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Neuer Sicherheits-Index

Somalia ganz unten

von Peter Hauff

In Kürze

Refugee camp in August: Somalis trekked 300 km to Koorsan Camp for aid

Refugee camp in August: Somalis trekked 300 km to Koorsan Camp for aid

Sicherheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg. In einer kurz vor Ausrufung der Hungersnot verfassten Studie bewerten Wissenschaftler der Universität Duisburg/Essen Somalia als „unsicherstes“ Land der Erde.

Im August schweigen in Mogadischu weitgehend die Waffen. Hauptgrund dafür dürfte die allgemeine Hungerkrise sein. Die Terrorgruppen haben sich aus der Hauptstadt zurückgezogen. Klar ist trotzdem, dass von Frieden und echten Entwicklungschancen in Somalia noch keine Rede sein kann. Die Unsicherheit währt in vielen Bereichen fort.

In einem Ranking, in dem das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg/Essen jüngst die „menschliche Sicherheit“ in 209 Ländern verglich, liegt Somalia hinter Afghanistan und Eritrea auf dem letzten Platz. Die Autoren weisen darauf hin, dass Vergehen gegen Menschenrechte, Flucht, interna­tionaler Terrorismus, Pandemien wie AIDS, Drogenhandel und Naturkatastrophen Menschen genauso bedrohen wie bewaffnete Konflikte. Sie vergleichen in ihrer Studie deshalb sechs Bereiche, die auch der Human Development Report des UNDP für Sicherheit heranzieht:
– Wirtschaft,
– Nahrungsmittel,
– Gesundheit,
– Umwelt,
– Person und Gesellschaft sowie
– Politik.

Aus jedem Bereich wählten die INEF-Autoren zwei Indikatoren, von denen ihr „Human Insecurity Index“ abgeleitet ist:
– Im Bereich Wirtschaft stützt der Report sich auf Angaben der Weltbank zum nach Kaufkraft bereinigten Bruttoinlandsprodukt sowie auf den Bertelsmann Transformation Index, der soziale Sicherheitsnetze mit Chancengleichheit verrechnet.
– Als Indikatoren im Bereich Nahrung ­dienen WHO-Zahlen über unterernährte Kleinkinder sowie Prozentangaben der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAOSTAT) zur Unterernährung.
– Im Bereich Gesundheit dienen als Indikator Krankenzahlen der WHO sowie die Kindersterblichkeitsrate aus der Internationalen Datenbank des United States Census Bureau.
– Im Bereich Umwelt übernimmt der Report den Anteil der Katastrophenopfer an der Bevölkerung laut WHO-Datenbank EMDA sowie den Anteil der Einwohner mit Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen, laut UNICEF/WHO- Monitoring 2006.
– Indikatoren über persönliche und gesellschaftliche Unsicherheit ergeben sich aus der Zahl von Hilfsempfängern des UNHCR sowie aus dem Political Terror Scale von US-Außenministerium und Amnesty International.
– Im Bereich Politik stützt der Report sich auf fünf Kategorien der Cingranelli-Richards Datensammlung (CIRI) über Menschenrechte (Verschollene, Hinrichtungen ohne Justizverfahren, politische Gefangene, Folteropfer, Ermordete) sowie auf den Index von Reporter ohne Grenzen.

Die Wissenschaftler aus Duisburg empfehlen, den Begriff Sicherheit nicht positiv zu definieren – sondern lieber zu messen, welche Faktoren das Leben in allen sechs Bereichen „anfällig“ für Unglück machen. Politische Gefahren sind ihres Erachtens für asiatische Länder typisch; gesundheitliche Gefahren eher für Afrika. Wirtschaftliche Unsicherheit wird als Hauptproblem beschrieben, das über alle Kontinente hinwegreicht – auch weil es mit Gesundheit und Nahrung eng zusammenhängt. Insgesamt ist laut INEF-Report die Sicherheit in 59 Prozent aller Staaten beeinträchtigt. Laut Statistik am sichersten leben Skandinavier.

Sicherheit hat viele Facetten

Zur Sicherheit von Menschen zählt erstens die Abwesenheit von Hunger, Krankheit oder Unterdrückung – zweitens aber auch der Schutz vor plötzlichem Unglück. Dieser Definition des HDR (1994) schließen sich die INEF-Autoren an: „Letztlich ist humane Sicherheit ein Kind, das nicht starb, eine Krankheit, die sich nicht verbreitete, ein Job, der nicht wegfiel, ein ethnischer Konflikt, der nicht in Gewalt ausartete, ein Dissident, den man nicht stillstellte. Sicherheit ist kein Problem mit Waffen – sie dreht sich um unser Leben und die Menschenwürde.“ Trotz internationaler Debatte ist diese breite Auffassung von Sicherheit umstritten, räumen die Autoren ein. Menschliche Unsicherheit sei empirisch bedingt, wurzelt in unseren kulturell gewachsenen Gefühlen und ist somit nicht wirklich erfassbar. Strittig ist auch die exklusive Rolle des Staates als souveränem Garant für Sicherheit. Studien belegen zudem, dass in heutigen Konflikten weniger Menschen durch Waffen sterben, als an gleichzeitigen Seuchen und Hungersnöten.

In afrikanischen Ländern südlich der Sahara sank die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren sogar in Kriegszeiten. Zu diesem überraschenden Ergebnis kam 2010 die Studie „The Shrinking Costs of War“ des Human Security Report Projects aus Vancouver. Die Forscher aus verschiedenen Ländern untersuchten dabei in 18 Staaten, die zwischen 1970 und 2007 von Kriegen heimgesucht waren, die Sterblichkeit von Kleinkindern. Sie sank in 14 Ländern erstaunlicherweise auch während des Gewaltkonflikts. Fazit auch dieser Studie: Sicherheit hat mehrere, unabhängige Facetten.

Die internationale Debatte nähert sich zunehmend einem Begriff humaner Sicherheit, der weder zu breit noch zu eng scheint. So spricht die Bundesregierung von „vernetzter Sicherheit“. Ähnlich umfassend argumentiert die EU-Kommission: „Unsere Strategie heute ist es, Friedensdividenden zu zahlen: Wir fördern Lokal­verwaltungen, die Frieden und Stabilität anstreben und die Grundversorgung der Bevölkerung sicherstellen“, erklärte EU-Kommissar Andris ­Piebalgs in einem E+Z/D+C-Interview (Ausgabe 2011/7–8, S. 303 f.). Bei EU-Entscheidungen über finanzielle und technische ­Zusammenarbeit und humanitäre Hilfe in armen Ländern ist Sicherheit, die über Waffenruhe hinausgeht, ein zentrales Argument geworden.

Bei einem Treffen mit dem Entwicklungsausschuss des Europäischen Parlaments stellte Piebalgs im Juli sogar eine weitere EU-Partnerschaft mit AKP-Staaten nach 2020 in Frage, wenn Sicherheit für Menschen darin keine Rolle spielt. Die afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten müssten Kritik an mancher Regierungsführung und an Verletzungen der Menschenrechte ernster nehmen. Auch Hilfsorganisationen sind indes auf Sicherheit angewiesen.

Schutz für Nothelfer

Im Süden Somalias, wo die Vereinten Na­tionen in mehreren Gebieten eine Hungersnot ausgerufen haben, befürchten die EU und internationale Hilfsorganisationen zurzeit, dass die öffentliche Lage trotz Befreiung der Hauptstadt Mogadischu sich verschlechtert. World Vision ist in einigen betroffenen Regionen seit Jahren aktiv. Das Kinderhilfswerk fordert, dass die internationale Gemeinschaft ihre Helfer vor bewaffneten Gruppen stärker beschützt – vor allem im Süden Somalias. „Gerade in den besonders gefährlichen Teilen Somalias leben die, die Hilfe am nötigsten haben, da­runter viele Kinder. Aber weil wir diese ­Gebiete aus Sicherheitsgründen nicht erreichen können, sind wir außer Stande, die Familien zu unterstützen“, erklärt der Regionaldirektor von World Vision für Ostafrika, Charles Owubah.

Peter Hauff