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Wälder

Hoher Einsatz

von Korinna Horta
Women and indigenous peoples will be most affected by REDD+: Yanomami camp in Venezuela

Women and indigenous peoples will be most affected by REDD+: Yanomami camp in Venezuela

Während sich die UN-Klimaverhandlungen von Gipfel zu Gipfel schleppen, zeichnet sich Konsens zwischen Entwicklungsländern und Industrienationen über Wald­angelegenheiten ab. Wie der einschlägige Finanzmechanismus genau aussehen soll, bleibt aber umstritten. Von Korinna Horta

Das Kürzel REDD wurde beim Klimagipfel in Bali 2007 geprägt und steht für „Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation“. Heute ist REDD+ gebräuchlicher und bezeichnet eine der am besten finanzierten Initiativen zur Begrenzung des Klimawandels. Obwohl viele Parteien sie unterstützen, herrscht weiter Dissens darüber, wie sie verwirklicht werden soll.

Worum geht es genau? Die Zerstörung von tropischen Wäldern trägt jährlich etwa 15 bis 20 Prozent zu den von Menschen verursachten Treibhausgasemis­sionen bei. Die Leitidee ist, Länder zu belohnen, wenn sie ihre Entwaldungsrate senken. So kann der Klimawandel kostengünstig und schnell angegangen werden. Forstmanagement zu verbessern mag eine komplexe Aufgabe sein, sie ist aber leichter zu bewerkstelligen als die Transformation ganzer Volkswirtschaften, die fossile Brennstoffe brauchen.

Das „+“ in REDD+ steht dafür, dass auch Länder Geld bekommen sollen, die Entwaldung von vornhe­rein verhindern. Andernfalls würden perverse Anreize gesetzt – denn am stärksten profitieren könnten Länder mit besonders hohen Entwaldungsraten. REDD+ soll obendrein die Ausweitung von Forstgebieten belohnen („Stärkung der CO2-Speicher“). In jedem Fall sollte ein globales REDD+-System zu deutlich geringeren Emissionen führen.

Es geht um sehr viel Geld. Schätzungen zufolge würde die Halbierung der heutigen Entwaldungsraten jährlich rund 30 Milliarden Dollar kosten.

Die Staatengemeinschaft hat sich noch nicht auf ein Finanzierungssystem geeinigt. Angesichts knapper öffentlicher Haushalte in reichen Nationen halten viele Regierungen die Einrichtung von „Forest Carbon Markets“ für vielversprechend. Bisher gibt es nur ­einen relativ geringen und weitgehend ungeregelten Handel mit CO2-Emissionen, bei dem Länder oder Firmen Zertifikate für eingesparte Klimagase verkaufen. Die Käufer können mit dem Erwerb solcher Zertifikate Reduktionspflichten erfüllen.

Um einen viel größeren Markt für REDD+-Zertifikate zu schaffen, müssen die multilateralen Gespräche zwei Dinge leisten. Sie müssen
– klare Reduktionspflichten definieren und
– ein internationales Deckelungs- und Handelssystem etablieren.

Wie das gehen soll, ist umstritten. Das privatwirtschaftliche Munden Project hat sich auf Rohstoff- und Derivatehandel spezialisiert und 2011 eine Studie zum Thema veröffentlicht. Diesem Dokument zufolge muss REDD+ mehr bedeuten, als Wälder als Handelsgut zu verstehen und mit entsprechenden derivativen Wertpapieren zu handeln. Davon könnten zwar Händler und Finanzfirmen profitieren, die Entwicklungsziele von REDD+ würden aber nicht erreicht. Die Studie urteilt, dass der Emissionshandel unmittelbar auf basisnahem Forstmanagement aufbauen muss, weil dies der beste Weg ist, Entwicklung zu fördern und den Treibhauseffekt zu begrenzen.

Bisher haben vor allem staatliche Stellen auf bi- und multilateralen Wegen REDD-Programme finanziert. Für die Periode 2010 bis 2012 wurden dafür beachtliche 8 Milliarden Dollar zugesagt.

Vielfache Vorteile

Die Geberregierungen, die REDD+ befürworten, betonen gern, dass das Konzept nicht nur dem Klimaschutz dient, sondern auch andere positive Effekte hat – vor allem den Schutz der Biodiversität und die Steigerung ländlicher Einkommen. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) argumentiert so.

Leider muss der Optimismus gedämpft werden. Es gibt ernste, ungelöste Schwierigkeiten (siehe Kasten). Dabei geht es um wissenschaftlich ungeklärte Fragen, technische Aspekte und politisch heikle Dinge wie die Organisation der Forstverwaltung und Landrechte. Die beiden letzten Punkte sind besonders wichtig, denn sie betreffen direkt die politische Ökonomie vieler tropischer Länder.

Bisher haben außer Brasilien nur wenige Länder die Kapazitäten, um Entwaldungsraten präzise zu erfassen. Die meisten tropischen Staaten führen keine zuverlässigen Statistiken, und viele haben nicht einmal kompetente Behörden, welche die nötigen Daten liefern könnten. Satellitenobservation ist nützlich – vor allem, wenn sie die dichte Wolkendecke durchdringt, die tropische Wälder typischerweise bedeckt. Dennoch reichen Satellitenbilder nicht. Sie müssen durch Recherchen vor Ort bestätigt werden. Die wissenschaftlichen Grundlagen zur Messung des Substanzverlusts von Wäldern („Degradation“) sind zudem umstritten.

Erschwerend kommt hinzu, dass vermiedene Forst­emissionen ein hypothetisches Konstrukt sind. Ihr Wert lässt sich nur mit komplizierten Messungen und Berechnungen abschätzen. Entsprechend ergeben sich Chancen zur Datenmanipulation und Korruption. Im Spiel sind potenziell Milliarden von Dollar, und Interpol kennt bereits die Kategorie „CO2-Ver­brechen“ (Global Witness 2011).

Soziopolitische Aspekte

Es gibt also beachtliche Risiken, dass REDD+ nicht echte Emissionsreduzierungen belohnt. Pragmatischeres Vorgehen wäre sinnvoll. Es muss erfasst werden, ob soziale und ökologische Standards eingehalten werden und ob Reformen im Forstsektor greifen.

Es ist nötig, die Kräfte zu benennen, die bisher die Entwaldung vorantreiben. Es geht unter anderem um die internationale Nachfrage nach Holz, Rindfleisch, Papier, Palmöl und agrarischen Treibstoffen. Fragen des Eigentums an Boden und Ressourcen müssen geklärt werden. Die Rolle von indigenen Völkern und anderen Gemeinschaften, die traditionell vom Wald abhängen, muss anerkannt werden. Zudem sind transparente Systeme nötig, um REDD+-Einnahmen fair zu verteilen.

Wenn die Ursachen der Entwaldung nicht angegangen werden, kann REDD+ nicht viel bewirken – egal, wie viel Geld bereitgestellt wird. Es geht oft um mächtige Interessen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Platz für große Plantagen oder Bergbau geschaffen wird. Die Holzwirtschaft ist in ihren formalen, aber auch illegalen Ausprägungen ebenfalls relevant. Eine aktuelle Weltbank-Studie schätzt den Marktwert von illegal geschlagenem Holz weltweit auf 10 bis 15 Milliarden Dollar jährlich (Gonçalves 2012).

Bisher weist in den REDD+-Verhandlungen wenig darauf hin, dass internationale Konsumgewohnheiten im Rahmen einer kohärenten Waldschutzstrategie angegangen werden würden. Es besteht zwar Konsens, dass die destruktiven Kräfte gestoppt werden müssen, aber der politische Wille, die Praxis wirklich zu ändern, ist bislang nicht zu erkennen.

Statt an die Wurzel des Problems zu gehen, machen manche Regierungen sogar Kleinbauern und ihre traditionelle Landwirtschaft für die Entwaldung verantwortlich. Das ist zum Beispiel in Thailand so. Dabei dokumentiert eine Studie, die örtliche Bürger­initiativen mit Unterstützung von Oxfam publiziert haben, dass die traditionellen Forst- und Agrarpraktiken sogar dazu beitragen, CO2 zu binden, und zugleich Ernährungssicherheit und Einkommen sichern (Nor­thern Development Foundation et al. 2011).

Die Gefahr ist groß, dass die Mächtigen und Reichen die Wälder zunehmend als lukrative CO2-Speicher sehen und sich die relevanten Ressourcen an­eignen. Land grabbing, Enteignung und Vertreibung sind wahrscheinlich – und gefährden den Zugang indigener Völker und anderer traditioneller Gemeinschaften zu lebenswichtigen Ressourcen. In Peru hat ein Dachverband indigener Organisationen im Dezember 2011 Alarm geschlagen. Demzufolge erkennt die Regierung 20 Millionen Hektar von indigenem Land in der Amazonas­region nicht als solches an und merkt einige Gegenden davon sogar für REDD-Zwecke vor, was den Zugang der traditionellen Eigentümer wesentlich einschränken dürfte (Llanos und Feather 2012).

Fachleute schätzen, dass der Lebensunterhalt von rund 1,6 Milliarden Menschen ganz oder teilweise von Wäldern abhängt. Frauen und indigene Völker sind besonders betroffen. Die UN warnten kürzlich, REDD+ werde bestehende Ungleichheiten verschärfen, wenn Frauen nicht stärker an Entscheidungen beteiligt werden, weil sie besonders auf Forstressourcen angewiesen sind.

Freie, vorherige und informierte Zustimmung

Das Menschenrechtskonzept des BMZ aus dem vergangenen Jahr erkennt das Prinzip des „free prior and informed consent“ (FPIC) für indigene Völker und auch für andere lokale Gemeinschaften ausdrücklich an. Sie sollen freiwillig, vorher und auf Basis vollständiger Information Projekten zustimmen, die ihr Land betreffen. So legt dies auch die UN-Deklaration der Rechte Indigener Völker aus dem Jahr 2007 fest.

Dennoch steht nicht fest, dass ein weltweites REDD+-System dieses Recht respektieren wird. Die Forest Carbon Partnership Facility (FCPF) der Weltbank ist die führende multilaterale Institution auf diesem Feld. Deutschland ist ihr wichtigster Geldgeber. Die FCPF erkennt aber FPIC nicht im UN-Sinne an. Stattdessen hält sie sich an die Sozial- und Umweltstandards der Weltbank, die aber statt „consent“ nur „free prior and informed consultation“ nennen.

Wenn REDD+ ein zuverlässiges Instrument des Klimaschutzes werden soll, muss es auch soziopolitisch nachhaltig sein. Theoretisch sieht das auch die Forest Carbon Partnership Facility so. Es gibt aber keine Garantie dafür, dass sie in der Praxis auf den nötigen Forstreformen bestehen und die Eigentumsrechte traditioneller Gemeinschaften stärken wird.

Das Hauptverdienst von REDD+ ist bislang, den politischen Raum dafür geöffnet zu haben, Themen wie Forstverwaltung, Landrechte, Korruption und die Rechte indigener Gemeinschaften anzugehen. Auf der Tagesordnung stehen komplexe politische und gesellschaftliche Herausforderungen. Ihnen muss auf faire Weise und effektiv begegnet werden – sonst wird REDD+ weder zum Klimaschutz beitragen noch die gewünschten Nebeneffekte von Artenschutz und verbesserten Lebensbedingungen erreichen.