Entwicklung und
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Westafrika

Senegal: Stabiler Anker in turbulenter Nachbarschaft

Senegal hat in letzter Zeit bewiesen, dass Demokratie und gesellschaftliche Stabilität auch in einer volatilen Region florieren können. Einblicke in die politische Landschaft, die nationale Sicherheit und die Zivilgesellschaft zeigen, was Senegal im Vergleich zu seinen Nachbarn anders macht – und wie das Land als Vorbild dienen kann.
Straßenmärkte in Senegal sind riesig und kaum reguliert: Die jungen Wähler*innen der neuen Regierung sind vor allem im informellen Sektor tätig. Jannis Düngemann
Straßenmärkte in Senegal sind riesig und kaum reguliert: Die jungen Wähler*innen der neuen Regierung sind vor allem im informellen Sektor tätig.

Die Sicherheitslage im Umfeld Senegals ist seit einiger Zeit äußerst angespannt. Im östlich angrenzenden Mali kontrollieren dschihadistische Gruppen große Teile des Landes. Das nördlich gelegene Mauretanien ist zwar stabiler, seine Wüste gilt jedoch als Transferzone für die in Mali ansässigen Gruppen. In südlicher Richtung liegen Liberia und Guinea, die durch internationalen Drogenhandel und vergangene Bürgerkriege destabilisiert sind. Weiter östlich gelegene Länder wie Burkina Faso und Nigeria sind ebenfalls stark destabilisiert aufgrund von Konflikten zwischen extremistischen Gruppen untereinander und mit den jeweiligen Regierungen. 

Demokratisch gewählte Regierungen sind in der Region selten. Seit 2020 gab es mehrere aufeinanderfolgende Putsche: zwei in Mali 2020, in Guinea und Sudan 2021, zwei in Burkina Faso 2022 und in Niger und Gabun im Jahr 2023.

Saliou Ngom, Oberst der senegalesischen Armee und Vizepräsident der Kommission für Militärgeschichte, sieht diese angespannte Nachbarschaft als größte Bedrohung für die nationale Sicherheit Senegals. Aktuell liege der Fokus der Streitkräfte vor allem auf der Grenzsicherung. Doch Senegal sichert sein Territorium nicht nur an der eigenen Grenze, sondern auch global, was sich vor allem in der hohen Beteiligung an internationalen Missionen zeigt. Im vergangenen Jahr rangierte das Land auf Platz 14 der weltweiten UN-Truppensteller. Ngom hält die internationale Kooperation für sinnvoll. Er ist der Meinung, Terrorismus lasse sich nicht allein bekämpfen.

Dass Senegal über die Kapazitäten verfügt, im Ausland gegen den Terror zu kämpfen, impliziert eine relativ stabile innere Gesellschaft, die deutlich weniger durch Extremismus gefährdet ist als in anderen Staaten. Doch was unterscheidet das Land in dieser Hinsicht von seinen Nachbarn?

Die starke Zivilgesellschaft und die „intellektuelle Armee“

Senegal hat eine starke Zivilgesellschaft, die religiös vor allem durch die Sufi-Orden geprägt ist. Diese islamischen Orden sind Zusammenschlüsse von Gläubigen, die oft durch Netzwerke verbunden und in der Gesellschaft durch Beteiligung an Bildung und Wirtschaft aktiv sind. Führer der jeweiligen Orden nehmen bei Konflikten meist zentrale Vermittlerrollen ein. Über 95 % der Bevölkerung folgt dieser zwar konservativen, aber gleichzeitig sehr toleranten Auslegung des Islams. Weil die Sufi-Orden die Gesellschaft dominieren, konnte der Dschihadismus bisher kaum Fuß fassen.

Auf die Frage, was Senegal von seinen Nachbarländern unterscheidet, betont Oberst Ngom vor allem die Ausbildung der Soldat*innen: „Die senegalesische Armee ist eine intellektuelle Armee. Wir kommen alle von Universitäten, Militärschulen und internationalen Missionen.“ In der Aus- und Weiterbildung werde besonderer Wert auf Gewaltenteilung und Neutralität gelegt. Das Prinzip der „Armée-Nation“, der Streitkräfte als Diener des Landes, geht auf den ersten Präsidenten Léopold Sédar Senghor zurück und prägt bis heute die Selbstwahrnehmung des Militärs. Laut Ngom unterstützt das senegalesische Militär in erster Linie die demokratischen Institutionen und kommt gänzlich ohne eigenen Machtanspruch aus. 

Das Wahljahr 2024 – Bewährungsprobe für Institutionen

Die Stabilität des Landes bewährte sich bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2024. Der damalige, langjährige Präsident Macky Sall kündigte weniger als drei Wochen vor den Präsidentschaftswahlen ihre Verschiebung auf unbestimmte Zeit an. Sall begründete dies mit Streitigkeiten über den Wahlprozess. Dieser Schritt wurde von der Zivilgesellschaft und internationalen Beobachtenden als Versuch gewertet, Salls Amtszeit über das verfassungsmäßige Ende hinaus zu verlängern.

In einem für Westafrika bis dahin historisch beispiellosen Urteil erklärte der senegalesische Verfassungsrat die Entscheidung des Präsidenten jedoch für verfassungswidrig und zwang die Exekutive zur Festlegung eines neuen Wahltermins. Der darauffolgende Erdrutschsieg des bis kurz vor der Wahl inhaftierten Oppositionsführers Bassirou Diomaye Faye betonte den Wählerwunsch nach einem Paradigmenwechsel in der senegalesischen Politik. Denn die neue Administration warb im Wahlkampf mit einer linksgerichteten, panafrikanischen und auf Souveränität ausgerichteten Agenda.

Barcelona oder der Tod

„Souveränität“ ist laut Oberst Ngom auch die Bezeichnung einer aktuellen Marineoperation der senegalesischen Streitkräfte. Denn ein großes Problem für Senegal und andere Küstenstaaten in Westafrika ist die Ausbeutung der Gewässer durch die internationale Hochseefischerei, insbesondere durch europäische, russische und chinesische Fischereiflotten. Diese Flotten, die teils durchaus legal auf Basis offizieller Partnerschaftsabkommen, oft aber auch verschleiert und meistens hochgradig umweltschädlich agieren, dezimieren die Fischbestände und zerstören sowohl die lokale Fischerei als auch komplette Ökosysteme.

Mehr als die Hälfte der Fischpopulationen Senegals stehen vor dem Kollaps; ökologische Kettenreaktionen drohen. Die Preise für Fisch sind im Land raketenhaft angestiegen; die Kosten für eine Kiste Sardinen haben sich teilweise verzehnfacht. In Senegal werden 70 % des tierischen Eiweißbedarfs durch Fisch abgedeckt. Ebenso bedeutend sind die Arbeitsplätze: Rund 2 Millionen Menschen arbeiten direkt oder indirekt im Fischereigewerbe. Die Folgen für die Ernährungs- und Einkommenssicherheit in Senegal sind daher gravierend und eine Hauptursache für illegale Migration nach Europa. In den Fischerdörfern ist das Motto „Barça ou Barsakh“ – (Migration nach) Barcelona oder der Tod – allgegenwärtig.

Bei der Bekämpfung der negativen Konsequenzen der Überfischung hat die neue Regierung ebenfalls eine Kehrtwende gegenüber der vorigen vollzogen und weitreichende Reformen durchgesetzt. Darunter fällt die Offenlegung aller vergebenen Fischereilizenzen und die verstärkte Überwachung der eigenen Wirtschaftszone durch die Marine. Gleichzeitig lief im November 2024 ein Fischereiabkommen mit der EU aus, das von beiden Seiten als unvorteilhaft angesehen wurde. Senegal warf den europäischen Fangflotten vor, ein Vielfaches der erlaubten Menge zu entnehmen, während die EU bemängelte, Senegal gehe nicht entschlossen genug gegen illegale und unregulierte Fischerei, vor allem durch asiatische Trawler, vor. 

Frankreich als „Bad Guy“

Echte Souveränität ist nicht nur in den eigenen Gewässern ein zentrales Anliegen für die neue Regierung. Senegal blickt auf eine lange und grausame Kolonialzeit zurück. Die französische Kolonialisierung Senegals begann im 17. Jahrhundert mit der Errichtung von Küstenstützpunkten, die primär dem Sklavenhandel dienten. Bis auf die Ausnahme weniger Stadtgebiete unterlag der Großteil der Bevölkerung bis zur Unabhängigkeit 1960 strenger kolonialer Unterdrückung. 

Als Vizepräsident der Militärkommission für Geschichte beschäftigt sich Oberst Ngom besonders mit den Verbrechen der französischen Kolonialmacht während des Zweiten Weltkriegs. „Ich fokussiere mich immer auf Frankreich, nicht auf andere europäische Länder. Frankreich ist der Bad Guy“, sagt er. Auch nach der offiziellen Unabhängigkeit im Jahr 1960 blieb Senegal durch französische postkoloniale Machtstrukturen stark beeinflusst. „Wir waren nie unabhängig“, sagt Ngom. „Jetzt wollen wir es werden.“ 

Tatsächlich hat Frankreich seinen Einfluss in Senegal durch eine Politik der engen Bindung aufrechterhalten. Frankreich behielt Militärbasen im Land und griff bei Bedarf ein. Das französische Modell prägte Verwaltung und Justiz. Wirtschaftlich manifestiert sich dieser Einfluss bis heute vor allem durch den an den Euro gekoppelten CFA-Franc als Währung sowie durch die Präsenz französischer Konzerne in Schlüsselsektoren wie Telekommunikation, Bau und Infrastruktur. 

Die Wahl der Faye-Regierung war eine klare Absage an die französische Einflusspolitik – mit direkten Konsequenzen. Im vergangenen Jahr zog Frankreich die letzten französischen Soldat*innen aus dem Land ab.

Bei der Frage, ob Senegal sich in Zukunft wie viele Nachbarstaaten Akteuren wie Russland und China zuwenden könnte, möchte sich Ngom nicht festlegen. Er betont jedoch die eigenständige Entscheidung über internationale Kooperation: „Wir haben die Freiheit zu sagen: Das ist unser Partner. Wir können unsere Partner selbst wählen. Besonders mit der neuen Administration im Land steht Souveränität an erster Stelle.“

Große Ambitionen, große Hindernisse

Diese ambitionierte Version nationaler Souveränität stößt jedoch auf massive strukturelle und finanzielle Hindernisse. Während die Regierung die Kontrolle über Rohstoffe zurückgewinnen und die Abhängigkeit vom Ausland verringern will, wird ihr Spielraum durch eine hohe Schuldenlast der Vorgängerregierung (die diese nicht offengelegt hatte), den Druck internationaler Geldgeber und die Abhängigkeit von multinationalen Abkommen stark eingeschränkt. Auch Korruption ist in vielen Bereichen weiter äußerst verbreitet und ein Hindernis für fairen Wettbewerb, Planungssicherheit und unabhängige Ämter.

Wirtschaftlich stagniert das Land vor allem aufgrund einer mangelnden Industrialisierung: Senegal exportiert billige Rohstoffe und importiert teure Fertigwaren sowie Grundnahrungsmittel, was das Land anfällig für globale Preisschocks macht. Hinzu kommen hohe Energiekosten und ein riesiger informeller Sektor, der kaum Steuereinnahmen generiert. 

Trotz alledem befindet sich das Land in einem politischen Aufbruch und zeigt vielversprechendes Potenzial, eine Musterrolle afrikanischer Souveränität einzunehmen. Der Erwartungsdruck insbesondere der jungen Bevölkerung, die primär für Faye gestimmt hat, ist riesig. 

Jannis Düngemann ist Politikwissenschaftler und freier Autor mit Fokus auf internationale Themen. 
jannisduengemann@yahoo.de 

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