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Deutsch-Afrikanische Jugendinitiative

„Wer gereist ist, hat mehr zu erzählen“

von Martial De-Paul Ikounga, Eva-Maria Verfürth

Hintergrund

Prominenz beim Start der DAJ im Juni in Bonn: Gerd Müller, der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (links) und AU-Kommissar Martial De-Paul Ikounga (Mitte).

Prominenz beim Start der DAJ im Juni in Bonn: Gerd Müller, der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (links) und AU-Kommissar Martial De-Paul Ikounga (Mitte).

Internationale Kooperation und Völkerverständigung beginnen im Kleinen. Mit der Deutsch-Afrikanischen Jugendinitiative haben die Bundesregierung und die Afrikanische Union in diesem Jahr ein neues Austauschprogramm ins Leben gerufen. Martial De-Paul Ikounga, Kommissar für Personalwesen, Wissenschaft und Technologie bei der Afrikanischen Union, erklärt, was Jugendaustausch bewirken kann.

Die Deutsch-Afrikanische Jugendinitiative (DAJ) soll Jugendlichen aus Deutschland und aus afrikanischen Ländern einen Aufenthalt auf dem jeweils anderen Kontinent ermöglichen. Wie können afrikanische Gesellschaften davon profitieren?
Es gibt bei uns ein Sprichwort, das lautet: „Wer gereist ist, hat mehr zu erzählen.“ Wer sich nie aus seinem Umfeld herausbewegt hat, der hat nicht viel zu erzählen, denn bei uns sind die Dörfer klein. Wer aber gereist ist, bringt neue Erfahrungen mit – er hat Dinge entdeckt und neue Menschen kennengelernt. Die afrikanischen Gesellschaften wissen das zu schätzen, was sich auch daran zeigt, dass wir dieses Sprichwort haben. Junge Leute müssen sich bewegen können. Aber nur wer zurückkommt, kann auch von seinen Erlebnissen berichten. Wer für immer fortgeht, bringt der Gesellschaft nichts. So sieht es jedenfalls die afrikanische Kultur.

Sie spielen auf junge Afrikaner an, die nach Europa auswandern und nicht in ihre Heimat zurückkehren.
Als ich jung war, hat sich die Frage der Migration noch nicht so gestellt wie heute. Studenten konnten im Ausland studieren und sind danach zurückgekehrt. Ich habe im Kongo die Schule besucht und in Europa – in Frankreich – mein Ingenieursstudium absolviert. Aber für mich war immer klar, dass ich danach in mein Land zurückgehe. Auch deshalb, weil mein Studium vom Staat finanziert wurde. In den letzten Jahrzehnten hat sich das verändert. Viele Menschen verlassen Afrika für immer. Die Köpfe zum Denken und die Arme zum Anpacken lassen sich woanders nieder. Wenn jemand dauerhaft auswandert, dann ist das für uns ein großer Verlust.

Wieso hat sich das verändert?
Dafür sind unter anderem die afrikanischen Staaten selbst verantwortlich. Sie sorgen nicht dafür, dass die Leute Perspektiven haben, wenn sie zurückkommen. Sie schicken jemanden nach Europa, um eine Ausbildung zu machen, etwa zum Bäcker – aber wenn er dann in sein Land zurückkehrt, will niemand sein Brot essen. Also wird er wieder weggehen. Dabei hätte er seinen Landsleuten zeigen können, was er gelernt hat, und somit Kompetenzen und Fähigkeiten im Land aufbauen können. Das ist ein großer Verlust. Wer junge Leute zum Studium ins Ausland schickt, muss auch dafür sorgen, dass sie bei ihrer Rückkehr ihren erlernten Beruf ausüben können.

Was soll die DAJ in diesem Zusammenhang verändern?
Der Austausch soll vor allem Barrieren abbauen. Man kann viel lesen oder ins Kino gehen, um sich zu bilden. Aber es ist doch eine viel lebendigere Erfahrung, wenn mir eine junge Deutsche nach dem Austausch sagt: „Als ich nach Afrika gereist bin, hatte ich viele Vorurteile. Aber jetzt nicht mehr.“ Und das passiert ja auf beiden Seiten. Außerdem sollen die Jugendlichen durch den Austausch verstehen, dass sie zurückkommen und ihre Erfahrungen teilen müssen.

Auf der Eröffnungsveranstaltung der DAJ sagten Sie, dass die Initiative auch den inner-afrikanischen Austausch unterstütze. Wie meinen Sie das?
Es gibt überall Vorurteile, auch innerhalb unseres Kontinents, zum Beispiel über die jeweils anderen Sprachräume – die Anglophonen, die Frankophonen etcetera. Wenn ein Austausch unsere Vorurteile gegenüber Deutschland abbauen kann, muss es dann nicht auch mit unseren direkten Nachbarn möglich sein? Mit der Initiative setzen wir ein Zeichen: Lasst uns in Frieden miteinander leben.

In Europa hat es dieses Jahr ein Ereignis gegeben, bei dem sich die Bevölkerung explizit gegen mehr Austausch entschieden hat: Mit der Brexit-Entscheidung wollten sich viele Briten von Europa distanzieren. Gibt es innerhalb Afrikas ähnliche Tendenzen, oder ist hier der Wille zur Kooperation stärker?
Es gibt sicher auch solche Tendenzen. Da setzt man sich zusammen, um Kooperationen zu schmieden, und dann sagt eines der großen Länder: nein, ich mache nichts mit den anderen Ländern. Aber zusammen sind wir stärker; und meistens arbeitet man dann doch zusammen. Die Engländer haben ja sicher auch nicht vor, ihre Insel woandershin zu verlegen, um nicht mehr zu Europa zu gehören. Nein: Sie wollen doch in der Fußball-Europameisterschaft spielen, gegen die Deutschen und die Franzosen! Sie wollen sicher nicht alleine Fußball spielen. Und dafür müssen sie auch etwas zurückgeben. Sie werden nicht sagen, dass sie keine Europäer mehr sind.

Im Fall von Europa hat es bereits viel Zusammenarbeit gegeben, und dennoch scheinen sich nun viele Menschen mehr Abstand zu wünschen. Kann Annäherung auch Mauern aufbauen?
Die Engländer können nicht rückgängig machen, was die europäische Geschichte bereits gebracht hat. Ich denke da vor allem an das große Erasmus-Projekt. Dieser europaweite Studentenaustausch hat Europa verändert und ist vielleicht eine der größten Errungenschaften der EU. Ich gebe noch mal ein Beispiel aus unserer Sicht: Ein junger Freiwilliger aus Südafrika hat davon gesprochen, dass in Deutschland die Pünktlichkeit so wichtig ist. Sie bringt eine andere Art, das Leben zu strukturieren, und sie beeinflusst unter anderem, wie man Freundschaften pflegt. So etwas zu kennen, das unterscheidet die, die in anderen Ländern studiert haben. Das gilt auch für das Erasmus-Projekt. Es hat eine europäische Denkweise gebracht, trotz aller Schwierigkeiten, die es zwischen den Ländern geben mag. Die jungen Briten haben das bei der Brexit-Wahl gezeigt: Sie haben für den Zusammenhalt in Europa gewählt. Sie denken europäisch.

 

Martial De-Paul Ikounga ist Kommissar für Personalwesen, Wissenschaft und Technologie bei der Afrikanischen Union.
www.au.int

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