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Islamismus

Afghanischer Islamismus ist mittlerweile etwas gemäßigter

von Rishikesh Thapa

In Kürze

Teilnehmer einer Veranstaltung zur Feier des Internationalen Frauentags in Kabul im Jahr 2018.

Teilnehmer einer Veranstaltung zur Feier des Internationalen Frauentags in Kabul im Jahr 2018.

Nach zwei Jahrzehnten Krieg in Afghanistan ist es sinnvoll, die Ideologie der Taliban abermals zu bewerten. Können sie zu einer friedlichen Ordnung beitragen? Der deutsche Afghanistanexperte Thomas Ruttig hat seine Sicht kürzlich in einem Essay für eine Publikation der US-Militärakademie West Point skizziert.

USA und die NATO bereiten den Truppenabzug aus Afghanistan vor, und es ist klar, dass der Einfluss der militant-islamistischen Taliban wachsen wird. Sie haben die Besatzung nie akzeptiert. Die aktuelle Rhetorik der Taliban wirft ein Licht auf verschiedene Themen, darunter:

  • Medien,
  • Schulen,
  • Frauenrechte und
  • die Rolle des Islam in der Politik.

In der Zeitschrift CTC Sentinel von West Point schreibt Ruttig, die Taliban hielten an ihrer prinzipiell religiösen Motivation fest. Sich mit ihnen die staatliche Macht zu teilen, dürfte daher schwierig werden. Vor 2001 etablierten sie in dem Land eine diktatorische Herrschaft, wurden dann aber von der US-geführten Invasion nach dem Terrorangriff auf New York und Washington am 11. September 2001 gestürzt. Nun besteht die Sorge, dass sie versuchen, erneut totalitäre Macht zu erlangen – und es ihnen gelingen könnte.

Laut New York Times sieht der Fahrplan der US-Regierung eine künftige afghanische Regierung unter Beteiligung der Taliban vor. Sie strebt auch eine Reform der Verfassung, Bedingungen für einen dauerhaften Waffenstillstand und schließlich nationale Wahlen an. Die Grundrechte aller Bürger, einschließlich Frauen und Minderheiten, sollten dabei gewahrt werden. Zum Plan gehört auch eine unabhängige Justiz, die von einem hohen Rat für islamische Rechtsprechung unterstützt werden soll.

Ruttig weist darauf hin, dass die Taliban erstmals in den 1990er Jahren erstarkten, als ihre Milizen zu einer wichtigen Kraft in Afghanistans langem Bürgerkrieg wurden. An der Macht verübten sie weiterhin brutale Gewalt und waren für Hinrichtungen berüchtigt. Sie erkannten Frauenrechte nicht an, schränkten den Schulbesuch von Mädchen ein und erlaubten keine Redefreiheit.

Andererseits weist Ruttig darauf hin, dass die Taliban nach der US-Invasion wieder erstarkten, weil viele Menschen sich über die korrupte Regierung und die Gewalt, die die Besatzungstruppen ausübten, ärgerten. Die Taliban wurden so stark, dass US-Präsident Barack Obama ab 2009 zusätzliche Truppen entsandte, um sie zu bekämpfen. Sein Nachfolger Donald Trump erklärte jedoch, er wolle diesen „endlosen Krieg“ beenden, und verkündete den Truppenabzug der US-Truppen. Im April bestätigte Präsident Joe Biden diese Entscheidung.

Laut Ruttig, der in den Jahren 2000 bis 2003 im Auftrag der UN in Kabul gearbeitet hat, gefällt vielen Afghanen und Menschen in den Nachbarländern, dass die Taliban sich konsequent gegen fremde Truppen gestellt haben – zunächst gegen die sowjetischen Truppen, später gegen die NATO. Der Autor urteilt aber, die Taliban hätten eingesehen, dass ihr Regime in den 1990er Jahren der Wirtschaft geschadet und das Land isoliert hat. Heute hingegen wüssten sie, dass Frieden und Wohlstand von der Zusammenarbeit mit den Nachbarn Afghanistans abhängen.

Gleichzeitig schreibt der Mitgründer des Afghanistan Analysts Network, die Taliban bestünden immer noch auf einer politischen Ordnung auf Grundlage des islamischen Rechts und beschuldigten die derzeitige Regierung, unislamisch zu sein. Ihr Weltbild sei weiterhin rigide, aber etwas moderater als früher. Besonders bemerkenswert sei ihre veränderte Haltung zur Mediennutzung. Früher verboten die Taliban das Fernsehen, monopolisierten die Nutzung von Telefonen und verbreiteten ihre eigene Ansicht über Printmedien und Radio. Heute nutzen sie alle technologischen Optionen – einschließlich sozialer Medien und mehrsprachiger Websites.

Ruttig, der zwei afghanische Sprachen beherrscht, bewertet auch aktuelle Äußerungen der Taliban zur Bildung. Ihrer Ansicht nach sind die Schulen ein Einfallstor für westliche Werte. Als sie an der Macht waren, bestanden sie darauf, dass Jungen und Mädchen getrennt unterrichtet werden – und zwar nur von Lehrern des eigenen Geschlechts. Außerdem sollten Mädchen ab der Pubertät nicht mehr zur Schule gehen. Teils wurde der Lehrplan auf Koranunterricht reduziert. In den vergangenen Jahren sei ihr Ansatz jedoch weniger restriktiv geworden, berichtet Ruttig. Im August 2013 verkündeten sie, dass Kinder – nicht nur Jungen – sowohl religiöse als auch moderne Bildung brauchten, und betonten dabei Computerkenntnisse und Fremdsprachen.

Kopftuch reicht

Auch die Einstellung der Taliban zu Frauenrechten ändert sich langsam, schreibt der deutsche Experte. Bei Verhandlungen in Katar, unter der Schirmherrschaft der USA, erklärten sie beispielsweise, die islamische Kleiderordnung erfordere nicht, dass Frauen ihr Gesicht mit Burkas verdeckten, da Kopftücher genügten.

Früher seien die Taliban zivilgesellschaftlichen Organisationen gegenüber grundsätzlich feindlich gesinnt gewesen, fügt Ruttig hinzu. Inzwischen seien sie in gewissem Maße bereit, mit unabhängigen Institutionen und Behörden zu kooperieren.

Inwieweit die Taliban bereit sind, eine politische Kraft unter anderen in Afghanistan zu werden, ist laut Ruttig unklar. Er erkennt an, dass sie sich auf Verhandlungen eingelassen haben. Andererseits hätten sie nicht deutlich gemacht, wie sie sich die politische Zukunft Afghanistans – abgesehen von der Forderung nach einem islamischen System und dem Abzug aller ausländischen Truppen – vorstellen. Intern haben sich die Taliban Ruttig zufolge kaum verändert. Sie seien weiterhin eine militante Organisation mit einer autoritären Führung, die keinen Raum für offene Debatten und demokratische Entscheidungsfindung lasse.


Link
Ruttig, T., 2021: Have the Taliban changed? In: CTC Sentinel, March 2021.
https://ctc.usma.edu/march-2021/


Rishikesh Thapa arbeitet derzeit als Praktikant in der Redaktion von E+Z/D+C und studiert International Relations and Cultural Diplomacy am Campus Berlin der Hochschule Furtwangen.
[email protected]

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