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Getreide- und Ölpreise

Was der Ukrainekrieg bislang für Libyen bedeutet

von Moutaz Ali

Meinung

Verschiedene bewaffnete Gruppen in Libyen erhalten Rückhalt aus dem Ausland.

Verschiedene bewaffnete Gruppen in Libyen erhalten Rückhalt aus dem Ausland.

Libyen gehört zu den Ländern, die die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine zu spüren bekommen. Der Brotpreis ist gestiegen, aber von den höheren Energiepreisen profitiert die ölproduzierende, von Unruhen geplagte Wirtschaft nicht. Anführer bewaffneter Gruppen blockieren die Ölfelder, vermutlich im Interesse ihrer ausländischen – auch russischen – Geldgeber.

Die Ukraine war bisher einer der wichtigsten Getreidelieferanten Libyens, vielleicht sogar der wichtigste. Laut dem britischen Herausgeber der Online-Zeitung „Libya Herald“, Michel Cousins, schadet die Unterbrechung der Importe dem Land. Zugleich betont er, dass Libyen die nötigen Mittel habe, um mit höheren Preisen fertig zu werden – anders als andere nordafrikanische Länder ohne vergleichbare Rohstoffeinnahmen.

Jamal Alzaidy, Chefredakteur der staatlichen Zeitung Al-Sabah, sieht das auch so. Seiner Meinung nach ist es für Libyen von Vorteil, dass dort relativ wenige Menschen leben – 7 Millionen. Im benachbarten Ägypten sind es mehr als 100 Millionen, in Tunesien 12 Millionen. Beide Länder haben keine Einnahmen aus dem Ölexport. Das macht ihre Devisensituation schwieriger, sodass sie sich schlechter mit höheren Importkosten für dringend benötigtes Getreide arrangieren können. Aber auch die Libyer waren erbost über die gestiegenen Brotpreise.

Ende Juli wurde Getreide international jedoch etwa zum selben Preis gehandelt wie zu Beginn des Krieges. Die Preise waren zunächst hochgeschnellt und ab Juni langsam wieder gefallen. Das lag unter anderem an besseren Ernteprognosen in mehreren Weltregionen – und daran, dass Russland begann, gestohlenes ukrainisches Getreide zu verkaufen. Zudem ermöglichte es eine Ende Juli geschlossene Vereinbarung, die Getreidetransporte über das Schwarze Meer wieder aufzunehmen. Anfang August sah es für Libyen nicht schlecht aus. Das kann sich aber schnell ändern.

Zu Kriegsbeginn stiegen auch die Ölpreise – sie liegen weiterhin um etwa 10 Prozent höher als zuvor. Doch davon hat Libyen nichts: Die Anführer verschiedener bewaffneter Gruppen blockieren die Ölfelder, die Produktion stockt. Die nationale Ölgesellschaft musste die Lieferungen aus Gründen, die sie nicht beeinflussen kann, aussetzen – und beruft sich dabei auf Klauseln der „höheren Gewalt“. Cousins zufolge „brach die libysche Produktion ein, sodass Libyen Exporte in Milliardenhöhe verlor – genau dann, als das Geld am dringendsten benötigt wurde“. Folglich erzielten andere erdölexportierende Länder höhere Gewinne, darunter Russland und die arabischen Golfstaaten.

Brüchiger Frieden

Diverse Milizen kontrollieren verschiedene Landesteile. Der Frieden ist brüchig, es gibt nur eine Übergangsregierung. Die bewaffneten Gruppen sind oft auf ausländische Unterstützung angewiesen. Der Verdacht liegt nahe, dass das Sabotieren der Ölförderung nicht nur dazu dient, die jeweiligen Kommandeure zu stärken – sondern auch im Interesse derer liegt, die hinter den Befehlshabern stehen. Die Verantwortlichen tragen das natürlich nicht in die Öffentlichkeit. Von Transparenz halten die bewaffneten Gruppen nicht viel, und abgesehen von ihrer Propaganda erklären sie sich nicht gegenüber der libyschen Bevölkerung.

Es ist bekannt, dass Russland, die Türkei und die arabischen Golfstaaten die Milizen beeinflussen. Aus diesen Ländern kommen die Waffen. Auch die Wagner-Gruppe ist in Libyen präsent – ein prominenter russischer Militärdienstleister, der bei Interventionen in Bürgerkriegen oft eine Rolle spielt. Berichten zufolge wurden einige ihrer Söldner in die Ukraine verlegt, als Russland dort seine Invasion startete.

Laut Michel Cousins halten sich weiterhin mehrere Hundert Wagner-Kämpfer in Libyen auf und kontrollieren Orte wie den Luftwaffenstützpunkt Jufra in der Sahara. Wie sein Kollege Jamal Alzaidy sagt, dient diese Präsenz Russlands strategischen Interessen. Immerhin wird Libyen im geopolitischen Jargon gern als „schwache Flanke Europas“ bezeichnet (zur Sicherheit der EU und Afrikas siehe auch Julian Bergmann und Niels Keijzer auf www.dandc.eu).


Moutaz Ali ist ein libyscher Journalist.
ali.moutaz77@gmail.com

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