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Bildung

Völlig missachtete Mädchen

von Damilola Oyedele

Meinung

Mädchen und Frauen leiden in Nordnigeria – nicht nur wegen Boko Haram: Protestaktionen in Abuja.

Mädchen und Frauen leiden in Nordnigeria – nicht nur wegen Boko Haram: Protestaktionen in Abuja.

Boko-Haram-Attacken terrorisieren Nigeria. Bomben und die Entführung von 276 Schülerinnen haben weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Aber auch ohne fundamentalistische Gewalt ist das Leben in Nordnigeria hart – Frauen und Mädchen haben besonders zu leiden. Von Damilola Oyedele

Der Angriff einer bewaffneten Gruppe auf Mädchen des staatlichen Gymnasiums in Chibok, Borno State, ist keine totale Überraschung, und es ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschieht. In dieser ärmsten Region des Landes ist Gewalt gegen Frauen nicht selten. Viele Mädchen bleiben der Schule fern. Die meisten der entführten Mädchen sind Christinnen – eine Minderheit in Nordnigeria –, aber es steht zu befürchten, dass die zunehmende Unsicherheit auch Mädchen anderer Religionsgemeinschaften vom Schulbesuch abhält.

Nigeria ist zwar ökonomisch ein regionaler Riese. Das Land hat aber weltweit die höchste Zahl schulpflichtiger Kinder, die keinen Unterricht besuchen.  Es sind etwa 10,5 Millionen laut der UNESCO-Studie Education for All Global Monitoring Report. Mehr als die Hälfte davon sind Mädchen. In weiten Teilen Nordnigerias werden Mädchen am Schulbesuch gehindert und in verfrühte Ehen gedrängt. Die Begründung lautet, dass Bildung Frauen den Respekt gegenüber ihren Männern verlieren lässt.

Weil ihre Körper noch nicht ganz ausgewachsen sind, leiden die meisten dieser minderjährigen Bräute an vesikovaginalen Fisteln (VVF), einer Fistel zwischen Blase und Vagina, die durch eine schwere Geburt oder Vergewaltigung verursacht wird. Eine der Folgen ist, dass die Frauen ihren Urin nicht mehr kontrollieren können, der durch die Vagina austritt. Deswegen werden sie als schmutzig angesehen und infolgedessen oft von ihren Ehemännern verlassen, oder diese nehmen sich eine „neuere“ Frau. Der Norden trägt zwei Drittel zu Nigerias hoher Müttersterblichkeit von 545 pro 100 000 Geburten bei.

Während einer Recherche im Bundesstaat Katsina im Oktober 2013 traf ich mehrere junge Mütter mit herzerweichenden Geschichten. Habiba Sadiq, eine junge Frau aus Angwar Agarge, erzählte mir, dass sie sechs überlebende Kinder habe und seit sieben Jahren verheiratet sei – aber sie war erst 20 Jahre alt. Ihre Mit-Frau Sadia, 14 Jahre alt, hat bereits zwei Kinder. Diese jungen Mütter müssen mit den Konflikten einer polygamen Ehe zurechtkommen, mit der Mühsal schmerzhafter Geburten und mit Kindererziehung, obwohl sie selbst noch Kinder sind. In einem anderen Dorf berichtete mir die 18-jährige Aisha, wie ihr Ehemann beinahe eine andere Frau geheiratet hätte, weil Aisha an einer Geschlechtskrankheit litt, die sie aber von ihrem Mann übertragen bekommen hatte. Dieser Mann hatte Aisha als Zehnjährige geheiratet. Leider sind Habiba, Sadia und Aisha keine Einzelfälle – derlei Lebensgeschichten sind allzu häufig. Im Senat sitzt der frühere Gouverneur des Staates Zamfara, Ahmed Sani Yerima, der 2010 eine 14-jährige Ägypterin heiratete. Obwohl dies gegen den Child Rights Act von 2003 verstößt, der die Heirat für Minderjährige verbietet, musste er sich nie vor nigerianischen Behörden verantworten.

Im Norden Nigerias wird die Unabhängigkeit der Frauen von mehreren Seiten bedroht, nicht nur von der Terrorgruppe Boko Haram. Bedenklich bei der Entführung von Chibok ist die Tatsache, dass dies die spärlichen Erfolge bezüglich Bildung für Mädchen unterläuft. Es ist wahrscheinlich, dass nun noch mehr Mädchen zu Hause bleiben werden. Die Kampagne für Gleichberechtigung muss umso konsequenter geführt werden.

Und selbstverständlich haben auch die vielen ­Demonstranten der vergangenen Wochen recht: Die ­Regierung muss Verantwortung übernehmen, das Entführungsdrama zu einem friedlichen Ende bringen und ähnliche Terrorszenarien künftig verhindern.

Damilola Oyedele ist Chefkorrespondentin Ausland/Gender bei der Tageszeitung THISDAY in Abuja, Nigeria. [email protected]