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Internationale Zusammenarbeit

Wie sich Indiens weltweiter Einfluss entwickeln könnte

Indiens globale Rolle in den kommenden zehn Jahren wird geprägt sein von seiner innenpolitischen Entwicklung, seinem Verhältnis zu China, der Ausrichtung der BRICS+ und den Beziehungen zum Westen. Dies wird die Zusammenarbeit mit Indien verändern. Die GIZ hat vier Zukunftsszenarien entwickelt.
Feier zum Tag der Republik am 26. Januar in Gurugram im indischen Bundesstaat Haryana. Feier zum Tag der Republik am 26. Januar in Gurugram im indischen Bundesstaat Haryana. picture-alliance/Sipa USA/Hindustan Times Feier zum Tag der Republik am 26. Januar in Gurugram im indischen Bundesstaat Haryana. Feier zum Tag der Republik am 26. Januar in Gurugram im indischen Bundesstaat Haryana.

Die aktuelle Weltordnung ist durch erhebliche geopolitische Machtverschiebungen charakterisiert. Teile des sogenannten globalen Südens stellen die führende Rolle des Westens und seiner Wertvorstellungen in Frage. Der Gestaltungsanspruch und der Einfluss von aufstrebenden Schwellenländern sind erheblich gestiegen. China hat sich zum ernsthaften Herausforderer der globalen Vormachtstellung der USA entwickelt. Indien ist aufgrund seiner Größe, seiner Geschichte und seines anhaltenden Wirtschaftswachstums dabei, ein weiterer wichtiger Pol in dieser neuen Welt(un)ordnung zu werden. Exemplarisch hierfür steht die ambitionierte Agenda der indischen G20-Präsidentschaft 2023 mit dem offen formulierten Anspruch, ein Sprachrohr des globalen Südens zu sein.

Angesichts dieser Entwicklungen wurde im September 2023 ein Fachgespräch mit den Methoden der strategischen Vorausschau ausgerichtet, an dem zwei renommierte indische Expert*innen sowie Mitarbeitende der GIZ aus Indien, Deutschland und Subsahara-Afrika teilnahmen. Strategische Vorausschau ist eine systematische, multidisziplinäre Analyse von mittel- bis langfristigen Entwicklungen unter den Bedingungen von Ungewissheit. Zentral ist dabei der Anspruch, in Alternativen zu denken und den Raum möglicher Entwicklungen frühzeitig zu antizipieren.

Im Mittelpunkt des Fachgesprächs standen zwei Fragen: Wie könnte sich Indiens globaler Einfluss in den kommenden zehn Jahren entwickeln? Und welche Konsequenzen ergeben sich aus unterschiedlichen Zukunftsszenarien für die internationale Zusammenarbeit?

Ausgehend von diesem Gespräch, Interviews sowie einer ausführlichen Literaturrecherche haben die Autoren vier Szenarien (hier gekürzt abgebildet) erstellt. Schlüsselfaktoren sind jeweils die sozio-ökonomische und politische Entwicklung Indiens sowie seine außenpolitische Ausrichtung. Auch wenn sich die Szenarien konkret mit Indiens wandelnder Rolle in der Welt befassen, sind die Autoren der Überzeugung, dass sie auch für den allgemeinen Diskurs über den wachsenden Einfluss des globalen Südens wertvoll sind.

Szenario 1: Zurück auf Los

Im Jahr 2033 schwächelt Indiens Wirtschaftswachstum, der digitale Fortschritt kommt zum Erliegen und die grüne Transformation droht zu scheitern. Nicht erfüllte Entwicklungserwartungen der Bevölkerung schüren die sozialen Spannungen im Land. Politisch ringt Indien mit dem Erbe von 15 Jahren Herrschaft der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP). Die neue Regierung richtet sich stärker nach dem Westen aus, in der Hoffnung, aus der wirtschaftlichen Krise herauszukommen.

Indien – in absoluten Zahlen noch immer ein wirtschaftlicher Gigant – muss sich auf innenpolitische Themen konzentrieren und formuliert angesichts geringer Finanzmittel weniger ambitionierte außenpolitische Ziele. Sein globaler Einfluss ist aufgrund der Herausforderungen im eigenen Land weit hinter dem Chinas zurückgefallen. China fordert Indien zudem im Himalaya militärisch heraus. Indien fährt seine Entwicklungsgelder deutlich zurück und erhält selbst wieder mehr Mittel zur Armutsbekämpfung.

Szenario 2: Globale Macht und Vishvaguru

Die schwierige sozioökonomische Transformation in Indien trägt in den frühen 2030er-Jahren Früchte. Investitionen in die (digitale) Infrastruktur des Landes sowie ambitionierte Sozialprogramme ermöglichen den meisten Menschen einen moderaten Wohlstand. Indien arbeitet sicherheitspolitisch eng mit Australien, Japan und den USA zusammen und ist ein effektives Gegengewicht zu China geworden, was jedoch auch zu weiteren Spannungen zwischen den beiden Ländern führt.

Entwicklungspolitisch stockt Indien seine Mittel auf und fokussiert sich zum einen auf Südostasien und Südasien, um China aktiv entgegenzuwirken, sowie zum anderen auf starke Partnerschaften mit den afrikanischen Staaten. In Afrika kann es die indische Diaspora als Hebel nutzen. Indiens Softpower – Bollywood, Cuisine, Yoga und indische Philosophie – setzt das Land im Sinne der politischen Idee des Vishvaguru (Indien als „Lehrer der Welt“) weltweit effektiv ein. Es agiert dabei auch erfolgreich als Brückenbauer zwischen den Indus­trienationen und dem globalen Süden und fördert aktiv Dreieckskooperationen, also Entwicklungsprojekte, die gemeinsam geplant, finanziert und umgesetzt werden von einem begünstigten Empfängerland, einem Hauptpartner (in diesem Fall Indien) und einem unterstützenden Partner.

Szenario 3: Bharat in der autoritären Sackgasse

Bestehende Ungleichheiten haben bis 2033 stark zugenommen – sowohl zwischen den Bundesstaaten als auch innerhalb der Bevölkerung. Soziale Spannungen verschärfen sich und entladen sich häufig entlang ethnischer oder religiöser Trennlinien. Der Umbau der föderalen Staatsstruktur sowie der Verfassung zu einer hindu-nationalistischen Republik durch die nun seit fast 20 Jahren regierende BJP trägt ebenfalls zum Niedergang der sozialen Kohäsion bei.

Außenpolitisch will Indien, das sich nun Bharat nennt – eine Sanskrit-Bezeichnung, die vor allem Hindus verwenden – seinem Anspruch einer Regionalmacht mit weltpolitischem Gestaltungswillen gerecht werden. In der Realität scheitern diese Ambitionen jedoch oftmals an den begrenzten Mitteln für Diplomatie, Sicherheit und internationale Kooperationen. Indien agiert vor allem im Kontext der nun auf mehr als 30 Staaten gewachsenen BRICS+, um international Einfluss ausüben zu können. Die Möglichkeiten hierzu sind jedoch durch China stark eingeschränkt, welches die BRICS+ zu einem antiwestlichen Club unter chinesischer Führung umgebaut hat. Seine Entwicklungsgelder konzentriert Indien auf wenige Prestigeprojekte in Subsahara-Afrika und dem Mittleren Osten.

Szenario 4: Alles auf Wachstum und India First

Indiens Wirtschaft folgt 2033 einem autoritären Entwicklungsmodell und besticht mit beeindruckenden Wachstumszahlen. Die grüne und gerechte Transformation bleibt dabei weitestgehend auf der Strecke. Die digitale Transformation verläuft staatszentriert und wird von der Regierung verstärkt zur Überwachung der Bevölkerung genutzt. Die mittlerweile drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist ein selbstbewusster internationaler Akteur mit erheblichem Einfluss. Indien geht dabei auf Distanz zum sich im Niedergang befindenden Westen, der sich nie hinreichend mit den Interessen und Werten Indiens auseinandergesetzt hat.

China und Indien haben sich für den Moment miteinander arrangiert und profitieren gegenseitig vom Handel. Die BRICS+ sind aufgrund der Lähmung von UN und G20 der prägende Faktor im internationalen Umfeld. Gegenüber dem Nachbarn Pakistan wird der Tonfall Indiens immer aggressiver, und die Sicherheitslage in der Grenzregion Jammu und Kaschmir verschlechtert sich. Entwicklungspolitisch richtet sich Indien allen voran an den nationalen Interessen aus und sichert beispielsweise seltene Rohstoffe in Subsahara-Afrika sowie wichtige Lieferketten in Süd- und Südostasien.

Strategische Implikationen für die Internationale Zusammenarbeit

Wie in den vier Szenarien dargelegt, wird Indiens internationale Rolle in den kommenden zehn Jahren insbesondere geprägt sein von seiner innenpolitischen Entwicklung, dem Verhältnis zu China, der Ausrichtung der BRICS+ wie auch den Beziehungen zum Westen

Die Anforderungen an die Zusammenarbeit mit Indien werden sich dadurch weiter verändern. Die folgenden, bereits heute erkennbaren Trends werden sich wahrscheinlich in den kommenden Jahren verstärken: 

  1. Indien wird sich zukünftig noch selbstbewusster als globaler Partner mit eigenen Vorstellungen, Ansätzen und Forderungen positionieren. Daher wird es für Entwicklungskooperationen und die internationale Zusammenarbeit mit Indien wichtiger denn je werden, die gegenseitigen Interessen aufeinander abzustimmen. Dies erfordert entsprechend Zeit und Ressourcen für die Konsensbildung.
  2. In der Zusammenarbeit mit Indien sind attraktive, State-of-the-Art-Leistungsangebote notwendig. Dabei wird es wahrscheinlich immer weniger um klassische entwicklungspolitische Themen gehen, sondern um die Zusammenarbeit in großen Transformationsfragen wie der Energiewende, urbaner Entwicklung und Mobilität, Digitalisierung, Umweltschutz und Klimawandel.
  3. Die Erwartungen der indischen Partner an die fachliche und interkulturelle Kompetenz sowie die Praxiserfahrung der Mitarbeitenden von internationalen Organisationen sind hoch und werden voraussichtlich weiter steigen.
  4. Indiens Interesse an Dreieckskooperationen und einer Vermittlerrolle zum globalen Süden wird wahrscheinlich weiter zunehmen. Aktuell deutet vieles darauf hin, dass Indien dabei zunehmend an Dreieckskooperationen mit afrikanischen Staaten interessiert ist. Eine vielversprechende Thematik ist Ernährungssicherung inklusive agrarökonomischer Ansätze. Aber auch Indiens digitale Entwicklung dürfte andere Regionen interessieren.

Gewichtiger Akteur

Mit gut 1,4 Milliarden Menschen ist Indien das bevölkerungsreichste Land der Welt und zudem mittlerweile die fünftgrößte Volkswirtschaft. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei etwa 2400 Dollar, sodass die Weltbank Indien weiterhin als Land mit niedrigen mittleren Einkommen einstuft. Im Human Development Report des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) belegt Indien Platz 134 von 193 und zählt damit zu den Ländern mit mittlerer menschlicher Entwicklung. Die sozioökonomischen Unterschiede zwischen den Bundesstaaten sind gewaltig. Zudem ist Indien ein ungemein vielfältiges Land, mit hunderten Ethnien, 23 offiziellen Amtssprachen und etwa 200 Millionen Muslim*innen bei 80 Prozent Hindu-Mehrheitsgesellschaft.

Das politische System kennzeichnet eine föderale Struktur mit erheblichen eigenen Kompetenzen der Bundesstaaten. Seit 2014 ist Narendra Modi von der Bharatiya Janata Party (BJP) Premierminister. Unter ihm wurden einige politische Maßnahmen umgesetzt, die das Land modernisiert und sein Wachstum gefördert haben. Gleichzeitig verfolgt die BJP unter Modi die Umwandlung Indiens von einer säkularen, multikulturellen Nation hin zu einem zunehmend autoritären hinduistischen Mehrheitsstaat.

Indiens Außenpolitik ist geprägt durch die schwierigen Beziehungen mit seinen Nachbarn, allen voran Pakistan und China. Mit seiner Strategie des „multialignment“ setzt Indien auf Bündnisse nach vielen Seiten hin, um seine Eigenständigkeit und strategische Autonomie zu wahren. Das Land sieht sich selbst als einen gewichtigen internationalen Akteur in einer multipolaren Welt. Diese Haltung zeigt sich aktuell zum einen in Indiens zurückhaltender Positionierung gegenüber dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sowie zum anderen in dem Bestreben, die Erweiterung der BRICS nicht als Phalanx gegen den Westen verstanden zu wissen.

Mittlerweile zählt Indien zu den größten Gebern von Entwicklungsgeldern aus dem globalen Süden, mit regionalen Schwerpunkten in Südasien und Afrika. Die Mittel stiegen zwischen 2001 und 2019 von 264 Millionen auf 1,32 Milliarden Dollar. Ein Vielfaches hiervon investiert Indien über die New Development Bank (NDB, ehemals BRICS Development Bank) und die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB). Beide Banken hat es 2014 (NDB) beziehungsweise 2016 (AIIB) mitgegründet.

Jörn Geißelmann ist Senior Berater für Strategische Vorausschau in der Stabsstelle Unternehmensentwicklung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).
joern.geisselmann@giz.de

Johannes Kummerow ist Berater für Strategische Vorausschau in der Stabsstelle Unternehmensentwicklung der GIZ.
johannes.kummerow@giz.de

Governance

Um die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen, ist gute Regierungsführung nötig – von der lokalen bis zur globalen Ebene.