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Multidimensionale Krise

Weshalb wir Afghanistan nicht den Rücken kehren dürfen

von Ralph Achenbach

Meinung

Realität Deltavariante: Angehörige von Patienten stehen Schlange für aufgefüllte Sauerstoffflaschen.

Realität Deltavariante: Angehörige von Patienten stehen Schlange für aufgefüllte Sauerstoffflaschen.

Die Evakuierungsmission ist beendet und konnte ohnehin nur einen Bruchteil der Ortskräfte retten. Die Mehrheit der schutz- und hilfsbedürftigen Menschen kann Afghanistan nun nicht mehr verlassen. Sie bleiben in einem Land, das mehrere Krisen gleichzeitig erschüttern.

Von den 40 Millionen Menschen in Afghanistan sind heute mindestens 18,9 Millionen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das Welternährungsprogramm warnt vor einer Hungerkrise, da die Lebensmittel ausgehen. Die Dürre im Land, bedingt durch die Klimakrise, bedroht zahlreiche Existenzen. Die Deltavariante des Coronavirus ist auch am Hindukusch Realität. Gerade einmal 1,1 Prozent der Menschen sind vollständig gegen Covid-19 geimpft. Das ohnehin fragile  Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. Berichte aus Kabul machen deutlich, dass es zwar Krankenhäuser gibt, aber niemand mehr das Personal bezahlt. 

In dieser Situation bleibt die Sicherheitslage unklar. Wie sich eine neue Regierung künftig verhalten wird, ist offen. Die Vielzahl und Komplexität der Krisen in Afghanistan sind niederschmetternd, sollten aber als Weckruf dienen. 

Wie andere Hilfsorganisationen auch haben wir von International Rescue Committee (IRC) zugesagt, vor Ort zu bleiben. IRC leistet in Afghanistan seit 1988 humanitäre Hilfe. Um auch in Zeiten einer Vielfachkrise in Afghanistan arbeiten zu können und die Zivilbevölkerung zu unterstützen, brauchen humanitäre Organisationen jedoch weiterhin die Rückendeckung der internationalen Staatengemeinschaft – auch von der EU und Deutschland.
 

  • Langfristige Finanzierung sicherstellen: Wir begrüßen die Zusage der Bundesregierung über 100 Millionen Euro an Soforthilfe und weitere 500 Millionen Euro Hilfsmittel für Afghanistan. Für langfristig planbare Hilfe braucht es aber finanzielle Zusagen von Dauer. Wir fordern die Bundesregierung daher dazu auf, für die nächsten fünf Jahre je 200 Millionen Euro pro Jahr zuzusagen.
  • Diplomatische Möglichkeiten nutzen: Geld allein reicht nicht. Die Bundesregierung muss sich auf höchster diplomatischer Ebene dafür einsetzen, dass auch unter einer Taliban-Regierung die Menschen Hilfe bekommen, humanitäre Hilfsorganisationen arbeiten können und ihr Personal vor Ort agieren darf.
  • Lokale Kräfte stärken: 99 Prozent der Mitarbeitenden von IRC im Land sind Afghaninnen und Afghanen. Ihr Fachwissen und ihre Verbundenheit mit der lokalen Bevölkerung sind wichtiger denn je. Anstatt ausschließlich über große Organisationen wie die UN sollte Geld daher auch direkt an lokale Organisationen und die sogenannten „Frontline Responders“ ausgezahlt werden. Sie kennen die Bedürfnisse der Bevölkerung und die Situation vor Ort am besten.
  • Kinder und Frauen schützen: 75 Prozent der Menschen in Afghanistan, die Hilfe benötigen, sind Frauen und Kinder. Seit 1995 ist die Alphabetisierungsrate von Frauen um fast 70 Prozent gestiegen. Gerade ihnen droht der Zugang zu Bildung nun verwehrt zu werden. Die Bundesregierung muss Druck ausüben, damit die Grundrechte von Frauen gewährleistet werden. Neben dem Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung geht es besonders um das Recht auf Arbeit. Das betrifft auch Hilfsorganisationen: Wenn Frauen nicht arbeiten dürfen, können wir einen Großteil der Bevölkerung nicht erreichen.
  • Schutzbedürftige Personen aufnehmen: Es gibt besonders schutzbedürftige Menschen, die heute in Afghanistan nicht mehr sicher sind, unabhängig von der Hilfe vor Ort. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bekräftigt, dass „wir uns den Ortskräften verpflichtet fühlen“. Sie geht von bis zu 40 000 afghanischen Ortskräften und ihren Angehörigen aus, die auf Ausreise in die Bundesrepublik warteten. Die Bundesregierung sollte sich daher zusätzlich zum EU-Resettlement-Programm bereit erklären, mindestens 20 000 Plätze für schutzbedürftige Personen wie Frauen, Angehörige sexueller Minderheiten und Ortskräfte bereitzustellen.

Der afghanischen Zivilbevölkerung stehen dramatische Zeiten bevor. Es liegt nun auch an Deutschland, der EU und ihren internationalen Partnern, dass humanitäre Hilfsorganisationen die Menschen weiterhin mit lebensnotwendigen Hilfsgütern versorgen und in einer ungewissen Zukunft unterstützen können. Wir dürfen Afghanistan jetzt nicht den Rücken kehren.
 

Ralph Achenbach ist der Geschäftsführer von International Rescue Committee (IRC) Deutschland.
[email protected]
www.RESCUE-DE.org

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