KI-Infrastruktur
Wie KI-Unternehmen sich der Ressourcen Lateinamerikas bemächtigen
Im Oktober 2025 kündete OpenAI gemeinsam mit der argentinischen Firma Sur Energy an, 25 Milliarden Dollar in ein Rechenzentrum in Argentinien zu investieren. Das US-amerikanische Unternehmen, das hinter dem KI-Chatbot ChatGPT steht, plant die Investition in Patagonien, einer Region im Süden des Landes, die sich durch eine große Vielfalt an Naturschutzgebieten auszeichnet. Wo genau das Projekt angesiedelt sein wird, ist noch unklar – es wird aber wohl einen Standort in der Provinz Neuquén werden. Es dauerte nicht lange, bis die argentinische Regierung unter Javier Milei begeistert verkündete, das Projekt werde das Land zu einem regionalen und globalen Zentrum für künstliche Intelligenz machen. Der Deal war schnell unter Dach und Fach.
Mehrere lateinamerikanische Länder möchten gern auf die Welle der „neuen digitalen Ära“ aufspringen und zu KI-Pionieren werden. Neben Argentinien gehören dazu auch Brasilien, Mexiko und Chile. Aufgrund ihrer Größe und ihres Ressourcenreichtums dominieren diese Länder die Branche in der Region. Sie stellen der Industrie genug Energie und Wasser zur Verfügung, auch wenn die Bevölkerung in diesen Ländern immer wieder unter Wasserkrisen oder Stromausfällen leidet. Medien in der Region haben diese Zusammenhänge immer wieder kritisch beleuchtet, etwa das länderübergreifende journalistische Rechercheprojekt „Big Tech’s Invisible Hand“, koordiniert von der brasilianischen Plattform Agência Pública und dem Lateinamerikanischen Zentrum für investigativen Journalismus (Centro Latinoamericano de Investigación Periodística, CLIP). Eine breite öffentliche Debatte über den Bau neuer KI-Infrastruktur in Lateinamerika sucht man aber vergebens.
Da die weltweite Nachfrage nach KI-Anwendungen wächst, steigt auch der Bedarf der Rechenzentren an Rechenkapazität und Energie für den Betrieb. Die Verarbeitung von Anfragen an generative KI-Modelle wie ChatGPT verbraucht bekanntermaßen deutlich mehr Energie als etwa Google-Suchen. Um den Bedarf zu decken, sind sogenannte „Hyperscale-Rechenzentren“ nötig. Sie basieren auf einer komplexen und kostspieligen Infrastruktur und verbrauchen insgesamt deutlich mehr Strom als ihre Vorgängermodelle. Derzeit ist die Branche laut der Internationalen Energieagentur (IEA) für ein bis zwei Prozent des weltweiten Stromverbrauchs verantwortlich. Im Jahr 2030 werden es voraussichtlich drei Prozent sein.
Die US-Regierung und dort ansässige Unternehmen wissen sehr genau, dass sie noch wesentlich mehr Energie benötigen werden, um ihre Rechenzentren auszubauen. Lateinamerika gilt hier als Schlüsselregion. Im Mai 2025 etwa forderte US-Außenminister Marco Rubio vor dem Ausschuss für Auswärtige Beziehungen des US-Senats eine Debatte darüber, welche Länder helfen könnten, den KI-Energieverbrauch zu decken. Energie sei zentraler Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik „für die nächsten 100 Jahre“, betonte Rubio. „Wir müssen diskutieren, wie wir in Länder investieren werden, die über die nötige Energieversorgung verfügen, um den Bedarf zu decken“, sagte er. Als Beispiel führte er Paraguay an, das aufgrund eines endenden Vertrags mit Brasilien über Kapazitäten von Strom aus Wasserkraft verfüge.
Ausbau von Stromnetzen
Energie ist für die KI-Industrie von grundlegender Bedeutung, ob aus erneuerbaren oder fossilen Quellen. Seit dem enormen Wachstum von Rechenzentren in Lateinamerika wurde mancherorts beschlossen, die Kapazität von Stromnetzen zu erhöhen. Im Jahr 2024 kündigte etwa die Federal Electricity Commission (CFE) von Mexiko an, die Kapazität des Stromnetzes im Bundesstaat Querétaro um 50 % zu erhöhen, und nannte den Bau von Rechenzentren in der Region als einen der Hauptgründe dafür. Die CFE kündigte auch den Bau eines neuen Gaskraftwerks an, das Strom erzeugen soll. Mehr Strom aus Gas bedeutet mehr klimaschädliche Emissionen.
Neben Energie ist traditionell auch Wasser ein grundlegender Bestandteil der Infrastruktur von Rechenzentren. Die Gebäude nutzen es zur Kühlung, um eine Überhitzung der Server zu vermeiden und die Temperatur stets zwischen 18 °C und 27 °C zu halten. Inzwischen werde die sogenannte evaporative Kühlung mittels Wasser zumindest von OpenAI aber nicht mehr eingesetzt, beteuert dessen CEO, Sam Altman. Neue Kühlsysteme versprechen tatsächlich, den Wasserverbrauch drastisch oder komplett zu senken, sie werden aber noch lange nicht in allen Rechenzentren eingesetzt. Die Vorwürfe, dass die Industrie die Ressource Wasser weiterhin in signifikantem Umfang nutze, konnte Altman daher nicht entkräften.
Tatsache ist, dass Rechenzentren teils in Gebieten gebaut werden, die besonders geschützt sind oder bereits unter Wasserstress leiden. In der Provinz Neuquén in Patagonien, in der OpenAI sein Rechenzentrum plant, steigt die Wasserknappheit. Und auch auf Querétaro hat die KI-Branche ein Auge geworfen, obwohl der Bundesstaat in einer veritablen Wasserkrise steckt. Sie weiß, dass Regierungen dazu tendieren, sich politisch flexibel zu zeigen, wenn es darum geht, KI-Gelder anzuziehen. Tatsächlich hatte das Ministerium für nachhaltige Entwicklung (Secretaría de Desarrollo Sustentable) in Querétaro bis 2025 bereits 20 Genehmigungen für den Bau weiterer Infrastruktur für Rechenzentren erteilt – obwohl eine lokale Umweltbehörde empfohlen hatte, keine neuen Genehmigungen zur Wassernutzung zu erteilen, wie die Recherche „Big Tech’s Invisible Hand“ aufdeckte.
Ein Gesetz für die Industrie
Es ist also notwendig, sich zu fragen: Welche Grenzen sollten Länder in Lateinamerika und anderswo der KI-Industrie setzen? Derzeit sind regulatorische Rahmenbedingungen oft flexibel oder gar nicht existent. Tatsächlich lobbyiert die KI-Industrie massiv, um für sie maßgeschneiderte Gesetze zu erwirken. Regierungsvertreter*innen treffen sich mit hochrangigen Führungskräften von Unternehmen wie Microsoft, Amazon, OpenAI oder Google; Länder schließen millionenschwere Abkommen mit diesen Konzernen ab. Die Regierungen wissen genau, dass ihre Länder etwas bieten müssen, um Teil der neuen KI-Ära zu sein: Flächen für Grundstücke, kostengünstige Energie und andere Ressourcen, industriefreundliche steuerliche Bedingungen oder einfach Abkommen, die es den großen Konzernen erlauben, ihre Industrie weiter auszubauen.
Gegenüber den Bürger*innen stellen die Regierungen die Investitionen als Spritze für die lokale Wirtschaft dar und argumentieren mit mehr Arbeitsplätzen und Entwicklung. Zugleich setzen sich aber immer mehr soziale Organisationen kritisch mit den Big-Tech-Unternehmen auseinander – aufgrund der Umweltauswirkungen und anderer Mängel im Bereich Regulierung. Sie stellen zu Recht wichtige Fragen wie: Was bedeutet die Ansiedlung der KI-Rechenzentren eigentlich langfristig für die Bevölkerung und deren natürliche Lebensgrundlagen? Wer hat die Macht über die Daten? Und gäbe es eine Möglichkeit, KI nachhaltiger und zu anderen Bedingungen zu nutzen? Die Volksvertreter*innen sind gut beraten, auf diese kritischen Stimmen zu hören, um zu verhindern, dass die KI-Investitionen am Ende mehr Schaden als Nutzen anrichten.
Julia Gavarrete ist eine Investigativjournalistin aus El Salvador.
Bluesky: @PetizaGavarrete
Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.