene Brite Louis Leakey, der in den 1960er Jahren erst Jane Goodall zu den Schimpansen nach Gombe schickte und später Dian Fossey in die Virunga-Wälder Ostkongos und Ruandas, um mit Berggorillas zu arbeiten. Vorher waren Begegnungen mit wilden Affen eher zufällig und kurz. Forscher konnten allenfalls Tieren in Gefangenschaft beobachten, die aber unter den damaligen Haltungsbedingungen zahlreiche Verhaltensstörungen zeigten.

Als die Erfolge Jane Goodalls und Dian Fosseys publik wurden, interessierten sich plötzlich auch andere Menschen für Afrikas Affen. Erst kamen Fotografen und Filmcrews, deren Arbeit auch dem Einwerben von Spenden diente. Dann kamen einzelne Individualtouristen. Ihnen folgten potenzielle Geldgeber und Staatsgäste, bis der Besuch der Schimpansen und Gorillas schließlich jedem offen stand, der bereit war, dafür zu zahlen.

Anfangs waren die Touristenzahlen niedrig. Die Expeditionen waren damals zeitaufwendig und beschwerlich, zudem lauerten Gefahren durch tropische Krankheiten und unberechenbare Rebellen. Hinzu kam, dass die Affen oft tagelang nicht aufzufinden waren. Für die Besucher bedeutete das stundenlange Dschungel-Wanderungen, deren einzige Belohnung in einem simplen Mahl im Wald und einer kalten Nacht im Zelt bestand. Nur die größten Affen-Enthusiasten nahmen das auf sich.

Doch die Erfahrungen derer, die unseren nächsten Verwandten im Tierreich in ihrem beeindruckenden Lebensraum direkt gegenüber gestanden hatten, verbreiteten sich. Romantische Geschichten von Wissenschaftlern, die mit den Affen lebten, übten eine magische Anziehungskraft auf Menschen in aller Welt aus. Dian Fossey, die ihre Erlebnisse in ihrer Autobiografie „Gorillas im Nebel“ geschildert hat und in ihrer Forschungsstation in Ruanda ermordet wurde, avancierte zur Heldin.

Menschenaffentourismus lockt mit atemberaubender Natur, einzigartigen Erlebnissen und großen Gefühlen. Viele Besucher sind bereit, dafür viel Geld zu bezahlen (siehe Kasten folgende Seite). Die Länder, in denen die Affen heimisch sind, sind arm. Ihre Regierungen witterten in dem wachsenden Interesse an den Tieren eine wirtschaftliche Chance. Der Gorilla- und Schimpansen-Tourismus und die Infrastruktur, die dafür benötigt wird, stellen heute eine wichtige Einkommensquelle dar.

Jobs und Geschäftsmöglichkeiten für die ansässige Bevölkerung entstanden, und Geld aus dem Tourismus floss auch in lokale Projekte. Das ist begrüßenswert. Die Zahl der Touristen nimmt jedoch stetig zu, und damit auch die Zahl an Menschen gewöhnter Affen. Es wird immer schwieriger, allen Wünschen der Besucher gerecht zu werden.

Zehntausende Menschen dringen jedes Jahr in die Wälder ein und zu den Affen vor. Dazu kommt die tägliche Beobachtung durch Ranger. Und auch wenn die Tiere den Wald verlassen, begegnen sie Menschen. So verlieren sie ihre Scheu und reagieren immer weniger gestresst. Den Touristen kommt das zugute: Sie wünschen sich so viel Nähe wie möglich.

Die Erfahrung aus den Virunga-Bergen zeigt, dass es Besucher am stärksten beeindruckt, von einem Gorilla berührt oder sogar geschubst oder getreten zu werden. Gorillas tun das manchmal als Abwehrreaktion, wenn Menschen ihnen zu nahe kommen. Jungtiere haben aber auch schlicht Spaß daran, mit Menschen zu spielen. Jedoch besteht stets ein Risiko, dass vor allem männliche Gorillas, wenn sie in diesem frühen Stadium nicht gestoppt werden, Menschen später angreifen.


Krankheits­übertragung

Eine weitere Gefahr liegt in der Übertragung von Krankheiten zwischen Menschen und Affen in freier Wildbahn. Menschenaffen gleichen uns genetisch zu 96 Prozent. Die Möglichkeit der gegenseitigen Ansteckung scheint vielen generell bewusst zu sein: Tierärzte werden oft gefragt, ob kranke Haustiere eine Gefahr für ihre Halter darstellen. Im umgekehrten Fall lässt das Bewusstsein dagegen zu wünschen übrig. Touristen sind sich offenbar nicht darüber im klaren, wie leicht sie etwa eine Atemwegserkrankung an Gorillas im Wald weitergeben können, die keine Abwehrkräfte dagegen haben. Je mehr Menschen Gorillas aufsuchen und je näher sie ihnen kommen, desto grösser ist das Risiko. Unterm Strich profitieren die Affen jedoch vom Tourismus. Die an Menschen gewöhnten Gruppen sind die einzigen Menschenaffen-Populationen, deren Zahl wächst. Dieser Erfolg geht vor allem auf den Schutz durch die täglichen Besuche von Rangern zurück. Ohne Einnahmen aus dem Tourismus wäre das nicht möglich.

Die Weltnaturschutzunion IUCN hat Richtlinien für den Besuch von Menschenaffen formuliert. Dazu gehört es, einen Abstand von mindestens sieben Metern zu den Tieren einzuhalten. Wenn diese Richtlinien befolgt werden und gleichzeitig das Risiko der Krankheitsübertragung minimiert wird, werden die Vorteile des Menschenaffen-Tourismus seine Nachteile auf lange Zeit überwiegen.


Magdalena Braum ist Tierärztin und hat mit Schimpansen im Gombe-Stream-Nationalpark und mit Gorillas im Vulkan-Nationalpark gearbeitet.
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