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Modebranche

Alle Konsumenten sind ­verantwortlich

von Floreana Miesen

In Kürze

FEMNET e.V., 2016: Die moderne Form der Sklaverei in indischen Spinnereien.

FEMNET e.V., 2016: Die moderne Form der Sklaverei in indischen Spinnereien.

Indiens Textilindustrie hat eine lange Geschichte und ist der zweitgrößte Arbeitgeber im Land. Die Arbeitsbedingungen bleiben jedoch ausbeuterisch. Zivilgesellschaftliche Organisationen fordern mehr Transparenz in der Lieferkette und wollen Verbraucher mobilisieren, mehr Druck für bessere Produktionsstandards auszuüben.

Indiens Erfolg in der Textilindustrie basiert auf einem Produktionssystem, das kostengünstig und hochflexibel ist. Es kann schnell auf plötzliche Veränderungen in der Modebranche reagieren, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie der deutschen feministischen Initiative FEMNET erklärt. Indiens Wirtschaft ist durch einen hohen Anteil an nicht registrierten, informellen Unternehmen gekennzeichnet. Wie die Studie bemängelt, unterstützt die Regierung diese kleinen und mittleren Unternehmen ohne explizite Anforderungen in Bezug auf Sozial- und Umweltstandards.

Kritiker weisen darauf hin, dass insbesondere im südlichen Indien junge Mädchen in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen in Spinnereien arbeiten. Ein Lagerarbeitssystem lockt Jugendliche aus armen Verhältnissen in die Spinnereien. Das System ist traditionell als „Sumangali“ bekannt. Das Wort bedeutet „glückliche Braut“ in Tamil. Die Mädchen arbeiten in ausbeuterischen Bedingungen für drei Jahre und erhalten schließlich eine Summe, die als ihre Mitgift dienen soll. Die jungen Mädchen müssen für einen Hungerlohn Schichtarbeit leisten und in überfüllten und schlecht ausgestatteten Baracken schlafen, berichtet die FEMNET-Studie.

Die Landesregierung von Tamil Nadu räumt ein, dass es Unfälle gibt – manchmal auch tödliche. Die Hauptursache ist Erschöpfung. Allerdings kann es auch an mangelhafter Berufsausbildung liegen. Viyakula Mary von Social Awareness & Voluntary Education (SAVE), einer indischen NGO, sagt, viele Mädchen seien mit der Bedienung der Maschinen nicht vertraut, sodass leicht Unfälle passierten. Auch Selbstmord, sexueller Missbrauch und Mord seien in den Spinnereien üblich, berichtet Mary. Die jungen Arbeiterinnen dürften keinen Kontakt zu ihren Familien haben. Viele litten unter psychischem Stress und Krankheiten. Zudem erhielten die meisten Mädchen nie einen Beschäftigungsnachweis, so dass sie nicht vor Gericht gehen könnten, um ihre Rechte einzuklagen. Sollten sie die Fabrik verlassen, bevor die drei Jahre vorbei sind, gehen sie mit leeren Händen nach Hause, berichtet FEMNET.

Es gibt Gesetze, die – richtig eingesetzt – die Mädchen retten könnten, sagt Anibel Ferus-Comelo, Autorin der FEMNET-Studie und Aktivistin bei Civil Initiatives for Development and Peace (CIVIDEP), einer weiteren indischen NGO. Medienberichte und öffentliche Aufklärungskampagnen haben in den vergangenen Jahren zu Gesetzen und Verordnungen der Regierung geführt, die den informellen Sektor formalisieren sollen. Allerdings sind die Gesetze ungeschickt formuliert, sodass gefährdete Gruppen noch immer unter wirtschaftlicher und physischer Ausbeutung leiden. Ferus-Comelo fordert eine Beschäftigungsnachweispflicht durch die Produzenten und die Beförderung von Frauen in leitende Positionen sowohl in den Fabriken als auch in den Schlafbaracken.

In der Modebranche können Verbraucher potenziell großen Druck ausüben. Die miserablen Arbeitsbedingungen, vor allem in Nähereien, rücken immer wieder in das öffentliche Bewusstsein. Katastrophen wie der Einsturz einer Fabrik in Sabhar, Bangladesch, erregten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für kurze Zeit, beeinflussten die Politik langfristig aber kaum. Das sagte Frederike Boll von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) kürzlich auf einer von FES und FEMNET organisierten Konferenz in Bonn. Sie besteht darauf, dass die gesamte Lieferkette berücksichtigt werden müsse.

Einen Verbesserungsansatz bieten Labels, die bessere Sozial- oder Umweltstandards zertifizieren. Es gebe jedoch bislang kein Label, das wirklich die gesamte Wertschöpfungskette umfasse, bemerkt Gisela Burckhardt von FEMNET.

NGOs schätzen den „modern slavery act“ Großbritanniens, der im vergangenen Jahr verabschiedet wurde. Er verpflichtet Unternehmen, ihre Produktionskette transparent zu machen. Studienautorin Ferus-Comelo würde ähnliche Gesetze auch in anderen Ländern begrüßen. „Soziale Verantwortung muss zum Mainstream in Unternehmen werden“, sagt sie. Modefirmen zu boykottieren sei aus ihrer Sicht nicht der richtige Weg. Schließlich bräuchten arme Menschen eine anständige Beschäftigung und Unternehmen erfahrene, gesunde Arbeitnehmer. Die Sumangali-Lager könnten nur in einem Multi-Stakeholder-Ansatz überwunden werden, zusammen mit Verbrauchern, Unternehmen und den Arbeitnehmern selbst, meint sie.

Floreana Miesen


Link
FEMNET e.V., 2016: Die moderne Form der Sklaverei in indischen Spinnereien:
http://www.femnet-ev.de/images/downloads/sumangali/Studie-Moderne-Sklaverei_2016.pdf

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