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Internationale Migration

Brasilien ringt um Fachkräfte

von D+C | E+Z

In Kürze

Brazil's educational system cannot keep up. Farmworker signing a contract in Pará, the second largeste state in Brazil

Brazil's educational system cannot keep up. Farmworker signing a contract in Pará, the second largeste state in Brazil

Die Anzahl ausländischer Mitarbeiter in Brasilien hat sich in den letzten vier Jahren verdoppelt. 2010 wurden 39 Prozent mehr ausländische Ingenieure als im Vorjahr eingestellt; der Fachkräftemangel entwickelt sich immer mehr zum globalen Problem.

Brasilianische Unternehmen dürften in Zukunft auch in Deutschland stärker anwerben, sagen Fachleute voraus. „Das Problem ist nicht flächendeckend“, erläutert Oliver Parche vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). „Aber in technischen Bereichen, bei Erdöl und Gas, fehlen tatsächlich Spezialisten. Wir beobachten, dass viele Argentinier nach Brasilien zuwandern, die eine höhere Ausbildung genossen haben.“ Wenn die Entwicklung so weitergehe, meint der DIHK-Referatsleiter für Nord- und Südamerika, „können wir erwarten, dass bald auch in Deutschland Fachkräfte abgeworben werden, mit übrigens durchaus vergleichbaren Gehältern.“

Staatliche Großkonzerne wie Petrobras, aber auch Volkswagen oder BASF suchen in Südamerika gute Mitarbeiter. Laut der Personalvermittlung Manpower haben zwei Drittel (67 Prozent) aller Arbeitgeber in Brasilien Probleme, qualifizierte Jobs zu besetzen. Kehrseite des Wettrennens um Fachkräfte scheint in Brasilien eine Verarmung des unqualifizierten Personals und klassischer Landarbeiter zu sein: Sie werden ausrangiert, weil von Computern gesteuerte Erntemaschinen und vollautomatische Fließbänder in der jungen Agroindustrie viel schneller und günstiger produzieren.Schon als die brasilianische Wirtschaft vor vier Jahren zum Höhenflug anhob, verdreifachten sich schlagartig die Einstiegsgehälter für Ingenieure. Heute brauchen Absolventen technischer Studiengänge längst nicht mehr damit zu rechnen, ihr Brot als Eisverkäufer zu verdienen.

Der Bedarf an Spezialisten könnte Brasiliens Wachstum bald sogar bremsen: Der nationale Industrieverband CNI rechnet vor, heimischen Unternehmen fehlten im kommenden Jahr rund 150 000 Ingenieure. Brasiliens Wirtschaft braucht sie, um Tanker und Ölplattformen zu bauen – aber auch zur Automobil- und Zellstoffherstellung sowie im Tiefbau.

Boom treibt die Bildungsschere auseinander

Das Bildungssystem des Schwellenlandes gilt als miserabel: Nicht nur in berufliche Ausbildung, auch in seine Grundschulen müsste der Staat dringend investieren. In der jüngsten Pisa-Studie belegte Brasilien den 53. von insgesamt 65 Plätzen. Hochschulen im Nachbarland Argentinien dagegen sind bekannt dafür, dass sie exzellente Ingenieure hervorbringen. Der Ingenieurmangel sei „schon lange ein Problem“, weiß Carla Pereira. Genauso kritisch sieht die Leiterin des GIZ-Büros in São Paulo den Mangel an unstudierten Fachkräften – wie Schweißern, Maschinisten, Maurern, Tischlern. „Früher kamen Autowerkstätten mit Mitarbeitern aus, die geringe Schulbildung hatten“, meint Pereira dazu.

Brasiliens Landeswährung Real erreichte zu Jahresbeginn eine Rekordstärke. Einerseits freuen sich darüber Investoren und Anleger aus dem Ausland; andererseits wächst damit im produzierenden Gewerbe die Sorge vor einer schleichenden Deindustrialisierung. Mit einem überbewerteten Real stiegen 2010 die Importe um mehr als 40 Prozent; ­außerdem mussten Brasiliens Exporteure erhebliche Gewinne einbüßen, besonders auf dem mexikanischen Markt. Als erste Gegenmaßnahme erhöhte die Regierung die Steuer auf ausländische Kapitalanlagen auf sechs Prozent, berichtet die Germany Trade & Invest (GTAI).

Die Bildungsträger in Brasilien traf dieser Boom sozusagen über Nacht; Aus- und Fortbildung setzten einen langen Atem voraus, notwendige Maßnahmen wurden versäumt. Große Unternehmen machten aus dieser Not eine Tugend: Flugzeughersteller Embraer etwa bietet sein eigenes Masterstudium an, das 18 Monate dauert. Auch der Bergbaukonzern Vale gründete bereits 2003 eine Ausbildungsstätte. Dort werden pro Jahrgang 1900 Mitarbeiter geschult, um insgesamt 6000 Stellen zu füllen. Der Stahlhersteller CSA in Rio schickt seine Mitarbeiter außerdem in einjährige Trainings zur deutschen „Mutter“ Thyssen-Krupp. Drei Viertel seiner Mitarbeiter in Brasilien bildet der Konzern angeblich selbst aus.

Auch außerhalb großer Konzerne besteht aber Handlungsbedarf. Deutschland nutzt mehrere Möglichkeiten, als Entwicklungspartner zu helfen: Brasiliens nationaler Bildungsträger für die Industrie SENAI und die GIZ kooperieren in Sachen Weiterbildung. Derzeit läuft eine zweite Pilotphase zur Schulung von Projektmanagern. Weiter bemerkenswert sind eine zehnwöchige Fortbildung junger Umweltmanager aus Brasilien in Mainz sowie deutsch-brasilianische Unternehmertreffen zu den Erneuerbaren Energien auf der Hannover Messe im April 2011. Deutschlands duales Bildungssystem steht bereit zum Export.

Siehe zum Thema „Innovationsförderung“ auch das Interview auf S. 64.

Peter Hauff