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Gender

Gewalt als Folge des Patriarchats

von Rosse Mary Camacho Justiniano

Hintergrund

Plakat in Cochabamba, Bolivien: “Wer eine Frau angreift, zerstört die Familie. Die bolivianische Polizei beschützt dich. Zeige an!”

Plakat in Cochabamba, Bolivien: “Wer eine Frau angreift, zerstört die Familie. Die bolivianische Polizei beschützt dich. Zeige an!”

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In Lateinamerika weist Bolivien die höchsten Zahlen von physischer und sexualisierter Gewalt gegen Frauen auf. Die Konvention von Belém do Pará, die 35 lateinamerikanische Staaten ratifiziert haben, definiert Gewalt gegen Frauen als “jede Handlung oder Verhalten”, welche einer Frau “Tod, Schaden oder physisches, sexuelles oder psychisches Leiden zufügt, in der Öffentlichkeit ebenso wie in der Privatsphäre”. Obwohl Bolivien dieser Konvention beigetreten ist und fortschrittliche Gesetze erlassen hat, schützt der Staat die Frauen nicht ausreichend. Sheila Mysorekar bat die bolivianische Gender-Expertin Rosse Mary Camacho um Erklärungen.

Wie ist die Lage in Bolivien bezüglich geschlechtsspezifischer Gewalt?
In einer Studie von 2013 der Organización Panamericana de la Salud (OPS) über 12 lateinamerikanische Staaten steht Bolivien ganz oben, was physische und sexualisierte Gewalt gegen Frauen durch ihren Partner oder Ex-Partner betrifft. 53 Prozent aller bolivianischen Frauen sind davon betroffen. Kolumbien und Peru stehen auf dem zweiten Platz; dort sind 40 Prozent der Frauen betroffen. Laut dem bolivianischen Vizeministeriums für Gleichberechtigung (VIO) erleben neun von zehn Frauen in Bolivien irgendeine Form der Gewalt, und 87 Prozent von ihnen leiden unter Gewalt in der Familie. Alle drei Tage wird eine Frau ermordet, berichtet das Centro de Investigación y Desarrollo de la Mujer (CIDEM).

Es wird von einer Welle von Frauenmorden in Bolivien berichtet – trifft das zu?
Ja, leider. Menschenrechtsorganisationen und die Frauenbewegung haben auf die so genannten Femizide hingewiesen. Zwischen Januar und Oktober 2014 wurden laut CIDEM 103 Femizide im Land registriert und damit mehr als 2013. Mehr als 60 Prozent der Opfer wurden von ihren eigenen Partnern getötet, was die Täter mit Eifersucht rechtfertigten. Ein Drittel der Frauen starb durch Schläge.

Welche Gründe gibt es für diese Gewalt?
Die dramatische Situation in Bolivien resultiert aus einer Gesellschaft, in der Frauen als Besitz der Männer betrachtet werden. Das Justizsystem gewährt den Opfern kein Recht und lässt Täter oft straffrei davonkommen. Viele Frauen sind sich ihrer Rechte auch nicht bewusst, und es gibt nicht genug politische Maßnahmen, um Respekt und Gleichstellung zwischen Männern und Frauen zu fördern. Eigentlich sind es die gleichen Gründe wie überall auf der Welt – strukturell ungleiche Machtbeziehungen zwischen Männern und Frauen, das patriarchale System. Manche behaupten, das sei eine Folge des Kolonialismus, und dass in präkolonialen indigenen Gesellschaften Männer und Frauen gleichgestellt waren, aber verschiedene Indikatoren deuten darauf hin, dass auch präkoloniale Gesellschaften entlang patriarchaler Strukturen organisiert waren. Der bolivianische Machismo ist also auch Teil der indigenen Kulturen.

Gibt es Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Regionen?
Gewalt gegen Frauen gibt es zwar überall, aber sie tritt in ländlichen Gegenden stärker zutage. Indigene Frauen machen 20,8 Prozent der bolivianischen Bevölkerung aus, und sie leiden unter doppelter Diskriminierung: als Frauen und als Indigene. Im Gesundheitssektor werden die Unterschiede deutlich. Bolivien hat eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten. Sie beträgt laut OPS 190 Todesfälle pro 100 000 Lebendgeburten. Die Wahrscheinlichkeit für eine Frau auf dem Land, während der Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, liegt viermal höher als für eine Frau in der Stadt. Auf dem Land haben Frauen oft keinen Zugang zu Krankenhäusern, die entweder zu weit weg oder zu teuer sind, oder sie gehen nicht hin, da sie dort diskriminiert werden. Zum Beispiel gebären indigene Frauen ihre Kinder traditionell in der Hocke, aber in den Krankenhäusern müssen sie sich für die Geburt hinlegen. In neuerer Zeit hat der Staat dieses Problem erkannt und interkulturelle Gesundheitszentren eröffnet, die Salud Familiar Comunitaria Intercultural (SAFCI).

Ist die Gewalt gegen minderjährige Mädchen ein besonderes Problem?
Mädchen und Teenager sind besonders gefährdet, was sexualisierte Gewalt angeht. Nach Zahlen des Ombudsmanns leiden 34 Prozent aller Mädchen vor dem achtzehnten Lebensjahr unter sexuellen Misshandlungen, meistens durch Familienmitglieder, Lehrer oder Nachbarn. Viele Fälle von Vergewaltigung enden mit dem Tod des Teenagers. Im Jahr 2014 wurden 13,6 Prozent aller Femizide an Minderjährigen begangen. Die Zahl der Teenager-Schwangerschaften nimmt ebenfalls zu. Sie sind der Hauptgrund dafür, dass Mädchen ihre Ausbildung abbrechen. Junge Mütter, die finanziell von ihren Eltern oder dem Partner abhängen, sind besonders stark von Misshandlungen bedroht.

Womit rechtfertigen Täter geschlechtsspezifische Gewalt?
In der Regel wird Alkohol als Begründung angeführt, obwohl Alkohol nur der Auslöser, nicht der Grund für Gewalt ist. In Fällen von sexualisierter Gewalt wird oft den Opfern die Schuld gegeben, weil sie angeblich “provokante” Kleidung trugen oder “einverstanden” waren.

Wo findet Gewalt gegen Frauen meistens statt – zuhause oder bei der Arbeit?
Überall, aber hauptsächlich dort, wo eine Frau sicher sein sollte, nämlich zu Hause. Gewalt am Arbeitsplatz ist jedoch auch häufig. Frauen haben oft prekäre Jobs im informellen Sektor, werden schlechter bezahlt und von Männer ausgebeutet. Aber es gibt auch eine politische Dimension. Es geht darum, Frauen aus öffentlichen Positionen fernzuhalten. Sie werden körperlich und verbal angegriffen, bedroht oder entführt. Nur 4,7 Prozent der Fälle von politischer Gewalt gegen Frauen kommen je vor Gericht.

Wie reagiert die bolivianische Polizei, wenn eine Frau wegen häuslicher Gewalt eine Anzeige gegen ihren Mann erstatten will?
Polizisten sind wie alle anderen Männer auch; sie tendieren dazu, geschlechtsspezifische Gewalt herunterzuspielen. Wenn zum Beispiel eine Frau nicht offensichtlich verletzt ist, raten sie ihr oft davon ab, Anzeige zu erstatten. Aber es gibt den politischen Wille, die Dinge zu ändern. Bei der bolivianischen Polizei wurde eine Spezialeinheit aufgebaut, die “Fuerza Especial de Lucha Contra la Violencia (FELCV)”. Ihre Aufgabe ist es, Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu verhindern, zu untersuchen und zu bekämpfen. Ermittler werden bezüglich Frauenfragen fortgebildet. Und das Gesetz 348 wurde geschaffen, um Frauen ein Leben ohne Gewalt zu garantieren. Das war eine wichtige Reform. Es wurde 2013 erlassen und ist eine Priorität des Staates.

Hat das irgendeine Auswirkung auf das tägliche Leben?
Naja, sobald eine Frau einen Fall von Gewalt vor Gericht bringt, stößt sie auf Widerstände. Zum Beispiel werden Gewaltopfer oft dazu überredet, sich mit dem Täter zu „versöhnen“, obwohl dies gemäß Gesetz 348 nur in Ausnahmefällen erlaubt ist. Gesetz 348 fordert auch, dass die Opfer sofort Schutz bekommen, aber das dauert oft Wochen oder Monate. Also ist die Frau weiterhin in Gefahr. Und obwohl unter Gesetz 348 in jedem Fall von Gewalt ermittelt werden muss, egal, ob eine Anzeige vorliegt oder nicht, unternehmen die Staatsanwälte meistens gar nichts, wenn das Opfer keinen Anwalt hat. Aber viele Frauen können sich keinen Anwalt leisten, deshalb leben sie weiter mit ihrem Angreifer.

Reagiert die Justiz angemessen, etwa betreffs der Femizide, die Sie erwähnten?
Nein, leider nicht. Die Justiz ist zu langsam. Nur für acht der 206 Femizide zwischen Januar 2013 und November 2014 verhängten die Gerichte eine Strafe, so CIDEM. Es ist jedoch positiv, dass das Jurastudium nun auch das Gesetz 348 und eine Sensibilisierung für Frauenfragen beinhaltet. Auch Ermittler werden darin geschult.

Was tut die Regierung, um die Lage zu verbessern?
Es ist positiv zu vermerken, dass Bolivien in den letzten 20 Jahren alle wichtigen internationalen Vereinbarungen zur Abschaffung von Gewalt gegen Frauen unterzeichnet hat. Auf nationaler Ebene erwähnt die neue Verfassung von 2009 in mehr als 30 Artikeln die Gleichheit der Geschlechter. Darüber hinaus gibt es Gesetze zur Chancengleichheit, speziell für indigene Frauen. Und wie ich bereits gesagt habe, Gesetz 348 war eine wichtige Reform.

Was ist notwendig, um die Gewalt gegen Frauen zu beenden?
Erstens brauchen wir Vorbeugung. Gesetze sind nicht genug. Bildungsprogramme für Teenager über Geschlechtergleichheit und gegenseitigen Respekt sind wichtig. Weiterhin muss das Justizsystem eine glaubhafte Institution für die Bürger generell und Frauen im Besonderen werden. Straffreiheit muss ein Ende haben; Verbrechen gegen Frauen müssen bestraft werden. Und schließlich sollte das Vizeministerium für Gleichberechtigung ein richtiges Ministerium mit ausreichendem Budget werden.

Arbeiten zivilgesellschaftliche Organisationen daran?
Ja, das tun sie. Vor allem indigene Frauen sind sehr aktiv, zum Beispiel die Confederación Nacional de Mujeres Campesinas Indígenas Originarias de Bolivia “Bartolina Sisa”. Diese Vereinigung ist nach einer Anführerin des Aymara-Volkes aus dem 18. Jahrhundert benannt, die gegen die spanischen Kolonisatoren kämpfte. Organisationen indigener Frauen kämpfen heute für vieles, auch für den Erhalt der Wälder und das Recht auf ihr eigenes Territorium.

Was kann auf internationaler Ebene getan werden, um den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt in Bolivien zu unterstützen?
Im Kontext von Entwicklungsprogrammen müssen die Bemühungen um Gleichberechtigung und Stärkung der Frauen erhöht werden. Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen, ist nicht nur ein Ziel an sich, sondern auch die Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung für alle Menschen. Ein konkretes Beispiel ist das Regionalprogramm Combatir la Violencia contra las Mujeres en Latinoamérica (COMVOMUJER – Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika), in dem die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit Kommunalverwaltungen zusammenarbeitet.

Rosse Mary Camacho Justiniano ist Beraterin der GIZ in Bolivien. Sie ist spezialisiert auf Gender und Kommunikation.

rossecamacho@hotmail.com

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