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Regierungsführung

„Man müsste digitale Technologien nutzen“

von Riad Sultan, Katja Dombrowski

Hintergrund

Eines der wenigen Wasserreservoirs in Mauritius.

Eines der wenigen Wasserreservoirs in Mauritius.

Die Weltbank stuft das kleine Inselentwicklungsland Mauritius als Land unter Wasserstress ein und erwartet, dass es in diesem Jahr die Kategorie wasserarm erreicht. Riad Sultan, Umweltökonom und Wirtschaftsdozent an der Universität von Mauritius, hält die Probleme für hausgemacht. Im Interview mit E+Z/D+C erklärt er, was politisch schief läuft.

Können Sie einen kurzen Überblick über die Wassersituation in Mauritius geben?
In Bezug auf das natürliche Vorkommen ist Mauritius keine wasserarme Insel – und trotzdem erleben wir Engpässe. Die größte Herausforderung für die Behörden besteht darin, die Menschen rund um die Uhr mit Trinkwasser zu versorgen, das mit gutem Druck aus der Leitung kommt. Das sollte eigentlich nicht allzu schwierig sein. Mauritius ist klein und dicht besiedelt. Fast jeder Haushalt ist ans öffentliche Leitungssystem angeschlossen. Aufgrund der vulkanischen Topografie fließt das Regenwasser außerdem nahezu von selbst aus den Bergen in die Reservoirs und von dort zu den niedriger gelegenen Verbrauchern. Aber es gibt zwei große Defizite: Zum einen wird nur ein sehr kleiner Teil der Niederschläge aufgefangen, um in der Trockenzeit benutzt zu werden. 2018 waren es lediglich 7,6 Prozent des gesamten Regenwassers. Zum anderen sind bis zu 40 Prozent des Trinkwassers sogenanntes Wasser ohne Ertrag. Dazu zählen physische Verluste durch defekte Leitungen und ähnliches, kommerzielle Verluste aufgrund kaputter Zähler und illegaler Anschlüsse, aber auch kostenlos abgegebenes Wasser, das beispielsweise die Feuerwehr benutzt. Meiner Meinung nach sollte offengelegt werden, welchen Anteil die verschiedenen Arten von Wasser ohne Ertrag haben – wird es aber nicht. Der Wassersektor ist nicht transparent.

Bedeuten die Defizite, dass die Menschen in Mauritius keine zuverlässige Wasserversorgung haben?
Ja, genau. Eine zuverlässige Versorgung würde heißen, alle rund um die Uhr mit ausreichender Qualität und Quantität zu beliefern. Stattdessen gibt es Probleme wie zu niedrigen Druck, Versorgungsunterbrechungen und saisonale Schwankungen. Manche Regionen haben nur zwei oder drei Stunden am Tag Wasser. Das ist definitiv zu wenig. Wenigstens tagsüber sollte jeder Haushalt durchgehend fließendes Wasser haben. Der Druck ist auch wichtig, denn wenn er zu gering ist, kann schmutziges Wasser in die Rohre eindringen, weil sie sehr alt und schlecht instand gehalten sind. Versorgungsengpässe treten meistens im Winter auf. Mehr als Dreiviertel des gesamten Regens fällt zwischen November und April. Nach zwei bis drei Monaten mit nur sehr wenig Regen – was jedes Jahr passiert – sind die Reservoirs quasi leer.

Was könnte die Lösung sein?
Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine besteht darin, mehr Wasser zu speichern. Dafür müssten mehr Reservoirs gebaut werden. Die andere Option ist, die Verluste zu stoppen – und so die verfügbare Menge an Trinkwasser zu verdoppeln. Als erstes müssten die ganzen alten Leitungen ersetzt werden. Beide Optionen kosten sehr viel Geld. Deshalb bin ich nicht besonders optimistisch, dass eine davon umgesetzt wird.

Warum nicht?
Trinkwasser ist für die Verbraucher in Mauritius sehr billig: Im Durchschnitt zahlen sie nur 12 Rupien (0,33 Dollar) pro Kubikmeter. Die ersten sechs Kubikmeter pro Monat sind sogar kostenlos. Viele Haushalte kommen damit aus, zahlen also überhaupt nichts für Wasser. Die Behörde, die für das Versorgungssystem zuständig ist, nimmt nicht genug Geld ein, um die Infrastruktur deutlich zu verbessern. Und die Abteilung des Ministeriums für Energie und öffentliche Versorgungsbetriebe, die für den Bau von Reservoirs verantwortlich ist, hängt komplett von Staatsgeld ab. So oder so müsste der Staat also zahlen – und Wasser ist leider nur eine von vielen Prioritäten der Regierung.

Gibt es einen Weg zu einer guten Wasserversorgung trotz des Geldmangels?
Das ganze System muss sich ändern. Wasser sollte nicht kostenlos sein – man muss für das, was man benutzt, auch bezahlen. Das Speicher- und Verteilsystem sind Teil der Wasserversorgung. Wenn ein gutes System aufgebaut ist, profitieren alle davon. Viele Menschen denken, dass das Wasser praktisch von selbst zu ihnen kommt, aber die Infrastruktur muss auf die eine oder andere Weise bezahlt werden. Außerdem wird ein angemessener Wasserpreis die Leute auch dazu bringen, weniger zu verschwenden. Die Tarife sollten steigen, und ein Teil davon sollte das Speicher- und Verteilsystem finanzieren. Für den Bau und Unterhalt der nötigen Reservoirs und Leitungen werden Milliarden Rupien gebraucht. In den vergangenen 15 Jahren wurde nur ein einziger Staudamm gebaut. Die Gleichung ist simpel: kein Geld, keine Dämme. Alle Politiker wissen, dass eine Erhöhung des Wasserpreises sehr unpopulär wäre. Andererseits habe ich eine Studie durchgeführt, um zu ermitteln, ob die Mauritier bereit wären, mehr Geld zu zahlen, wenn die Versorgungssicherheit stiege. Fast 87 Prozent von 400 befragten Haushalten stimmten einer Erhöhung um 27 Prozent der durchschnittlichen Wasserrechnung zu, wenn das Geld ausschließlich in die Verbesserung der Infrastruktur fließen würde, um zuverlässige Versorgung rund um die Uhr zu erreichen.

Könnte eine gute Wasserversorgung nicht auch dazu beitragen, Wählerstimmen zu gewinnen?
Die Regierung hat eine andere Strategie. In der vergangenen Legislaturperiode hat sie eine Subvention für Wassertanks eingeführt, um das Problem der Versorgungsengpässe zu lösen. Der weitaus überwiegende Teil aller Haushalte hat jetzt einen privaten Tank. Die letzten verlässlichen Zahlen stammen aus dem Zensus von 2011, und damals war es schon fast die Hälfte aller Haushalte. Heute müssen es weitaus mehr sein. Wenn kein Wasser aus der öffentlichen Leitung kommt, benutzen die Menschen das Wasser aus dem Tank. Aber für den Tank braucht man ein eigenes Grundstück oder ein geeignetes Hausdach, außerdem kostet die Installation und Unterhaltung Geld. Die Ärmsten sind dadurch ausgeschlossen. Das Förderprogramm hat Ungleichheit zwischen denjenigen geschaffen, die sich einen Tank leisten können, und denjenigen, die das nicht können. Das führt zu Unterschieden im Lebensstandard, und das ist nicht gut. Für die Politiker ist es jedoch attraktiv, denn die meisten Menschen freuen sich über die ununterbrochene Wasserversorgung.

Was ist mit den kommerziellen Nutzern?
Große Verbraucher aus der Landwirtschaft, der Textilindustrie und dem Tourismus werden ermutigt, ihr eigenes Wasser zu gewinnen. Sie sind von einer ununterbrochenen Versorgung abhängig und haben daher ein großes Interesse daran, ihr eigenes System zu installieren, um Wasser aufzufangen und zu speichern. Diese Einzellösungen sind weit verbreitet, lösen aber natürlich nicht die Probleme der privaten Konsumenten.

Das klingt nach einer festgefahrenen Situation.
Ja, und es wird noch schlimmer. Die Nachfrage wird mit Sicherheit weiter steigen, und somit werden auch die Versorgungsengpässe zunehmen. Gründe dafür liegen unter anderem in der wachsenden Bevölkerung und dem zunehmenden Tourismus. Der Druck auf die Wasserversorgung wächst.

Spielt der Klimawandel dabei auch eine Rolle?
Auf jeden Fall. Der Regen setzte immer Anfang Januar ein. Inzwischen ist es Ende Januar. Durch den Klimawandel verschieben sich die Jahreszeiten, und die Trockenzeit, in der wir Probleme mit der Wasserversorgung haben, wird länger. Außerdem tritt jetzt häufiger als früher Starkregen auf. Nach zwei oder drei Stunden eines solchen Wolkenbruchs ist alles überschwemmt. Es fällt insgesamt mehr Regen, aber auf weniger Tage verteilt. Das meiste Wasser fließt direkt ins Meer ab. Wir müssen eine Möglichkeit finden, es aufzufangen.

Die Überschwemmungen scheinen teilweise gravierend zu sein und viele Schäden zu verursachen. Ist das Abflusssystem für Oberflächenwasser den Regenfällen nicht gewachsen?
Nein, es ist alt und nicht gut in Schuss. Manche der Kanäle sind offen und werden bei Sturm schnell von Ästen und anderen Gegenständen verstopft. Zunehmende Urbanisierung und Landversiegelung spielen ebenfalls eine Rolle. Wir Mauritier sind nicht gut darin, vorauszuplanen. Wir reagieren eher auf die Notwendigkeiten, etwa nach einer Naturkatastrophe. 2013 kamen bei schweren Überschwemmungen in der Hauptstadt Port Louis 11 Menschen ums Leben. Danach wurde unter anderem ein Warnsystem installiert. Das ist allerdings nicht auf dem neuesten Stand der Technik. Man müsste digitale und andere moderne Technologien nutzen, um Umweltveränderungen zu verstehen, Schwachstellen zu erkennen, veränderte Landnutzung vorherzusehen und so weiter. Abgesehen davon benutzen die Menschen das Warnsystem nicht regelmäßig. Die Folgen lassen sich in jeder Regenzeit besichtigen.


Links

Peeroo, A., und Sultan, R., 2016: Governance and economic accounting issues in the Mauritian water sector. Toward sustainable management of a natural resource.
https://www.researchgate.net/publication/314119102_Governance_and_Economic_Accounting_Issues_in_the_Mauritian_Water_Sector_toward_Sustainable_Management_of_a_Natural_Resource

Sultan, R., 2020: Accounting for the non-market benefits of water supply improvements to ensure sustainability. The case of Mauritius. International Journal of Critical Accounting (erscheint in Kürze).


Riad Sultan ist Wirtschaftsdozent an der Universität von Mauritius.
https://www.uom.ac.mu/fssh/des/

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