Finanzierung

Förderung von Klein(st)unternehmen in Afrika

Wie bedeutend der Zugang von Kleinst-, Klein- und Mittelunternehmen (KMU) zu angemessener Finanzierung für ein stabiles Wachstum und mehr Beschäftigung ist, steht außer Frage. Der Beitrag diskutiert, ob und in welchem Umfang Crowdfunding in Afrika zur Finanzierung von KMU eingesetzt werden kann.
Für kleine und mittlere Unternehmen können innovative Finanzierungsmöglichkeiten wie Crowdfunding existenzsichernd sein: Marktstände in Lusaka, Sambia. sb Für kleine und mittlere Unternehmen können innovative Finanzierungsmöglichkeiten wie Crowdfunding existenzsichernd sein: Marktstände in Lusaka, Sambia.

Für ein nachhaltiges, inklusives Wachstum mit der Schaffung einer ausreichenden Zahl neuer Jobs, die der rapide wachsenden jungen Bevölkerung eine sichere Lebensperspektive bieten, sind positive Rahmenbedingungen für neue und bestehende KMU essenziell. Rund 80 Prozent der Arbeitsplätze in Afrika entfallen auf Kleinst-, Klein- und Mittelunternehmen. Auch wenn es in den einzelnen Ländern unterschiedliche Hindernisse für das Wachstum des Sektors gibt, besteht doch Einigkeit darüber, dass der fehlende Zugang zu Finanzdienstleis­tungen, insbesondere Krediten und Eigenkapitaleinlagen, länderübergreifend in allen afrikanischen Volkswirtschaften ein zentrales Problem ist.

Die zur Verfügung stehenden Daten zeigen klar, dass ein verbesserter Zugang von Unternehmen zu Krediten Wachstum und neue Jobs schafft. Auch die Agenda 2030 zieht in den SDGs 8 und 9 (gute Arbeitsplätze und wirtschaftliches Wachstum/Infrastruktur, Industrialisierung und Innovation) eine direkte Verbindungslinie zwischen der Förderung von KMU durch verbesserte Finanzierungsmöglichkeiten und der Schaffung von Arbeitsplätzen mit Vollbeschäftigung und menschenwürdiger Arbeit für alle. Innovative Politik- und Finanzierungsansätze sind gefragt. Das lenkt den Blick über den traditionellen Banken- und Finanzsektor hinaus auf Formen alternativer Finanzierung wie das Crowdfunding (siehe Kasten).

Das rapide Wachstum des Crowdfunding-Sektors ist als globaler Trend belegt. 2015 betrug das weltweite Crowdfunding-Volumen 34,4 Milliarden Dollar. Damit hat sich der weltweit gecrowdfundete Betrag gegenüber 2014 (16,2 Mrd. Dollar) mehr als verdoppelt und gegenüber 2013 sogar verfünffacht (6,1 Mrd. Dollar). Nordamerika bildet den größten Crowdfunding-Markt, gefolgt von Asien und Europa. Die Angaben zu Afrika differieren stark und sind kaum belastbar. Klar ist aber, dass sich Afrika noch in der „Beta-Entwicklungsphase“ befindet und sich das Crowdfunding als Finanzierungsmechanismus noch nicht durchgesetzt hat.

Für 2015 wird für Afrika ein Crowdfunding-Volumen von 127 Millionen Dollar angegeben, wobei 94,7 Millionen Dollar über internationale und nur 32,3 Millionen über afrikanische Plattformen eingeworben wurden. Für 2016 werden 190 Millionen Dollar vorhergesagt. Nach anderen Quellen lag das Crowdfunding-Volumen 2015 insgesamt bei nur 83,2 Millionen Dollar, von denen 90 Prozent aus auf internationalen Plattformen gelaufenen Crowdfunding-Kampagnen stammen. Interessant ist, dass das Crowdfunding für Projekte in Afrika mit der überwiegenden Finanzierung durch Geldgeber aus dem globalen Norden dem traditionellen Muster der Entwicklungszusammenarbeit folgt.

Die Weltbank hat in einer 2013 veröffentlichten Studie ein Crowdfunding-Potenzial für Afrika von bis zu 2,5 Milliarden Dollar im Jahr 2025 errechnet. Der Gründer der südafrikanischen Crowdfunding-Plattform Thundafund, Patrick Schofield, äußert sich gleichermaßen zuversichtlich: „Crowdfunding has been a phenomenal driving force of creative development in the US and Europe. We believe that it can become an equally powerful force in Africa.“


Crowdfunding als Chance

Hype oder realistische Annahmen? Die Global Partnership for Financial Inclusion, ein Zusammenschluss aller G20-Länder, betont das Potenzial von Crowdfunding, stellt aber auch fest, dass es noch nicht genug Belege dafür gibt, dass Kunden, denen der Zugang zu Krediten fehlt, vom Crowdfunding profitieren.

Die Weltbank-Studie geht davon aus, dass Crowdfunding den Entwicklungsländern die Chance bietet, die traditionellen Kapitalmarktstrukturen und Finanzregulierungssysteme zu überspringen und Banken und andere Finanzinstitutionen zu komplementieren oder zu ersetzen. Die Frankfurt School of Finance & Management widerspricht dem: Das Banking sei stets die erste Phase der Finanzsektorentwicklung, erst darauf aufbauend könne das Crowdfunding die nächste Stufe der Finanzsektorentwicklung in hochentwickelten Volkswirtschaften sein. Das Crowdfunding-Potenzial in Entwicklungsländern sei deshalb sehr begrenzt, Crowdfunding sei keine Überholspur zur Finanzmarktentwicklung.

In den USA, Europa und in Asien hat sich Crowdfunding im Rahmen gut funktionierender Finanzmärkte auf der Basis klarer finanzrechtlicher Regelungen als komplementäres Angebot fest etabliert. Parallel dazu wurden spezielle Regelungen in Kraft gesetzt, die im Vergleich zu anderen Finanzierungsformen reduzierte regulative Anforderungen an das Crowdfunding stellen, gleichzeitig aber einen angemessenen Investorenschutz bieten. Zu nennen sind zum Beispiel der amerikanische „Jumpstart Our Business Startups (JOBS) Act“ oder das Kleinanlegerschutzgesetz in Deutschland.

Die Rahmenbedingungen in Afrika sind, sowohl was die Marktstrukturen und die Funktionsfähigkeit des Finanzsektors als auch was das politische und rechtliche Umfeld anbelangt, vollständig anders. Nach Angaben der UN haben aktuell (2016) nur drei afrikanische Staaten eine Crowd­funding Policy, kein afrikanischer Staat hat bislang spezifische Rechtsvorschriften erlassen. Auf der Basis einer Analyse des Crowdfunding-Sektors in Ostafrika kommt das Cambridge Centre for Alternative Finance zu der Schlussfolgerung, dass eine Regulierung des Crowdfunding verfrüht wäre. Es empfiehlt zur weiteren Marktentwicklung, zunächst die Erfahrungen der existierenden Crowdfunding-Plattformen systematisch zu erfassen und auszuwerten und in einem breit angelegten Dialog der Regulierungsbehörden mit den Wirtschaftsverbänden einen regionalen Regulierungsansatz zu entwickeln.

Klar ist, dass man den vom traditionellen Banken- und Finanzsektor nicht gedeckten Finanzierungsbedarf der KMU in Afrika (der von der Weltbank allein für Subsahara-Afrika auf 140 bis 170 Milliarden Dollar geschätzt wird) nicht mit der potenziellen Nachfrage nach Crowdfunding-Finanzierungsangeboten gleichsetzen kann. Ob und in welcher Form Crowdfunding in Betracht kommt, hängt von dem konkreten Projekt und der Art und Höhe der benötig­ten Finanzierung ab. Auf der Angebotsseite lässt sich die Bereitschaft, Finanzmittel über Crowdfunding-Plattformen zur Verfügung zu stellen, kaum einschätzen.

Um das Crowdfunding-Potenzial zur KMU-Finanzierung in Afrika auszunutzen, gibt es zwei Stellschrauben: zum einen die Entwicklung von nationalen afrikanischen Crowdfunding-Plattformen, zum anderen die Entwicklung und Nutzung von internationalen Crowdfunding-Plattformen zur Finanzierung von Projekten in Afrika (siehe Kasten). Bislang gibt es nur eine relativ kleine Zahl nationaler afrikanischer Crowdfunding-Plattformen mit einem sehr geringen finanziellen Volumen. Ihr Potenzial liegt aber auf der Hand: Sie können für breitere Kreise der Bevölkerung, auch die wachsende Mittelschicht, Anlagemöglichkeiten schaffen und so inländische Ressourcen mobilisieren. Dabei können sie, was für KMU von besonderer Bedeutung ist, die Finanzierung in lokaler Währung anbieten, auch als Lokalwährungsdarlehen.

Das liegt auf der Linie der Addis Ababa Action Agenda (AAAA), die 2015 auf der UN-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung verabschiedet wurde: Die AAAA erwähnt Crowdfunding nicht explizit, spricht aber die Notwendigkeit der vermehrten Mobilisierung inländischer Ressourcen ebenso an wie die Notwendigkeit eines verbesserten Zugangs von KMU zu Krediten und einer Entwicklung innovativer Finanzierungsmechanismen.

Es ist schwierig, die weitere Entwicklung des Crowdfunding in Afrika vorherzusagen. Innovationen auf dem Finanzsektor brauchen Zeit. Neue disruptive Technologien stoßen auf Widerstand. Die Entwicklung eines afrikanischen Crowdfunding-Markts ist keine „cut-and-paste exercise“ des europäischen, asiatischen oder nord­amerikanischen Markts. „Africanise Crowd­funding“ ist gefordert. Crowdfunding ist sicher nicht das alle Probleme ausräumende Wundermittel. Es scheint aber genügend Potenzial zu haben, um sich mittel- und langfristig als Teil eines Instrumentenmixes als wichtiger Baustein der KMU-Finanzierung zu etablieren.


Rolf Drescher ist Referatsleiter im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Der Beitrag stellt seine persönliche Meinung dar und ist nicht dienstlich veranlasst.
rolf.drescher@t-online.de

Links
Deutsches Crowdfunding-Informationsportal: http://www.crowdfunding.de.
Afrikanische Crowdfunding-Plattformen: http://www.changa.co.de; http://www.app.pesazetu.co; http://www.thundafund.com; http://www.startme.co.za.
Internationale Crowdfunding-Plattformen mit Finanzierung von Projekten in Afrika: http://www.bettervest.com/de; http://www.crowd4climate.org; http://www.lendahand.com/en-de; http://www.bluebees.fr/en; http://www.jointrine.com; http://www.emergingcrowd.com; http://www.kiva.org

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