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Islam und Politik

Junge Revolutionäre

von Bijan Kafi
“75 % of Egyptian women may wear headscarves, but that does not tell us anything about their political orientation.” Girls in front of a fast food restaurant in Cairo

“75 % of Egyptian women may wear headscarves, but that does not tell us anything about their political orientation.” Girls in front of a fast food restaurant in Cairo

Viele befürchten nach der Revolution in Ägypten einen fundamentalistischen Wandel. Die Ägypter selbst hingegen scheinen unbesorgt. Besonders die Jugend, die die Revolution anführte, ist überzeugt, dass ein vom Islam geprägter Staat auf demokratischer Grundlage möglich ist. Von Bijan Kafi

Als sich in den ersten Februartagen auf Kairos Platz der Befreiung Muslime und Christen während des Gebets gegenseitig Schutz boten, blieb kein westlicher Beobachter ungerührt. Nach dem Angriff auf eine koptische Kirche an Silvester 2010 sahen manche darin ein Zeichen der Toleranz. Bei vielen weckten die eindrücklichen Nachrichtenbilder Tausender Betender jedoch auch die Sorge, in Ägypten könnten nun islamistische Kräfte an Einfluss gewinnen. Jetzt, in den Tagen nach der Revolution, ist in den Straßen Kairos die Sorge junger und liberaler Muslime spürbar, missverstanden zu werden.

Etwa 24 Prozent der ägyptischen Bevölkerung sind Jugendliche im Alter von 18 bis 29 Jahren. Seit den frühen Neunzigern wächst ihr Anteil rapide. Jobgarantien in einem künstlich aufgeblähten öffentlichen Sektor boten vielen von ihnen lange eine vermeintliche Perspektive. Nachdem jedoch 2003 Internet und Satelliten-TV Einzug in ägyptische Haushalte hielten, begannen ­besonders junge Ägypter Reformen einzufordern. „Viele Jugendliche haben ihr ganzes Leben im Ausnahmezustand verbracht. Dieser Druck ist enorm“, erklärt Heba Morayef, die in Kairo für Human Rights Watch forscht. Sie sieht darin den Hauptgrund für ihren ­Aktivismus. Der Staat antwortete mit Repressalien, Verhaftungen und Folter. In Solidaritätsbekundungen gegenüber benachteiligten Bevölkerungsgruppen und in der Kefaya-Bewegung fanden die heute führenden Persönlichkeiten der Jugendbewegungen zu ihrer Bestimmung.

Der Ruf nach religiöser Erneuerung wurde dabei niemals laut. Auch nicht in den Tagen nach dem ­25. Januar 2011. „Die Menschen suchen jetzt nach jemandem, der ihnen eine wirtschaftliche Perspektive bietet, keine religiöse“, meint die 26-jährige Noha Atef, die die populärste ägyptische Webseite gegen Folter durch die Staatsgewalt betreibt. In der Tat, wer nach der Revolution mit den jungen Ägyptern spricht, die auf dem Tahrir-Platz demonstrierten, dem muss ihr Misstrauen gegenüber Fragen nach ihrer religiösen Motivation auffallen. „Das Bild, das der Westen von der Kultur Ägyptens hat, ist das Problem“, sagt Jacqueline Kameel, Leiterin der Jugendorganisation Nahdet El-Marousia. Die Organisation, die unternehmerische Initiativen von Jugendlichen anregen will, wurde von erfolgreichen jungen Ägyptern gegründet. „75 Prozent der ägyptischen Frauen mögen verschleiert auftreten. Doch das hat nichts mit ihrer politischen Orientierung zu tun“, fügt ihre Kollegin Nada El-Gammal hinzu.

Auch Hisham El-Rouby, der die Jugendorganisationen 2008 für die Weltbank untersucht hat, glaubt nicht an eine religiöse Motivation der jugendlichen Aktivisten. Er meint, dass die meisten von ihnen westliche demokratische Institutionen schätzen, soweit sie mit islamischen Prinzipien vereinbar sind. Viele orientierten sich deshalb an der Türkei Reccep Tayip Erdogans. „Das ist ein liberaler Staat mit einer unabhängigen Justiz, politischem Wettbewerb und Respekt für islamische Werte“, sagt er. Die jungen Ägypter wollten vor allem in einem freien Land mit einer demokratischen Verfassung leben. „Sie wollen islamische Prinzipien im Alltag wahren. Aber ich glaube nicht, dass sie eine islamische Verfassung wünschen“, fügt er hinzu. Auch eine 2008 veröffentlichte Studie des dänischen Instituts für internationale Studien (DIIK) fand keine Belege, dass die religiösen Jugendorganisationen, in denen viele organisiert sind, den politischen Wandel anstrebten.

Religion bleibt Privatsache

Samstags sind die Kaffee-Bars in Kairos Botschaftsviertel Zamalek gut gefüllt. Hierher kommt, wer sich eine Tasse zum fünffachen Straßenpreis leisten kann. Plätze wie diese sind zu Treffpunkten der Mittelschicht-Jugend geworden, die in den Tagen nach der Revolution begann, Pläne für ein neues Ägypten zu schmieden.

Zena Sallam, 25, trifft heute den Führungskreis ihrer in den Tagen nach der Revolution neu gegründeten Jugendgruppe. Eed Wahda („Eine Hand“), die schon auf ihrem ersten Treffen Hunderte Interessierte versammelte, soll einmal als Sprachrohr für die Jugend Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen, hofft Zena. Gruppen wie ihre entstehen im neuen Ägypten täglich. Die Vorsitzenden der sieben Arbeitsgruppen sind nahezu ausschließlich junge Frauen der säkularen Oberschicht Kairos. Keine von ihnen trägt ein Kopftuch. Ihre gesellschaftspolitischen Vorschläge reichen von der Wahrung der Menschenrechte bis hin zur Tourismusförderung, sie denken an demokratisch etablierte Institutionen und strikte Trennung von Reli­gion und Staat. Ihr Selbstbewusstsein ist groß: „Wir wollen für alle jungen Ägypter stehen können“, so Zena.

Die Tatsache, dass sich auch die Mehrzahl der ­Jugendlichen zu einem säkularen Staat bekennt, schließt nicht aus, dass viele sich weiterhin als gläubige Muslime verstehen. Doch sie sehen ihre muslimische Lebenspraxis als durchaus vereinbar mit westlichen Institutionen und kapitalistischen Lebensentwürfen.

Auch konservative Ansichten finden darin Raum. Shaimaa, 21, Studentin in Kairo, mag Hollywood-­Filme, hat fast 800 Facebook-Freunde und trägt Kopftuch. Shaimaa wünscht sich einen islamisch fundierten Staat. „Der Islam ist gut für dich“, erklärt sie. „Der Staat sollte die Befugnis haben, den Menschen dies deutlich zu machen.“ Für ihren Kommilitonen Ahmed, 22, sind Recht und Islam dasselbe: „Islamisches Recht kann für alle gelten. Es mag manchmal hart urteilen, aber es ist doch gerecht.“ Auch Ahmed und Shaimaa gingen in den Januartagen auf die Straßen und demonstrierten, wie alle aus ihrer Klasse.

Der junge Film- und Fernsehmacher Ahmed El-Esseily, der sich in seinen beliebten Sendungen der ägyptischen Jugend widmet, vermutet, dass konservative Ansichten unter Jugendlichen heute häufiger auftreten als früher. Ihm macht das Sorgen. Dem vor der Revolution erschienenen Human Development Report 2010 zufolge schätzen Jugendliche zunehmend konservative islamische Werte, wünschen sich jedoch auch gesellschaftlichen Wandel und mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten.

Für die engagierte ­Jugend Kairos hingegen scheint die Sache klar. Konservativen Kräften wie der Muslimbruderschaft trauen sie keinen nennenswerten Einfluss zu. Die Gruppe hatte sich der Revolution erst spät angeschlossen und keine führende Rolle beansprucht. Sie scheint sich der Sensibilität des Themas jedoch durchaus bewusst zu sein. Weder ein Sprecher noch Mitglieder waren zu einem Gespräch bereit. Auch die Al-Azhar-Universität, deren tradi­tionsreiche sunnitische Religionslehrer während der Revolution eine konservative Rolle spielten, lehnte ein Gespräch mit Studenten ab.

Anders als ihre Mitstreiter, die sich jetzt allseits versammeln und Pläne für das neue Ägypten schmieden, waren viele der Vorkämpfer der Revolution – die Blogger und digitalen Aktivisten – Individualisten, die sich häufig nur im Verborgenen trafen. Auch sie entstammten meist der Mittelschicht und damit finanziell vergleichsweise gesicherten Verhältnissen. Viele von ihnen fanden sich in Jugendbewegungen zusammen, die oft auf Facebook ihren Anfang nahmen.

Basem Fathy gehörte einst zur Führungsspitze der Jugendbewegung des 6. April, welche die Revolution mit initiierte. Ich treffe ihn im Gebäude der Journalistenvereinigung, wo er wenige Wochen nach der Revolution an einem Ausbildungskurs für Bürger zum Thema Wahlen mitwirkt. „Ich bin hier, um den Bürgern zu zeigen, wie wichtig die Wahlen für sie sind“, erklärt er. Er und seine Mitstreiter halten eine partizipative Demokratie in einem säkularen Staat für das Beste.

Basem erzählt auch, dass innerhalb der Bewegung einst säkulare mit konservativen Kräften um die ideelle Vorherrschaft rangen. „Ein fundamen­talistischer Flügel suchte sich durchzusetzen, doch das gelang nicht. Die säkularen Kräfte behielten die Oberhand“, erläutert er. Auch er schätzt die Popula­rität fundamentalistischer Kräfte gering ein und empfiehlt sogar ihre Legalisierung. Das werde sie schwächen, meint er, nicht stärken. In den ersten ­Gesprächen mit der Übergangsregierung haben sich Jugendvertreter für säkulare neue Kabinettsvertreter ausgesprochen. Ob sie selbst zu politischen Kräften werden wollen, weiß auch Basem noch nicht zu ­sagen.

Den säkularen bürgerlichen Kräften trauen Basem und seine Mitstreiter viel zu. Dass niemand die Revolution für sich beanspruchen konnte, sei vor allem ihr Verdienst, meint Noha Atef. „Auf dem Tahrir-Platz wurden keine religiösen Parolen gerufen! Niemand konnte die Revolution für sich vereinnahmen, weil die Bürger wachsam waren.“ Und mit Begeisterung fügt sie hinzu: „Alle haben sich viel mehr geliebt, als ich erwartet hätte!“

Fast jeder in Kairo weiß derzeit Geschichten der überraschenden Versöhnung und Toleranz zwischen streng Gläubigen und Vertretern der liberalen, pro-westlichen Jugend nicht nur aus den Tagen der Tahrir-Demonstrationen zu erzählen.

Nach dem Attentat auf die koptische Kirche in Alexandria umringten Muslime und Christen gemeinsam zum Schutz Kirchen in ganz Ägypten. Später spannten sie zwischen einer Moschee und einer Kirche eine riesige ägyptische Flagge. Das seien die Symbole des wahren Ägyptens, hört man in Kairo viele sagen.

Ob das nur buchstäblich fromme Wünsche sind, wird sich zeigen. Das Mubarak-Regime hatte Ängste geschürt und instrumentalisiert. Die Ägypter haben sich jetzt die seltene Chance erkämpft, zu zeigen, wie ein toleranter, weltoffener Islam aussehen kann.