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Schwellenländer

Wir waren es nicht

von Sunita Narain
The rising sea level equally affects India and Bangladesh: coastal fisher folk in the Indian part of the Ganges Delta

The rising sea level equally affects India and Bangladesh: coastal fisher folk in the Indian part of the Ganges Delta

Der Club der reichen Nationen hat seine C02-Emissionen in den letzten zwei ­Jahrzehnten nicht wirksam gesenkt. Er hat Schwellenländern nicht den A­nteil an der Atmosphäre gewährt, den sie zur Entwicklung brauchen, wirft ihnen aber mittlerweile vor, den multilateralen Prozess zu behindern. Von Sunita Narain

Als die Weltgemeinschaft in Rio de Janeiro beim Erdgipfel 1992 ein Klimaabkommen beriet, war Gerechtigkeit noch ein einfaches Konzept. Es ging darum, die globalen Gemeingüter – in diesem Fall die Atmosphäre – gerecht auf alle zu verteilen.

Damals wurden noch nicht viele Ansprüche auf diese Allmende geltend gemacht. Dennoch verliefen die Gespräche zäh. Ein kleiner Club von Ländern hatte 100 Jahre lang fossile Brennstoffe verfeuert und immensen Wohlstand aufgebaut. Ihm war klar, dass er Emissionen verringern musste – aber er behauptete, alle Länder trügen die gleiche Verantwortung.

Anil Agarwal, der Gründer des indischen Centre for Science and Environment, ich selbst und andere widersprachen. Wir bestanden auf gleichem Zugang zu den Gemeingütern und belegten, dass das Verhalten der reichen Welt Ursache des Treibhauseffekts war. Entsprechend akzeptierte die Weltgemeinschaft dann das Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung.

1992 war klar, dass reiche Nationen einen Teil des Atmosphärenraums würden räumen müssen, um Entwicklungsländern Wachstumschancen zu lassen. Es ging darum, die CO2-Emissionen drastisch zu senken – um 20 Prozent unter das Niveau von 1990. Offenkundig würde das in der reichen Welt geschehen müssen.

Trotzdem waren die Diskussionen hässlich. Die USA erklärten ihren Lebensstil für nicht verhandelbar und lehnten tiefgreifende Reduktionspflichten ab. Es dau­er-te weitere fünf Jahre, das Kyoto-Protokoll auszuhandeln, das erstmals für reiche Länder Reduktionsziele rechtlich festschrieb. Es ging im Schnitt aber nur um ­
5,2 Prozent ihres Ausstoßvolumens von 1990.

Obwohl Kyoto halbherzig blieb, ratifizierten die USA das Protokoll nicht und unterhöhlten so seine Wirksamkeit. Im Rückblick wissen wir, dass einige Länder – darunter Deutschland, Britannien und einige kleine europäische Länder – ihre Versprechen erfüllten und Emissionen nennenswert senkten. Aber andere taten das nicht. Die meisten etablierten Wirtschaftsmächte stabilisierten ihren Schadstoffausstoß oder steigerten ihn sogar. Insgesamt gab es die nötige Trendwende nicht.

Veränderte Welt

20 Jahre nach dem ersten Rio-Gipfel ist der Kampf um die Atmosphäre real geworden. Neue Wachstums­zentren emittieren mehr als früher, obwohl der Club der Reichen nichts getan hat, um dafür Raum zu schaffen. 1990 war China mit einem Viertel der Weltbevölkerung für zehn Prozent der jährlichen Treibhausgase verantwortlich. 2010 lebten in der Volksrepublik dagegen 18 Prozent der Menschheit, die 27 Prozent der jährlichen Klimagase verursachten. Die globale Erwärmung ist aber nicht einfach die Folge aktueller Emis­sionen. Selbst heute ist China nur für elf Prozent der akkumulierten Emissionen verantwortlich. Indien trägt mit 17 Prozent der Weltbevölkerung derzeit sechs Prozent zu den jährlichen Emissionen bei, hat aber nur drei Prozent der historischen Last verursacht.

1990 stammten 70 Prozent der laufenden Emis­sionen aus der reichen Welt. 2010 betrug die Quote noch 43 Prozent – obwohl die 1992 diskutierten Reduktionen nicht erfolgten. Diese Länder sind immer noch viel reicher als der Weltdurchschnitt, dort lebt nur ein Viertel der Menschheit, und sie sind weiterhin für 70 Prozent des Gesamtvolumens der Klimagase verantwortlich. Diese Länder müssen handeln – und sie sind dazu auch am ehesten in der Lage.

Um den Anstieg der Temperaturen im Schnitt auf zwei Grad zu begrenzen, müssen die Klimaemissionen bis 2050 um 50 bis 80 Prozent zurückgehen. Gerechtigkeit ist jetzt kein hehres Ideal mehr, sondern zu einer echten Herausforderung geworden. Deshalb haben die Klimaverhandlungen voriges Jahr in Durban ihren Tiefpunkt erreicht. Deshalb stemmen sich die USA gegen jegliche Erwähnung der historischen Verantwortung. Deshalb verweist die reiche Welt heute auf Emissionen aus China und Indien und streitet diesen Ländern das Recht auf Entwicklung und faire Teilhabe an der Atmosphäre ab.

Idealismus gilt heutzutage wenig und Forderungen nach Verteilungsgerechtigkeit werden belächelt. Dabei wird aber übersehen, dass die globale Erwärmung eine Folge von Markt- und nicht Staatsversagen ist. Wer fossile Brennstoffe nutzt, muss die Schäden nicht in Betracht ziehen. Also müssen Staaten handeln. Die Menschheit braucht ein wirksames, kooperatives Abkommen, um die Katastrophe zu vermeiden. Zusammenarbeit beruht aber auf Fairness und Gerechtigkeit. Beim Klimagipfel in Durban betonten kleine Inselstaaten wie die Malediven und Grenada zu Recht, dass der steigende Meeresspiegel ihre Existenz bedrohe. Weil sie zu schwach sind, um gegen die Mächtigen zu kämpfen, wenden sie sich seither gegen andere Entwicklungsländer und fordern etwa, dass Indien Reduktionspflichten übernimmt.

Manche Fachleute aus den geringstentwickelten Ländern sagen heute, die Vorstellung von Gerechtigkeit, der zufolge Reduktionsziele die Geschichte des Schadstoffausstoßes widerspiegeln müssen, sei überholt. Die Kluft zwischen reichen und armen Ländern gebe es nicht mehr, vielmehr stelle sich heute das Problem der „großen Verschmutzer“, zu denen auch In­dien, China, Südafrika und Brasilien zählten. Länder wie die Malediven oder Bangladesch sind in dieser Sicht Opfer, wohingegen Indien als Verschmutzer gilt, als reiches Land, dessen Regierung sich hinter seinen armen Menschen versteckt.

In Wirklichkeit sind die Pro-Kopf-Emissionen der Malediven höher als die Indiens. Akzeptieren die Malediven Reduktionspflichten? Wer ist das Opfer, wer der Umweltsünder? Indiens Küste ist länger als die Bangladeschs – ist es Verschmutzer oder gleichrangiges Opfer? Sivan Kartha vom Stockholm Environment Institute hat Statistiken und die These widerlegt, Afrika müsse wegen indischer Sturheit leiden: „Tatsächlich gehören 1,1 Prozent der Afrikaner zum Zehntel der reichsten Weltbürger, aber nur 0,9 Prozent der Inder.“ Die Vergleichsquote für die USA betrage 21 Prozent. Kartha zufolge verursacht Indien nur etwa zwei Drittel des Emissionsvolumens Afrikas und nur ein Viertel des Emissionsvolumens der USA.

Das Szenario ist simpel und brutal: Die Armen prügeln sich wegen Krümeln, während die Reichen den Kuchen verzehren. Die Verwundbaren streiten sich darüber, wen es am härtesten trifft, anstatt Druck auf die zu machen, die als Erste handeln müssen – und zwar schnell.

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Spaltung bewusst herbeigeführt wurde. Beim Klimagipfel in Kopenhagen wurde plötzlich unterschieden zwischen
– verwundbaren Entwicklungsländern, die schnell Mittel bekommen sollten, um sich an den Klimawandel anzupassen, und
– aufstrebenden Klimasündern, die unter Druck gesetzt wurden, Reduktionspflichten zu übernehmen.

Dieses Teile-und-herrsche-Rezept war ebenso durchsichtig wie erfolgreich. Länder wie Indien, die auf Gerechtigkeit bestehen, gelten seither als Bremsklötze. Wir müssen diesen kindischen Streit beenden. Wir brauchen Klarheit. Die Menschheit muss die Treibhausgasemissionen schnell und radikal senken. Jedes Land wird Obergrenzen akzeptieren müssen, die seinen Pro-Kopf-Ausstoß, seine historischen Emissionen sowie seine technische und ökonomische Leistungsfähigkeit berücksichtigen. Das gilt auch für aufstrebende Volkswirtschaften wie China und Indien. Die Pflichten müssen aber auf Gerechtigkeit beruhen, die Geschichte berücksichtigen und widerspiegeln, dass riesige Länder mit Massen von bitterarmen Menschen sich besonders dringend entwickeln müssen.