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Zukunftsaussichten

Sprengstoff Jugend

von Joschka Philipps
Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Guinea trägt zur politischen Krisenanfälligkeit des westafrikanischen Landes bei. Vor allem in der Hauptstadt Conakry ballt sich die Frustration. Einerseits haben die jungen Leute eine Kultur des Protests hervorgebracht, andererseits lassen sie sich aber wegen ihrer ökonomischen Not leicht für politische Zwecke missbrauchen. [ Von Joschka Philipps ]

Keine Arbeit, kein Strom, kein fließend Wasser, kaum bezahlbare Krankenhäuser, öffentliche Schulen oder Jugendzentren, keine Perspektiven – die Liste könnte noch viel länger sein. Die meisten Jugendlichen in Conakry, der Hauptstadt von Guinea, wachsen in Slum-ähnlichen Gebieten auf. Sie haben weder Aussicht auf ein Leben in gesicherten Verhältnissen und einen stabilen Job, noch darauf, je eine
eigene Familie ernähren zu können – von gesundheitlicher oder sozialer Sicherheit ganz zu schweigen.

Die Armut der Eltern zwingt Kinder und Jugendliche, Geld mit Gelegenheitsjobs zu verdienen. Mädchen verkaufen im dichten Straßenverkehr Zigaretten, Orangen und andere Waren, Jungs im Grundschulalter beliefern Eisenhändler mit Schrottteilen. An Kreuzungen werben junge Männer Kunden für Taxis an und verdienen dabei selten mehr als ein paar Cent pro Stunde. Viele von ihnen verbringen den Tag ohne nennenswerte produktive Aktivität in teils kriminellen Gangs. Die Mädchen bleiben oft zuhause, um ihren Familien zu helfen; viele prostituieren sich. Die zunehmend konsumorientierten guineischen Jugendlichen leiden unter permanentem Geldmangel.

Die Familiensolidarität in den Elternhäusern wird von Polygamie und Gewalt erschüttert. Zugleich wächst die Empörung über den korrupten Staat – während sich die älteren Generationen an der Spitze schamlos an diesem bereichern, gehen die jungen Leute leer aus. Spätestens seit 2007 zeigt die Frustration der Jugend auch politische Wirkung.

Nach einer ökonomischen Krise und Preiserhöhungen auf Grundnahrungsmittel im Jahr 2006 stürmte die guineische Zivilgesellschaft – allen voran die Jugendlichen der „Problemviertel“ – im Januar 2007 auf die Straße. 2008 gab es einen Militärputsch, der neue Machthaber Moussa Dadis Camara konnte sich aber auch nicht behaupten – Ende vorigen Jahres verletzte ihn sein Adjutant schwer, als er auf ihn schoss (siehe Kasten auf S. 192). Für Juni sind Wahlen angesetzt. Die Militärjunta hat keinen Kandidaten aufgestellt.

Strukturelle Missstände

Das ließe sich als positive Wendung lesen und man könnte auf eine demokratische Zukunft hoffen, wären auch die strukturellen Missstände behoben: de­solate wirtschaftliche Strukturen, die exorbitante Arbeitslosigkeit, mangelnde Perspektiven – und die Wut der Jugend. Doch all das ist hochaktuell. Die Gefahr, dass Politiker bei den kommenden Wahlen Jugendliche für militante Kampagnen instrumentalisieren, ist groß: Seit Mitte März bezahlen Politiker Jugendgruppen dafür, auf Kleinlastern mit lauter Musik durch die Stadt zu fahren und den jeweiligen Kandidaten zu preisen.

Viele Guineer fürchten, dass diese Gruppen, je näher die Wahl rückt, auch Steine werfen und Kampagnen anderer Politiker angreifen werden. Die Demons­tration im September 2009 hat gezeigt, dass geringe finanzielle Entlohnung und ethnische Hetze ausreichen, um Jugendgangs zu mobilisieren.

Da der guineischen Jugend grundlegende wirtschaftliche Perspektiven und Orientierung fehlen, bedroht ihr Protestpotential permanent die politische Ordnung. Die kommende Regierung müsste rasch Bildungsangebote und Jobs schaffen, um nicht selbst Opfer jener Proteste zu werden, die sie als Opposition in den letzten Jahren unterstützt hat. Die Frage ist, wo der Arbeitsmarkt ausgebaut werden kann.

Kooperation mit dem Westen

Als Ex-Präsident Lansana Conté 1984 nach Sékou Tourés Tod an die Macht kam, vollzog sich in Guinea ein Wandel vom sozialistischen Etatismus hin zur Privatisierung und von einer Isolation vom Westen zu einer Kollaboration mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Ausgaben für den öffentlichen Sektor wurden gekürzt und keine jungen Beamten mehr eingestellt.

Durch die Privatisierung staatlicher Industrien wurde die Ökonomie immer informeller. Zwar waren die Wachstumsraten der ersten fünf Jahre mit rund 2,6 Prozent pro Jahr höher als zuletzt unter Touré (0,25 Prozent), doch Landwirtschaft und Güterproduktion sind kaum gewachsen, zum Teil sind sie sogar zurückgegangen.

Da der Staat von der formalen Privatwirtschaft unter der Hand Gelder erpresst und sie hoch besteuert, ist es bis heute billiger, Nahrungsmittel und Fertigprodukte zu importieren, als sie im Land herzustellen und anzubauen. So exportiert Guinea trotz güns­tiger klimatischer Bedingungen für Landwirtschaft derzeit fast nur mineralische Rohstoffe: Diamanten, Gold und insbesondere Bauxit – Grundbestandteil von Aluminium. Für den Arbeitsmarkt ist dieser Sektor aber kaum ausbaufähig und bietet den städtischen Arbeitslosen somit keine Perspektive.

Bildung als Hürde

Der urbane Arbeitsmarkt besteht aus Jobs im öffentlichen Bereich und einfachen Tätigkeiten im informellen Niedriglohnsektor. Gehobene Bildung ist oft ein Handicap: 60 Prozent der Hochschulabsolventen finden in Guinea derzeit keine Arbeit und hoffen auf eine staatliche Anstellung. Ohne privatwirtschaftliche Güterproduktion gibt es wenig Nachfrage nach Management, Distribution oder Dienstleis­tungen.

Zudem werden Stellen weniger aufgrund von Kompetenz und Leistung besetzt als über soziale Kontakte und Herkunft. So wird etwa ein Ladenbesitzer eines bestimmten Klans sehr wahrscheinlich von seiner erweiterten Familie dazu angehalten, einen Neffen, Cousin oder wenigstens einen Jugendlichen aus dem Heimatdorf anzustellen – ungeachtet dessen Fähig­keiten. Ein Unternehmen aufzubauen ist mit einer enormen Verantwortung gegenüber der Sippschaft verbunden – viele gehen das Risiko daher gar nicht ein. Das bremst die Wirtschaftsentwicklung.

In Conakry kann der formale Arbeitsmarkt nur gedeihen, wenn die Wirtschaftspolitik auf verarbeitendes Gewerbe, Handel, Dienstleistungen und Agrarexporte neu ausgerichtet wird. Die wirtschaftliche Lage lässt sich nur verbessern, wenn Leis­tung und Bildung als Einstellungskriterien aufgewertet werden.

Perspektiven ohne Ausbildung

Die Jugendlichen in den Arbeitsmarkt einzubinden und ihnen Orientierung und Perspektiven zu bieten, ist für eine stabile politische Entwicklung in Guinea entscheidend. Das ist aber seit Jahrzehnten nicht der Fall. Am Rand der Gesellschaft und ohne Aussichten auf Teilhabe, Mitsprache oder Nachfrage nach ihren Fähigkeiten, verlieren viele Jugendliche die Bereitschaft, auf ehrliche Weise Geld zu verdienen.

Reichtum und Konsum sind wichtig – Jugendliche wünschen sich feste Jobs und mehr Geld. Ihre Vorbilder sind aber nur selten ausgebildete Fachkräfte – denn eine Ausbildung ist für viele von ihnen so unerreichbar wie eine „normale“ Arbeitsstelle.

Die jungen Menschen verehren Rapper und Fußballer, die für ihr Talent bejubelt werden, beneiden Polizisten oder Soldaten, die die Macht haben, willkürlich Geld einzuziehen, und nicht zuletzt Politiker, denen viele Anhänger zu Füßen liegen, weil sie Staatsgelder verteilen.

Dass die Jugendlichen gegen die moralischen Verwerfungen der Politik aufbegehren, bedeutet indessen nicht, dass sie deren Positionen und Praktiken nicht übernehmen würden, wenn sie es denn könnten. Die korrupte Politik unter Conté wurde 2007 weniger deshalb abgelehnt, weil sie nicht den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit entsprach. Vielmehr drückte sich darin die Wut darüber aus, dass ein Großteil der Gesellschaft nichts zu essen kaufen konnte, während sich die politische Elite an den Rohstoffen des Landes bereicherte.

Der Protest der guineischen Jugend dagegen war laut und gewalttätig. Anfang 2007 gingen nicht nur Gebäude und Symbole des Staates in Flammen auf, sondern auch die Villen etlicher Politiker. Die Heftigkeit, mit der die urbane Jugend die politische Bühne betrat, unterstreicht, dass ihre Marginalisierung ein politisches Problem ist.
Ghetto-Kultur

Conakrys Bevölkerung hat sich in den letzten 25 Jahren vervierfacht – heute leben dort zwei Millionen Einwohner. Den zuströmenden Menschen stehen weder fließend Wasser noch Strom, Müll- oder Abwasserentsorgung ausreichend zur Verfügung. Viele Viertel sind improvisierte Labyrinthe aus Wellblech und Beton. Jenseits der Hauptverkehrswege sind die Straßen nicht befahrbar, es gibt keine Straßennamen und Hausnummern.

In den Problemvierteln ist der Staat kaum präsent. Wenn er in sie vordringt, wie 2007 bei den Konflikten mit militanten Jugendlichen geschehen, brechen guerillaartige Kleinkriege aus. Teils bewaffnete Gangs beherrschen das Terrain und verteidigen es gegen Eindringlinge – andere Gangs oder staatliche Sicherheitskräfte.

Wo im Alltag die Beschäftigung fehlt und niemand viel besitzt, wird das „Quartier“, das „Ghetto“ zum stolzen Eigentum der Gangs. Dieses Territorium, wo eigene Regeln gelten, eine eigene Sprache gesprochen wird und eigene Verhaltenscodes herrschen, gilt es zu verteidigen. Statt wehrlos Ausgrenzung hinzunehmen, grenzt sich das „Ghetto“ aktiv von denen ab, die nicht aus dem eigenen Viertel sind. Da die Jugendlichen die strukturellen Probleme nicht beheben können, interpretieren sie diese um. So wird das zwangsläufige gemeinsame Herumsitzen an der Straßenecke oder in den kleinen Bars mit Fernsehern zur „Ghetto“-Solidarität; für manche wird Marihuana- und Alkoholkonsum zur Ausflucht. Während viele ältere Leute diese Generation aufgegeben haben, beziehen die Jugendlichen ihren Selbstwert aus diesem Verhalten.

Im Fernsehen sehen sie, was sie nicht haben. Westliche Serien zeigen ihnen die Vorzüge eines ökonomisch sorgenfreien Lebens. In den Nachrichten hören sie vom politischen und ökonomischen Erfolg von Ghana, Südafrika oder Senegal. Wenn sie dann aus dem Wellblechcafé hinaus auf die Straße schauen, sehen sie Müll und verstopfte Kanäle, aus denen es stinkt. Nachts ist es stockdunkel, denn Conakry hat in den Stadtteilen kaum funktionierende Straßenlampen. Überall streunen Hunde.

Das Leben als Kampf

Der Kontrast zwischen der täglich im Fernsehen bestaunten, idealisierten und beneideten reichen Welt jenseits Conakrys und der eigenen Realität führt zu einer enormen Frustration, die wiederum verschiedene Reaktionen auslöst: Opportunismus einerseits und Protest andererseits.

Viele Jugendliche sehen ihr Leben in ständiger ökonomischer Not und Ausweglosigkeit als Kampf. Wegen knapper Ressourcen ist das Misstrauen gegenüber Fremden groß, da jeder weiß, dass alle anderen alles tun würden, um das Beste für sich selbst herauszuholen. Vertrauen und ökonomische Kooperation existieren daher nur in bestimmten Gruppen: in der eigenen engeren Familie, der Großfamilie, innerhalb von Gangs oder in sonstigen Vereinigungen. Gegen­über den „Anderen“ ist fast jedes Verhalten legitim, das der eigenen Gruppe – und entsprechend für den Einzelnen – Vorteile bringt.

Seit den 90er Jahren aber bildet sich in Conakry auch eine vereinte politische Protestkultur, die auf die Misstände mit scharfer Kritik reagiert und sich selbstbewusst in den öffentlichen Diskurs einmischt. Im nationalen Fernsehen, das lange nur regimetreue Sendungen ausstrahlte, laufen heute Videos junger Rapper, die die politische Elite öffentlich für Korruption und ihren ethnostrategischen Wahlkampf kritisieren. Die meisten Guineer meinen, die Jugend werde Korruption wie unter Conté künftig nicht akzeptieren. Sie werde auf die Straße gehen, sobald es Anzeichen für einen Rückfall in die Kleptokratie gibt.

Beide Reaktionen – der Kampf um den eigenen Vorteil und die vereinte Kritik – schließen einander nicht aus. Die ökonomische Not bringt viele der jungen Guineer dazu, die Kampagnen der korrupten Politiker zu unterstützen, die sie im Prinzip lautstark verurteilen. Umso wichtiger ist eine neue Wirtschafts­politik, die Arbeitsplätze für die Jugend Conakrys schafft, sowie eine urbane Jugendpolitik, die sich den Problemen der Jugendlichen widmet. Erst wenn die Jugendlichen eine erstrebenswerte Zukunft erkennen und genügend verdienen können, werden sie konstruktiv an der gesellschaftlichen Entwicklung teilhaben – ansonsten werden sie diese ablehnen, Widerstand leisten und ein billiges Instrument politischer Interessenvertreter bleiben.