Internationale Beziehungen
Afrika und Europa sollten Handel ins Zentrum ihrer Beziehungen rücken
In einer Zeit, in der die Europäische Union weitreichende Handelsabkommen mit dem Mercosur und Indien aushandelt, fällt auf, dass eine ähnlich mutige, zukunftsorientierte Vereinbarung mit Afrika bislang fehlt. Afrika hat die jüngste Bevölkerung der Welt, einige der am schnellsten wachsenden Märkte, verfügt über riesige Vorkommen an kritischen Mineralien, besitzt enormes landwirtschaftliches Potenzial und hat ein boomendes Agrartechnologie-Ökosystem. Dennoch bleibt es weitgehend in dem Muster gefangen, Rohstoffe zu exportieren und verarbeitete Lebensmittel sowie Betriebsmittel zu importieren. Dieses Ungleichgewicht verschärft die Wasser- und Ernährungsunsicherheit. Es ist aber keineswegs unumgänglich, sondern ließe sich durchaus ändern.
Und es steht viel auf dem Spiel. Afrikas Agrarexporte haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf 90 Milliarden Dollar im Jahr 2023 verdreifacht. Die Importe stiegen noch schneller, auf fast 120 Milliarden Dollar im Jahr 2023, und machen Afrika als Nettoimporteur von Lebensmitteln anfällig für globale Preisschocks. Während sich der innerafrikanische Agrarhandel zwischen 2003 und 2023 mehr als verdreifacht hat, auf 20 Milliarden Dollar, macht er immer noch weniger als ein Fünftel des gesamten Handels aus und liegt damit deutlich unter dem Niveau, das in Europa oder Asien erreicht wird.
Eine zukunftsorientierte Handelspartnerschaft zwischen Afrika und Deutschland, eingebettet in eine umfassendere Vision für Afrika und die EU, könnte helfen, diese Lücken zu schließen. Der Handel zwischen Afrika und Deutschland bleibt bislang noch begrenzt, obwohl sich Afrikas wachsende Lebensmittelmärkte und Deutschlands Interesse an nachhaltigen, zuverlässigen Wertschöpfungsketten ergänzen könnten. Dies würde aber einen bewussten Wandel von einem Geber-Empfänger-Denken hin zu einem Ko-Investitionsmodell erfordern, das Produktionskapazitäten aufbaut und regionale Märkte stärkt. Zudem muss er den Handel in Einklang bringen mit Zielen wie Ernährungssicherheit, Klimaschutz und Arbeitsplätzen – und zwar in den Mitgliedstaaten beider Unionen.
In Verbindung mit Investitionen in die ländliche Infrastruktur, soziale Sicherung, gerechte Landbesitzverhältnisse, Bildung und Verarbeitungskapazitäten kann der Handel die Ernährungssicherheit erheblich stärken und den Wandel der Agrar- und Ernährungssysteme vorantreiben. Er kann auch die Umsetzung des Comprehensive Africa Agriculture Development Programme (CAADP) befördern. Dies ist von entscheidender Bedeutung, da Subsahara-Afrika weiterhin die weltweit höchsten Hungerraten verzeichnet.
Auf der AfCFTA aufbauen
Die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (AfCFTA) bildet die Grundlage für einen solchen Wandel. Mit 54 Ländern, die das AfCFTA-Abkommen unterzeichnet haben, ist sie bereits die größte Freihandelszone der Welt, gemessen an der Mitgliederzahl. Ihr Potenzial ist immens: Es umfasst die Beseitigung von Zöllen und anderen Handelshemmnissen, die Harmonisierung von Standards und die Förderung regionaler Wertschöpfungsketten, die afrikanische Produzenten im In- und Ausland wettbewerbsfähiger machen.
Ihre Umsetzung muss jedoch dringend beschleunigt werden: Zu wenige Länder handeln im AfCFTA-Rahmen, und Engpässe in den Bereichen Infrastruktur, Zollverfahren und Lebensmittelsicherheit behindern weiterhin den grenzüberschreitenden Handel. Die institutionellen Kapazitäten der regionalen Wirtschaftsgemeinschaften und des AfCFTA-Sekretariats gilt es ebenfalls nachhaltig zu unterstützen, um Reformen zu koordinieren, zu überwachen und wirksam durchzusetzen.
Die Stärkung der AfCFTA liegt nicht nur im Interesse Afrikas. Ein stärker integrierter afrikanischer Markt würde den Kontinent zu einem stärkeren und zuverlässigeren Handelspartner für Deutschland und Europa machen. Außerdem würde dadurch die notwendige Größenordnung und Planbarkeit geschaffen, die europäische Investoren und Hersteller benötigen, um sich stärker in afrikanische Wertschöpfungsketten einzubringen.
Beispiele dafür gibt es bereits. In Westafrika zeigt die „Milchoffensive“ der ECOWAS (Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten), wie eine koordinierte Regionalpolitik, Mischfinanzierungen und Investitionen in Kühlketten und Standards die Nachfrage nach modernen Technologien ankurbeln können. Die Initiative verringert zudem die Abhängigkeit von importiertem Milchpulver und erhöht gleichzeitig die Einkommen in der Viehhaltung und in den weiterverarbeitenden Branchen. In Ostafrika haben gezielte Modernisierungen von grenznahen Laboren die Abfertigungszeiten für Lebensmittelimporte und -exporte drastisch verkürzt. Dies trug sowohl zur Ernährungssicherheit bei als auch zum Abbau nichttarifärer Handelshemmnisse. In Uganda haben nachhaltige öffentlich-private Investitionen im Kaffeesektor in Verbindung mit frühzeitigen Maßnahmen zur Rückverfolgbarkeit und zu Nachhaltigkeitsstandards den Exportwert gesteigert und den für beide Seiten vorteilhaften Handel mit Europa vertieft.
Das AgriBridge Network
Ein eindrucksvolles Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa ist das AgriBridge Network, ein afrikanisch-deutsches „Netzwerk von Netzwerken“. Es verbindet Forschungseinrichtungen, Akteure aus der Privatwirtschaft, Bauernverbände und die Zivilgesellschaft. Durch die Schaffung strukturierter Dialogräume fördert AgriBridge das gegenseitige Verständnis und Vertrauen, die für dauerhafte Partnerschaften und einen fundierten Austausch mit politischen Entscheidungsträgern unerlässlich sind.
Die jüngste Policy Note des Netzwerks zum Thema Handel enthält klare, umsetzbare Empfehlungen zur Stärkung landwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten, zur Beschleunigung der Umsetzung der AfCFTA, zum Ausbau inklusiver Finanzierung und zur Unterstützung von Frauen, Jugendlichen sowie kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Sie zeigt so, wie eine evidenzbasierte Zusammenarbeit verschiedener Interessengruppen zu konkreten Handelserfolgen führen kann.
Aus diesen Erfahrungen lässt sich eine klare Agenda für Maßnahmen ableiten. Erstens sollten Afrika und Deutschland partnerschaftliche Investitionen ausweiten, die lokale Wertschöpfung in den Vordergrund stellen. Das beinhaltet die Unterstützung von Agrarverarbeitungszonen, erneuerbaren Energien für die Agrarwirtschaft, klimafreundlichen Technologien und der Entwicklung von Kompetenzen. Blended Finance kann das Risiko von Investitionen in der Frühphase verringern und langfristig orientierte Geldgeber anlocken. Zweitens, und das ist entscheidend: Alle derartigen Partnerschaften müssen strengen Umwelt- und Sozialstandards folgen, um sicherzustellen, dass der Handel zum Recht auf Nahrung, menschenwürdiger Arbeit und grünem Wachstum beiträgt.
Drittens muss jede umfassendere Handelsagenda zwischen Afrika und Europa von Grund auf inklusiv sein. Kleinbäuerliche Betriebe, Frauen, Jugendliche sowie kleine und mittlere Unternehmen sind das Rückgrat der afrikanischen Agrar- und Ernährungswirtschaft; sie werden jedoch häufig von den Möglichkeiten des formellen Handels ausgeschlossen. Ein besserer Zugang zu erschwinglichen Finanzmitteln, Technologien, maßgeschneiderten Qualifizierungsangeboten und digitalen Tools kann diesen Gruppen helfen, stärker an regionalen und internationalen Wertschöpfungsketten teilzuhaben. Für Deutschland bedeutet dies, dass eine katalytische Entwicklungsfinanzierung, die Einbindung des Privatsektors und technische Zusammenarbeit aufeinander abgestimmt werden müssen, um bewusst diejenigen zu priorisieren, die bisher am stärksten benachteiligt werden.
In diesem Zusammenhang bietet der neue Reformplan des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der den Schwerpunkt auf wirtschaftliche Kollaboration legt, eine Chance. Nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung kann die Grundlage für florierende Volkswirtschaften bilden, aber auch dafür, Armut zu beseitigen. Sie kann dringend benötigte Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen und zu nachhaltiger Ernährungssicherheit beitragen. Damit dies eintritt, darf die wirtschaftliche Zusammenarbeit nicht allein von Export- oder Investitionsinteressen bestimmt sein. Vielmehr muss sie mit strengen Sorgfaltspflichten für Unternehmen einhergehen und fest verankert sein in der schrittweisen Verwirklichung des Menschenrechts auf angemessene Nahrung.
Schließlich muss Europa in größeren Dimensionen denken. Die Verhandlungen der EU mit den Mercosur-Staaten und Indien zeigen, dass die europäischen Länder bereit sind für umfassende Handelsvereinbarungen, die über Zölle hinausgehen und Standards, Dienstleistungen, Investitionen, Innovation und Nachhaltigkeit abdecken. Afrika verdient einen ähnlich ehrgeizigen Ansatz. Dieser sollte die AfCFTA als kontinentalen Anker anerkennen und im Laufe der Zeit auf eine weitreichende Handelspartnerschaft zwischen Afrika und der EU hinarbeiten.
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um diese Vision in die Tat umzusetzen. Die Staats- und Regierungschef*innen beider Seiten sollten sich zu einer neuen Handelsstrategie verpflichten, in der Afrika nicht als Rohstofflieferant betrachtet wird, sondern als Partner bei der Wertschöpfung; nicht als Empfänger von Hilfe, sondern als Co-Investor in gemeinsames Wachstum und Wohlstand.
Von Addis Abeba bis Berlin sollte die Botschaft klar sein: Die Beziehungen zwischen Afrika und Europa erleben einen neuen Aufschwung, der in die Zukunft trägt. Was es jetzt braucht, ist der politische Wille, diese Chance zu nutzen.
Links
Welthungerhilfe: AgriBridge Network
AgriBridge Policy Note #1 (2026)
Moses Vilakati ist Kommissar der Afrikanischen Union für Landwirtschaft, ländliche Entwicklung, Blue Economy und eine nachhaltige Umwelt (ARBE).
euz.editor@dandc.eu
Mathias Mogge ist Generalsekretär und Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe, einer der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland.
Debisi Araba ist Managing Director der panafrikanischen gemeinnützigen Forschungsorganisation AKADEMIYA2063.