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SIDS

Minister warnt: „Es ist eine Frage von Leben und Tod“

von Kavydass Ramano, Katja Dombrowski

Hintergrund

Mauritius verliert seine Strände wegen Erosion, wie hier in Belle Mare an der Ostküste.

Mauritius verliert seine Strände wegen Erosion, wie hier in Belle Mare an der Ostküste.

Der Bau einer Stadtbahn ist eine der Maßnahmen, mit denen Mauritius seine Emissionen senken will. Metro-Express-Baustelle in der Hauptstadt Port Louis.

Der Bau einer Stadtbahn ist eine der Maßnahmen, mit denen Mauritius seine Emissionen senken will. Metro-Express-Baustelle in der Hauptstadt Port Louis.

Kleine Inselstaaten wie Mauritius leiden unter verheerenden Folgen des Klimawandels – und das Schlimmste steht erst noch bevor. Kavydass Ramano, Mauritius’ Minister für Umwelt und Klimawandel, ruft die Industrieländer auf, ihre Zusagen im Rahmen des Pariser Vertrags zu erfüllen, und betont, dass es keine Zeit mehr zu verlieren gibt.

Mauritius ist ein Kleines Inselentwicklungsland (Small Island Developing State – SIDS) und als solches besonders anfällig für die Folgen des Klimawandels. Inwieweit ist Mauritius jetzt schon betroffen?
Mauritius gehört in der Tat zu den Ländern, die in besonderem Maße vom Klimawandel bedroht sind. Auch das Risiko von Naturkatastrophen ist hoch, denn unser Inselstaat liegt in einem Gebiet, in dem tropische Wirbelstürme auftreten. Wir sind auf vielfältige Weise betroffen. Der Meeresspiegel steigt zum Beispiel an der Hauptinsel um 5,6 Millimeter (mm) pro Jahr und an der zweitgrößten Insel Rodrigues um 9 mm pro Jahr. Der globale Durchschnitt beträgt 3,3 mm. Der Meeresspiegelanstieg setzt unseren Stränden zu, die die Grundlage des Tourismus sind – der wiederum ist ein Grundpfeiler unserer Wirtschaft. An manchen Stellen haben die Strände in den vergangenen zehn Jahren 20 Meter Breite verloren. Die Häufigkeit von Stürmen, die Zyklonstärke erreichen, hat zugenommen. Und laut einer Studie der US National Academy of Sciences wird die Wahrscheinlichkeit eines tropischen Wirbelsturms im südlichen Indischen Ozean alle zehn Jahre um 18 Prozent steigen. Wir erleben auch immer häufigere und heftigere Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen, mit gravierenden Folgen für die Wirtschaft, Ökosysteme und Lebensgrundlagen.

Was sind denn die größten Gefahren, denen Ihr Land in nächster Zukunft ausgesetzt sein wird?
Die Prognosen für Mauritius sind düster. Aufgrund von weniger Regenfällen und mehr Evapotranspiration könnte die landwirtschaftliche Produktion bis 2050 um 15 bis 25 Prozent einbrechen. Mit 10 bis 20 Prozent weniger Regen und einem Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius würde der Zuckerertrag um die Hälfte bis zwei Drittel zurückgehen. Mauritius’ Sektorstrategieplan für den Tourismus sagt voraus, dass mehr als die Hälfte der Strände in den kommenden 50 Jahren verlorengehen wird. Extremwetterereignisse wie Starkregen, Stürme und Sturzfluten treffen Mauritius voraussichtlich immer häufiger und stärker.

Was tun Sie auf nationaler Ebene für Klimaschutz und -anpassung?
Der Klimawandel hat hohe Priorität für die Regierung. Wir wollen resilient gegenüber dem Klimawandel werden und werden nichts unversucht lassen, um unsere Anpassungs- und Minderungsziele zu erreichen. Wir erfüllen die Verpflichtungen im Rahmen aller multilateralen Abkommen, die das Klima betreffen. Seit der Verabschiedung des Pariser Vertrags 2015 haben wir auf nationaler Ebene beträchtliche Ressourcen mobilisiert. Innerhalb dieser fünf Jahre haben wir um die 6 Milliarden Rupien (Rs) (umgerechnet rund 124 Millionen Euro) für unsere Klimaschutzagenda ausgegeben. 2018 hat die Regierung den Nationalen Umweltfonds mit rund 2 Milliarden Rs (41 Millionen Euro) aufgestockt, unter anderem für Maßnahmen, die vor den Folgen von Überschwemmungen schützen, für die Wiederherstellung zerstörter Küsten und für die Abfallwirtschaft. Mauritius gibt rund zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (um die 220 Millionen Euro im Jahr) für Umwelt- und Klimaschutz aus. Im Moment sind wir dabei, die Ziele in unserem nationalen Beitrag (Nationally Determined Contribution – NDC) zum Pariser Vertrag zu verschärfen.

In vielen Ländern, darunter Deutschland, hat die Corona-Krise – mit ihren starken Beeinträchtigungen der Wirtschaft – dazu beigetragen, nationale Emissionsminderungsziele zu erreichen. War das auch in Mauritius der Fall?
Der Covid-19-Ausbruch hat die Verwobenheit von Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft deutlicher gemacht als je zuvor. Während die Pandemie verheerende wirtschaftliche und soziale Folgen hatte, hat die Umwelt stellenweise profitiert. Laut dem staatlichen Umweltlabor ging die Feinstaubkonzentration (PM10) in Mauritius während der Ausgangssperren 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 52 Prozent zurück und die Konzentration von Stickstoffdioxid sogar um 78,5 Prozent. Beide stammen hauptsächlich aus Fahrzeugen. Die Treibhausgasemissionen für 2020 werden derzeit noch zusammengetragen, aber wir gehen auch hier von einem Rückgang aus. Mauritius war von März bis Mai 2020 im ersten Lockdown und befindet sich seit diesem März im zweiten.

Was muss die internationale Gemeinschaft für den Schutz der Menschen in den SIDS tun?
Die Klimawissenschaftler sind sich einig: Die Welt steuert auf einen Temperaturanstieg von drei Grad zu, der katastrophale Konsequenzen für Millionen Menschen hätte. Die SIDS und Afrika sind in besonderem Maße betroffen. Der Weltklimarat IPCC hat in seinem Fünften Sachstandsbericht von 2014 auf die besondere Verwundbarkeit kleiner Inselstaaten hingewiesen. Die Verletzlichkeit rührt vor allem aus:

  • dem Risiko des Verlusts von Lebensgrundlagen der Küstenbevölkerung,
  • systemischen Risiken im Zusammenhang mit Extremwetterereignissen, die zum Ausfall kritischer Dienstleistungen wie der Gesundheitsversorgung führen können, und
  • Risiken für die Ernährungssicherheit, weil Meeres- und Küstenökosysteme verlorengehen.

2018 veröffentlichte der IPCC seinen Sonderbericht zur globalen Erwärmung von 1,5 Grad. Demnach kommen auf die Menschen und Ökosysteme in SIDS mit die gravierendsten Folgen zu. Mauritius hat mit mehreren limitierenden Faktoren zu kämpfen: Unsere Landmasse ist klein, wir haben keine Skalenvorteile, müssen aber riesige Investitionen schultern, um den Energiesektor hin zu erneuerbaren Quellen umzubauen. Paradoxerweise tragen ausgerechnet die SIDS die geringste Verantwortung für den Klimawandel: Zusammen stoßen wir nur ein Prozent der globalen Treibhausgase aus. Es ist unabdingbar, dass SIDS und Entwicklungsländern in Afrika wichtige Elemente des Pariser Vertrags wie finanzielle Unterstützung, Technologietransfer und Kapazitätsaufbau gewährt werden. Wir rufen die Industrieländer außerdem dazu auf, ihre Minderungsziele zu erhöhen, entsprechend zu handeln und SIDS und afrikanischen Ländern verlässliche Finanzierung zukommen zu lassen.

Was erwarten Sie von der diesjährigen Weltklimakonferenz (COP26) in Glasgow?
Hoffentlich kann die COP trotz der Covid-19-Pandemie wie geplant stattfinden, denn die Fertigstellung und Verabschiedung des Regelwerks für die Umsetzung des Pariser Vertrags ist sehr dringend. Der Gipfel war bereits um ein Jahr verschoben worden, und es gibt keine Zeit mehr zu verlieren. Wir hoffen, dass zu dieser wichtigen Phase der Verhandlungen alle Vertragsparteien anwesend sein werden und dass wir es gemeinsam schaffen, wesentliche Punkte zu klären und die globale Klimaschutzagenda voranzutreiben. Mauritius vertritt die Standpunkte der  Africa Group of Negotiators (AGN), der Alliance of Small Island States (AOSIS) und der G77 plus China (Gruppe der Entwicklungsländer). Wichtige Positionen sind:

  • Wir fordern die Industrieländer auf, ihre Minderungsanstrengungen zu verstärken und Unterstützung in Form von Technologieentwicklung und -transfer sowie Kapazitätsaufbau zu gewähren.
  • Berechenbare Finanzierung ist unerlässlich für SIDS und afrikanische Länder. Wir brauchen neue globale Finanzierungsziele und ein robustes Finanzierungsnetzwerk. Das wird auch die globalen Anstrengungen zur Anpassung an den Klimawandel signifikant voranbringen.
  • Die reichen Länder müssen ihrer Zusage nachkommen, 100 Milliarden Dollar pro Jahr für die Unterstützung von Entwicklungsländern zu mobilisieren, damit diese ihre Klimaziele erreichen können.
  • Die Industrieländer sollten ihre Emissionsminderungsziele erhöhen und Netto-null-Treibhausgasemissionen bis 2050 erreichen. Bis 2030 sollten sie sich zu einer Reduzierung um 45 Prozent bekennen.

Mauritius unterstützt Bestrebungen, Schäden und Verluste durch den Klimawandel auf umfassende und kohärente Weise anzugehen. Entwicklungsländer wie SIDS und afrikanische Länder sollten vorrangigen Zugang zu Unterstützung durch Institutionen wie den Green Climate Fund und den Adaptation Fund erhalten. Zudem sollten die Verfahren einfacher gestaltet werden.

2021 gilt als entscheidendes Jahr, um die Pariser Ziele zu erreichen. Warum?
Dieses Jahr ist entscheidend, weil es den Beginn der Operationalisierungsphase des Pariser Vertrags markiert. Fünf Jahre nach der Verabschiedung haben wir den Meilenstein erreicht, an dem die Parteien ihre NDCs aktualisieren müssen. Wir erleben immer schlimmere Folgen des Klimawandels, er geht schneller vonstatten, als wir uns anpassen können. Für viele Menschen, Regionen und sogar Länder ist es schon jetzt eine Frage von Leben und Tod. 2020 war das heißeste Jahr, und bei diesem Tempo ist es wahrscheinlich, dass die 1,5-Grad-Grenze schon 2024 erreicht wird. Wir müssen schnell handeln. Wir können – und müssen – einen grünen Wiederaufbau betreiben, um die Corona-Krise zu bewältigen und zugleich die Erderhitzung zu begrenzen.


Kavydass Ramano ist Mauritius’ Minister für Umwelt, Abfallwirtschaft und Klimawandel.
https://environment.govmu.org/Pages/Index.aspx#en

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