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Finanzielle Inklusion

In Frauen investieren

von Jen Braswell, Aviva Freudmann

Hintergrund

Nicht viele Frauen sind so erfolgreich wie Kiran Mazumdar-Shaw (rechts). Sie ist Gründerin und Vorsitzende von Biocon Limited, einem der größten Biotechnologie-Unternehmen in Indien. Im Jahr 2006 stellte sie gemeinsam mit dem Bollywood-Schauspieler Shah Rukh Khan (links) ein neues Krebsmedikament vor.

Nicht viele Frauen sind so erfolgreich wie Kiran Mazumdar-Shaw (rechts). Sie ist Gründerin und Vorsitzende von Biocon Limited, einem der größten Biotechnologie-Unternehmen in Indien. Im Jahr 2006 stellte sie gemeinsam mit dem Bollywood-Schauspieler Shah Rukh Khan (links) ein neues Krebsmedikament vor.

Unternehmen, die Frauen gehören, die von Frauen geführt werden oder die Produkte für Frauen herstellen, kommen oft schwer an Kapital. Das gilt besonders für Schwellenländer. Aber wenn Finanzgeber Frauen übersehen, dann übersehen sie auch Chancen: Solche Unternehmen bieten große Vorteile für Investoren, Kreditgeber und für die gesamte Gesellschaft. Ein neuer Ansatz des „geschlechtsspezifischen Investierens“ zeigt Anlegern, wie sie frauenorientierte Unternehmen finden, in die sie investieren können – und warum sie das tun sollten. Eine der Vorreiterinnen ist Jen Braswell vom staatlichen britischen Entwicklungsfinanzinstitut CDC Group.

Warum nutzt die CDC Group bei ihren Investitionsentscheidungen eine „Geschlechter-Brille“? Und das tun ja auch andere Entwicklungsfinanzierer (development finance institutions – DFIs), also staatliche Einrichtungen, die Risikokapital für entwicklungspolitisch relevante Projekte des Privatsektors bereitstellen.
Es gibt zunehmend gut dokumentierte wirtschaftliche Argumente für geschlechtsspezifische Investitionen. Gender-diverse Vorstände und Managementteams leisten oft mehr. Unter guter Führung ist eine geschlechtsspezifisch ausgewogene Belegschaft außerdem produktiver und die Mitarbeiterbindung ist höher – neben weiteren Vorteilen. Auch werden weltweit etwa 80 Prozent der Konsumentscheidungen von Frauen getroffen. Wer das ignoriert, übersieht die Zielgruppe, die zu Wachstum verhilft. Das gilt auch für Unternehmen, die Finanzprodukte anbieten, etwa Banken. Sehr viele Unternehmerinnen sind unterversorgt. Aber auch viele positive soziale Auswirkungen werden sichtbar: Geschlechtsspezifische Vielfalt in der Unternehmensführung geht einher mit mehr Integrität und besserem Management, auch im Hinblick auf ökologische und soziale Fragen. Geschlechtergemischte Führungsteams schätzen Männer und Frauen gleichermaßen; das prägt ihre gesamte Wertschöpfungskette.

Es gibt so viele Vorteile: Warum müssen Sie Kreditgeber und Investoren darauf erst aufmerksam machen?
Das ist ein Marktversagen. Finanzmärkte haben zum Beispiel Vorurteile gegenüber Kleinunternehmen, die Frauen gehören – sie sehen Frauen als größeres Risiko und glauben, sie seien nicht wachstumsorientiert. Andererseits hat die Finanzindustrie geschlechtsspezifische Investitionen auch noch nicht voll erprobt. Wir wissen erst in fünf bis sieben Jahren, wie sich Investitionen in von Frauen geführten Kleinunternehmen entwickeln. Neben systemischen Vorurteilen behindern auch strukturelle Probleme der Finanzmärkte die Frauen. Ihnen fehlen oft Sicherheiten oder die Kreditwürdigkeit, um auf die übliche Art an Kredite zu kommen. Die Datensysteme der Banken sind außerdem nicht auf die Kreditvergabe an Unternehmerinnen ausgerichtet, die oft noch keine große Erfolgsbilanz vorweisen können. Wenige Frauen sind lange genug in ihrer Branche etabliert, um die Art von Profil zu haben, nach dem Investoren suchen.

Wie überwinden DFIs diese Hürden?
Wir wollen auf nachhaltige Weise Kapital in Unternehmen bringen, die von Frauen geführt werden oder die geschlechtergerecht sind. Dazu müssen Investoren ihr „business as usual“ ändern. Als ersten Schritt haben die DFIs ein kollektives Finanzziel für Investitionen in Frauen festgelegt. Im Jahr 2017 stellten die sieben DFIs der G7 – der Gruppe der führenden Industrieländer – fest, dass keiner von uns Daten erhoben hat, wie wir in Frauen investieren. 2018 starteten wir dann auf dem G7-Treffen in Kanada die „2X Challenge“. Der Name spielt auf das weibliche Chromosom an, aber auch auf den Wert, den auf Frauen fokussierte Investitionen für uns darstellen. Die 2X Challenge nahm sich vor, bis Ende 2020 drei Milliarden Dollar in geschlechtsspezifische Investitionen einzubringen. Daraus wurde wesentlich mehr. Bis Ende 2020 hatten die teilnehmenden DFIs sieben Milliarden Dollar zugesagt, zudem hatten sie weitere vier Milliarden Dollar an nicht-staatlichem Kapital mobilisiert. Die Gesamtsumme belief sich also auf elf Milliarden Dollar. Zudem zog das 2X-Projekt neue Teilnehmer an. Aktuell zählen 18 DFIs und multilaterale Entwicklungsbanken dazu, darunter die Internationale Finanz-Corporation (IFC) der Weltbank, die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE).

Abgesehen von geschlechtsspezifischen Investitionen, wie versuchen die Teilnehmer der 2X Challenge noch, Hindernisse für Frauen auf den Finanzmärkten abzubauen?
Wir haben gemeinsam ein 2X-Rahmenwerk als Leitfaden für geschlechtergerechte Investitionsentscheidungen entwickelt, das heißt eine Reihe von Kriterien und Leistungskennzahlen festgelegt. Bestimmte Schwellenwerte legen fest, was eine Investition erfüllen muss, um als gender-smart zu gelten. Das umfasst

  • den Frauenanteil im Management einer Firma,
  • den prozentualen Anteil an Eigentümerinnen,
  • das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Belegschaft und
  • den Anteil der speziell an Verbraucherinnen gerichteten Produkte und Dienstleistungen eines Unternehmens.

Es war uns wichtig, dass diese Kriterien und Indikatoren zu bereits bestehenden Investitionsstandards passen. Wir wollen keine Verwirrung stiften, sondern dem Kapital den Weg ebnen zu geschlechtergerechten Investitionsprojekten. Das 2X-Rahmenwerk ermöglicht es Investoren, die Entwicklung ihrer geschlechtsspezifischen Investitionen nachzuvollziehen. Wir tun genau das mit unserem eigenen Portfolio bei der CDC Group, und wir bitten auch unsere Kapitalnehmer, ihre Ergebnisse im Blick zu behalten. Berichterstattung und Nachverfolgung sind wichtige Elemente des Rahmenwerks. So wie die Berichterstattung zu Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungs-Kriterien (environmental, social and governance – ESG) für Investoren und Unternehmen inzwischen normal ist, wird das wohl auch mit Gender- und Diversity-Themen werden.

Unterstützt das 2X-Projekt auch von Frauen geführte Investmentfonds wie Private-Equity-Firmen, Risikokapitalfonds und Kreditfonds?
Ja. Wir konzentrieren uns besonders auf von Frauen geführte Fonds, die in Unternehmen mit Fokus auf Frauen investieren. Der Markt ist derzeit sehr dynamisch, aber es gibt immer noch Hürden, weil die von Frauen geführten und geschlechterparitätisch besetzten Investmentfonds-Teams oft recht jung sind. Etablierte Akteure sehen das als höheres Risiko. Erschwerend kommt hinzu, dass Eigentümerinnen sowie Freunde und Familie diese Investmentfonds oft selbst finanzieren.

Können die DFIs denn etwas bewirken?
Wir versuchen, den aufstrebenden Fondsmanagerinnen über diese Hürden hinwegzuhelfen. In den letzten 18 Monaten sind mehr als 60 weiblich geführte Investmentfonds aus Entwicklungsländern auf uns zugekommen. Meistens treten diese Teams zum ersten Mal an und können noch nicht viel vorweisen. Unsere eigenen Investitionsparameter erlauben es uns derzeit nicht, in sie zu investieren – das gilt auch für die großen institutionellen Anleger. Aber wir entwickeln gerade eine Möglichkeit, um diesen Fondsmanagerinnen schneller Kapital verfügbar zu machen, damit sie loslegen und sich beweisen können. Die DFIs bauen eine gemeinsame globale Einrichtung auf, die von den Teilnehmern des 2X-Projekts kapitalisiert wird und den Fondsmanagerinnen Startkapital zur Verfügung stellt. Sind die Fonds erfolgreich, werden sie weniger skeptisch beäugt.

Welche weiteren Pläne gibt es?
Beim G7-Gipfel in Cornwall in diesem Jahr haben wir uns das nächste Drei-Jahres-Ziel gesetzt: 15 Milliarden Dollar. Es gibt weitere Teilnehmer mit großen Portfolios und bedeutenden verwalteten Vermögenswerten – darunter die IFC und die EBWE. Wir behalten die 2X-Rahmenkriterien bei, wollen aber darüber hinaus innovative Plattformen entwickeln, um einige systembedingte Blockaden zu überwinden. Zum Beispiel ist es immer noch schwierig, Kapital für Unternehmerinnen kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) zu bekommen. Eine wesentliche Weiterentwicklung ist auch unser Branchenverband 2X-Collaborative, ein globales Netzwerk für geschlechtsspezifische Investitionen. Er wird professionell geführt und nicht nur für DFIs und multilaterale Banken offen sein, sondern für alle Arten von Kapitalgebern. Wir sprechen mit Pensionsfonds und anderen großen institutionellen Anlegern wie Geschäfts- und Entwicklungsbanken. Viele von ihnen wenden das 2X-Rahmenwerk an. Was wir entwickeln, ist also für das Finanzwesen generell relevant.

Was erwarten Sie sich von dem neuen Netzwerk?
2X-Collaborative hat viel zu bieten. Die zwei wichtigsten Punkte sind:

  • Es wird Arbeitsgruppen fördern, die sich entweder auf bestimmte Anlageklassen konzentrieren – wie das Investmentbanking – oder auf thematische Initiativen. Letztere könnten sich damit befassen, ob sich geschlechtsspezifische Aspekte auch auf Klimafinanzierung oder in antirassistischen Kontexten anwenden lassen. Wir überlegen auch, bestimmte Sektoren, etwa den Infrastruktursektor, durch die Gender-Brille zu betrachten.
  • Es wird einen Prozess einführen, um zu prüfen, inwiefern eine Organisation die Kriterien des 2X-Rahmenwerks erfüllt. Das gilt auch für große institutionelle Investoren. Bisher mussten das Kreditgeber und Investoren selbst tun. Ein Überprüfungsmechanismus durch Dritte schafft Vertrauen und sorgt für Effizienz. Aktuell ist das Marktinteresse so groß, dass die Gefahr des „Pink-Washings“ besteht. Will heißen: Irreführendes Marketing macht die Öffentlichkeit glauben, eine Organisation habe frauenfreundliche Produkte, Ziele und Strategien – obwohl das eigentlich gar nicht stimmt. Ein solides und reproduzierbares Überprüfungs- und Zertifizierungsverfahren hilft dabei, das zu verhindern.


Jen Braswell ist Direktorin für Wertschöpfung bei der CDC Group, dem staatlichen britischen Entwicklungsfinanzierer, der seit mehr als 70 Jahren in Afrika und Asien investiert.
[email protected]
https://www.2xchallenge.org/
https://www.2xcollaborative.org/

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