Fortschritt durch Tourismus

Schutz lebender Elefanten

Tourismus ist für Entwicklungs- und Schwellenländer eine Chance. Bestenfalls bringt er der Bevölkerung Fortschritt und schützt gleichzeitig die Natur. Das Schutzgebiet Kavango-Zambezi (KAZA) und der Virunga-Nationalpark zeigen, wie nachhaltige Entwicklung gelingen kann.
Touristen brauchen  Unterkünfte, und Unterkünfte brauchen Mitarbeiter: Lodge am Ufer des Chobe im KAZA-Schutzgebiet. Thomas Schulze/Zentralbild/picture-alliance Touristen brauchen Unterkünfte, und Unterkünfte brauchen Mitarbeiter: Lodge am Ufer des Chobe im KAZA-Schutzgebiet.

Tourismus ist in Subsahara-Afrika schon heute ein wichtiger Wirtschaftszweig, und das große Potenzial gerade im Hinblick auf Natur- und Ökotourismus lassen stetig neue Projekte aus dem Boden sprießen. Erfolgversprechend sind Ansätze, bei denen Artenschutz und Armutsbekämpfung zusammengehen.

Ein positives Beispiel stellt das KAZA-Schutzgebiet dar, das Namibia, Sambia, Simbabwe, Botswana und Angola 2011 aus der Taufe gehoben haben. Auf einer Fläche, die anderthalb Mal so groß ist wie Deutschland, vereint es mehr als 20 Nationalparks und viele weitere Reservate in einem gemeinsamen Schutzareal. Rund 70 Prozent des Gebiets sind geschützt oder werden nachhaltig genutzt – ein großer Erfolg für die Artenvielfalt der Region.

So leben zum Beispiel rund 250 000 Elefanten und damit die Hälfte der Population Afrikas in KAZA. Allerdings sind es zu viele auf einem Fleck, wodurch an manchen Orten die Artenvielfalt unter dem enormen Appetit der Dickhäuter leidet. Wanderkorridore zwischen zuvor isolierten Gebieten schaffen hier Abhilfe und erweitern den Lebensraum der Elefanten und anderer Tierarten.

In der Region leben rund 2,6 Millionen Menschen, die Mehrzahl von ihnen Kleinbauern. Elefanten stellen für sie eine existenzielle Bedrohung dar, denn die Tiere machen sich gern über Maisfelder her. Gewalttätige Auseinandersetzungen, die mit dem Tod von Elefanten oder gar Menschen enden, kommen immer wieder vor.

Zudem arbeiten manche Bewohner mit Wilde­rern von außerhalb zusammen, um ihre geringen Einkommen durch illegalen Elfenbeinhandel aufzubessern. Eins der wichtigsten Ziele des KAZA-Projektes, das vom WWF und weiteren Partnern unterstützt wird, besteht darin, der lokalen Bevölkerung neue Einkommensmöglichkeiten zu erschließen, damit sie auf Wilderei nicht angewiesen ist.

Bewährt hat sich das Konzept des Gemeinschaftsschutzgebiets. Dessen Grundgedanke ist, dass man nur schützt, wovon man profitiert. Elefanten, Löwen oder Flusspferde müssen also Profit durch Tourismus bringen, wenn sie überleben sollen. Möchte ein Investor in einem Gemeinschaftsschutzgebiet eine Lodge betreiben, muss er sich mit der Gemeinschaft einigen. Der Unternehmer bezahlt Pacht für das Land und beteiligt die Bewohner am Gewinn. Lokale Führer begleiten Touristen auf Fotosafari, und auch das Personal für die Lodges wird aus den umliegenden Dörfern rekrutiert und ausgebildet. Jeder Tourist sichert so mehrere Arbeitsplätze. Auf einmal ist der lebendige Elefant für die Menschen wertvoller als sein Elfenbein.


Vertrauen und Abhängigkeit

Was mit dem Erlös aus Pacht und Gewinnbeteiligung geschieht, entscheidet die Gemeinschaft. Ein Beispiel: Im Gemeinschaftsschutzgebiet Kabulabula im östlichen Caprivizipfel in Namibia finanzieren die Menschen mit dem neuen Einkommen mobile Einsatztrupps. Diese rücken aus, um bei Mensch-Tier-Konflikten zu helfen, etwa wenn sich Elefanten einem Maisfeld nähern. So entsteht ein wirtschaftliches Standbein, und eine zuvor bitterarme Region erfährt eine spürbare Entwicklung. Grundlage für den Erfolg ist Vertrauen, aber auch Abhängigkeit: Die Investoren bringen Kapital und Expertise mit, welche in den Dörfern fehlen. Ohne Gemeinschaftsschutzgebiet und sein Wildtier-Management wiederum könnten die Lodges nicht existieren.

Die ersten fünf Gemeinschaftsschutzgebiete entstanden Anfang der 90er Jahre. Mittlerweile gibt es allein in Namibia 82 Gemeinschaftsschutzgebiete. 2012 erwirtschafteten sie zusammen 3,7 Millionen Euro. Für die Dorfgemeinschaften ist das ein großer Erfolg. Und auch die Natur profitiert: Inzwischen zählt man in Namibia wieder wachsende Bestände an Löwen, Elefanten und Geparden. Nun soll das Konzept auch auf andere Länder ausgeweitet werden. Ein erster Ableger findet sich in Sambia, weitere sollen bald folgen. Der WWF unterstützt die Gemeinschaften bei den Verhandlungen mit Inves­toren und beim Management ihrer Flächen und Tierbestände.

Ein weiteres Beispiel für großes touristisches Potenzial ist der Virunga-Nationalpark im Grenzgebiet der Demokratischen Republik Kongo, Ruandas und Ugandas. Der älteste Nationalpark des Kontinents gehört zu den Gebieten mit der höchsten Artenvielfalt weltweit. Er verfügt über Regenwälder, Savannen und Feuchtgebiete und bietet spektakuläre Landschaften vom Gletscher bis zu aktiven Vulkanen. Berühmt ist Virunga für seine Berggorillas, die nur in dem Dreiländereck vorkommen. Bereits in den 80er Jahren florierte hier der Ökotourismus und bot der Bevölkerung eine wichtige Einkommensquelle.

Dieser Umstand erwies sich selbst in den jahrelangen Kämpfen mit verschiedenen Rebellengruppen als verblüffend guter Schutz. Die dominierenden „Demokratischen Kräfte für die Befreiung Ruandas“ (FDLR) bewahrten den Nationalpark und seine Gorillas weitgehend – aus Sorge vor weltweiten Protesten und in der Hoffnung auf Gewinne aus dem Tourismus.


Ölförderung vorerst ­abgewendet

Eine größere Bedrohung stellen europäische Energiekonzerne dar, die es auf das Erdöl im Virunga-Park abgesehen haben. Dessen Erschließung hätte fatale Folgen. Mit einer internationalen Kampagne konnte der WWF die Firmen zum Verzicht bewegen. 2014 zog sich das britische Unternehmen Soco als vorerst letzter verbliebener Konzessionär aus Virunga zurück. Der WWF kämpft nun darum, dass die kongolesische Regierung grundsätzlich keine Erdöl-Konzessionen in Nationalparks vergibt und die bereits erteilte zurückzieht.

Auch ohne sein Öl ist der Park ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Von den rund 4 Millionen Menschen im Gebiet um den Nationalpark herum leben schon heute 50 000 direkt von seinem Reichtum, die meisten als Fischer am Edwardsee. Die Region ist prädestiniert für vielfältige Bewirtschaftung im Einklang mit der Natur. Dem Ökotourismus fällt dabei eine zentrale Rolle zu.

Von 2012 bis 2014 war der Virunga-Nationalpark von kongolesischer Seite aufgrund der schlechten Sicherheitslage geschlossen. Jetzt ist er wieder geöffnet, Kämpfe zwischen Regierungstruppen und bewaffneten Gruppen finden jedoch immer wieder statt und schrecken Touristen ab. Wenn sich die Region stabilisiert, kann der Tourismus zügig zu einer der wichtigsten Einnahmequellen für die Bevölkerung werden: Vor dem Bürgerkrieg zog Virunga zeitweise mehr Besucher an als die berühmte Serengeti.

Eine Studie im Auftrag des WWF kommt zu dem Ergebnis, dass ein sanfter Ökotourismus mittelfristig für 7000 direkte Arbeitsplätze für Ranger, Naturführer oder in den Lodges sorgen kann; viele weitere würden in angrenzenden Sektoren und durch einen allgemeinen Aufschwung entstehen. Mehr als 200 Millionen Dollar für die lokale Bevölkerung könnte das Geschäft rund um den Reiseverkehr liefern. Somit würden die Kongolesen dauerhaft von dem großen Reichtum ihres Nationalparks profitieren, ohne ihn zu zerstören, wie es beim kurzfristigen Boom durch Ölförderung der Fall wäre.

Trotz der großen Unterschiede zeigen KAZA und ­Virunga beispielhaft, wie ein Weg zu nachhaltiger Entwicklung aussehen kann. Der Tourismus ist kein alleiniger Heilsbringer, kann aber zu einer besseren Lebensperspektive in Schwellen- und Entwicklungsländern beitragen. Und auch eine wichtige Erkenntnis in Sachen Umweltschutz bieten Virunga und KAZA: Der Schutz von Tier und Natur kann nur mit den Menschen vor Ort gelingen, niemals gegen sie. Ein lebender Elefant muss mehr wert sein als ein toter.

 

Brit Reichelt-Zolho ist Afrika-Referentin des WWF Deutschland.
brit.reichelt-zolho@wwf.de

Johannes ­Kirchgatter ist ebenfalls Afrika-Referent des WWF Deutschland.
johannes.kirchgatter@wwf.de


Links:
Das Schutzgebiet Kavango-Zambezi (KAZA):

http://www.kavangozambezi.org/
Der Virunga-Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo:
https://virunga.org/

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