Gated Communities

Sicheres Wohnen ist teuer in Brasilien

Angesichts von Kriminalität und Gewalt leben Brasilianer, die es sich leisten können, in geschlossenen und bewachten Wohnkomplexen. Es sind Oasen der Sicherheit – sie ändern aber nichts an den anhaltenden Gewaltverbrechen im Land.
Swimmingpool einer gut geschützten Wohnanlage in São Paulo. DEM Swimmingpool einer gut geschützten Wohnanlage in São Paulo.

Giulia Beatriz, ein 25-jähriges Model, hat in Rio de Janeiro einen unsanften Start erlebt. Sie war wegen eines Jobs in der Stadt. Doch kaum angekommen, wurde sie am Strand von Copacabana von zwei Kriminellen angegriffen, die ihr ihre goldene Halskette entrissen und flüchteten. Erschüttert von dem Vorfall zog sie zurück in ihre Heimat im Bundesstaat São Paulo.

„Heute lebe ich in einer bewachten Wohnsiedlung mit Sicherheitspersonal und Kameras zur Überwachung meines Hauses“, sagt sie. „Ich fahre ein gepanzertes Auto, weil ich mich auch in meinem Bundesstaat nicht sicher fühle.“ Überfälle auf der Straße seien in Rio wahrscheinlicher, sagt sie. In São Paulo gebe es dagegen viele Einbrüche. In beiden Ballungsräumen investieren Privatleute viel in den Schutz ihrer Häuser. Wohlhabende Brasilianer schützen sie in der Regel durch hohe Mauern, bewaffnetes Wachpersonal und Sicherheitskameras. Umzäunte Hochhaussiedlungen lassen sich dabei leichter sichern als einzelne Häuser.

In den vergangenen drei Jahrzehnten haben sich in brasilianischen Städten immer mehr Gated Communities etabliert – scharf bewachte Wohnsiedlungen mit strikten Eingangskontrollen. Grund dafür ist die hohe Kriminalitätsrate. Laut World Population Review, einer Online-Plattform zu Bevölkerungsdaten, gab es 2020 in Brasilien 23,6 Tötungsdelikte pro 100 000 Einwohner. Das Land hat die siebthöchste Kriminalitätsrate der Welt, und organisierte Kriminalität ist ein wachsendes Problem. Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Banden sind weit verbreitet, genau wie Drogenhandel, Korruption und häusliche Gewalt.

Die Welle der Kriminalität bricht nicht ab. Laut dem Brazilian Yearbook of Public Security ist die Zahl der Tötungsdelikte 2020 gegenüber dem Vorjahr um vier Prozent gestiegen. Mehr als 50 000 Menschen wurden umgebracht, in 78 Prozent der Fälle waren Schusswaffen im Spiel. Weitere 6 400 Menschen wurden von der Polizei getötet (siehe meinen früheren E+Z/D+C-Beitrag auf www.dandc.eu).

Eigentumswohnungen/Wohnkomplexe 

Gewaltverbrechen befeuern die Nachfrage nach bewachten Wohnanlagen. Laut dem Brazilian Institute of Geography and Statistics (IBGE) leben von den rund 57,3 Millionen brasilianischen Haushalten mehr als eine Million in Wohneinheiten in mehrstöckigen Wohnkomplexen. In der Regel sind das Eigentumswohnungen. Etwa 6 Millionen Haushalte, in der Regel Mieter, leben in ungesicherten Wohnungen, die nicht von der Außenwelt abgeschirmt sind.

Bewachte Wohnungen haben auch deshalb Konjunktur, weil die Qualität des städtischen Lebens sinkt. Öffentliche Dienstleistungen sind in der Regel schwach, und Infrastruktur verfällt, etwa Straßen oder Parks. Hinzu kommt erhebliche Verschmutzung und Lärmbelastung. Besonders schlimm ist es in den „Favelas“, den überfüllten Armenvierteln (siehe meinen Beitrag auf www.dandc.eu).

Im Kontrast zur Außenwelt sind die Gated Communities Inseln der Ruhe und Ordnung. Die Sicherheitsmaßnahmen sind enorm. An den Eingangstoren sitzen in der Regel bewaffnete Wachen. Die Wohnanlagen werden rund um die Uhr von computergesteuerten Sicherheitssystemen überwacht. Die Bewohner innerhalb der Mauern haben Zugang zu Schwimmbädern, Fitnessstudios, Kinos, Spielplätzen, Internetcafés, Speiseräumen und Bereichen für Haustiere. Einige verfügen sogar über Geschäfte, Fußballplätze oder Golfplätze.

Außerhalb der Tore gehören Gewalt und Angst zum täglichen Leben. Tausende Brasilianer gehen jeden Morgen mit der Angst zur Arbeit, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. Selbst einige Brasilianer, die in Gated Communities leben, erwägen auszuwandern (siehe Kasten).

Kultur der Gewalt

Für die meisten Menschen ist das Leben in den Städten geprägt von ständiger Unsicherheit. Wo staatliche Behörden es seit Langem nicht schaffen, Recht und Gesetz durchzusetzen, hat sich eine Kultur der Gewalt etabliert. Junge Menschen sind besonders gefährdet: 51 Prozent der Tötungsdelikte in Brasilien im Jahr 2019 betrafen Opfer im Alter von 15 bis 29 Jahren. Im Schnitt wurden täglich 64 junge Menschen in Brasilien getötet, wie es im „Atlas da Violência“ (Atlas der Gewalt) heißt, herausgegeben vom Institute for Applied Economic Research (IPEA), einer Denkfabrik der Regierung. Mehr als 23 300 junge Menschen verloren 2019 ihr Leben.

Tatsächlich ist Gewalt die häufigste Todesursache für junge Menschen in Brasilien. Im Jahr 2019 waren 39 von 100 Todesfällen bei 15- bis 19-Jährigen auf Gewalt zurückzuführen, ähnlich wie bei den 20- bis 24-Jährigen (38 von 100). Bei den 25- bis 29-Jährigen lag die Zahl niedriger (25 von 100).

Die Kultur der Gewalt wird verstärkt durch eine Kultur der Straflosigkeit. Selbst offensichtliche Verbrechen, begangen am helllichten Tag, ziehen offenbar keine Strafe nach sich. So wurde im November 2021 in Recife im Nordosten Brasiliens ein junger Student erschossen, der dem Opfer eines Handydiebstahls helfen wollte. Und Kathlen Romeu war schwanger, als sie im Juni 2021 in Rio de Janeiro durch eine Kugel ums Leben kam. Die 24-Jährige war auf offener Straße ins Kreuzfeuer zwischen Polizei und Kriminellen geraten.

Angesichts der Statistiken über Morde, Raubüberfälle und andere Gewaltverbrechen ist es kein Wunder, dass die Bewohner der Städte in Angst leben. Laut dem Global Peace Index, herausgegeben vom Institute for Economics & Peace, hatten Brasilianerinnen und Brasilianer 2021 die weltweit höchste Stufe an Angst vor Gewalt. Anhaltende Bandenkriege, die leichte Verfügbarkeit von Waffen und eine geringe Strafverfolgung führen dazu, dass sich immer mehr von ihnen zurückziehen – hinter die Mauern ihrer Wohnanlagen, in ein bewachtes Leben.


Thuany Rodrigues ist Journalistin in Rio de Janeiro.
thuanyrodriigues@gmail.com

 

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