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Bildung für Flüchtlinge

In Flüchtlingslagern fehlen Schulen

von Qaabata Boru

Hintergrund

Erwachsenenbildung im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia

Erwachsenenbildung im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia

Schulbildung von Kindern und Alphabetisierung Erwachsener sind grundlegende Rechte von Flüchtlingen. Doch sie werden häufig missachtet. Sollen die Rechte umgesetzt werden, müssen Verantwortliche in Flüchtlingslagern und internationale Geber mehr Geld in Bildung stecken.

Bildung ist ein Menschenrecht, festgeschrieben in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 und der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951. Es ist zentral in der New Yorker Erklärung für Flüchtlinge und Migranten der UN von 2016. Chancengleiche, hochwertige Bildung und lebenslanges Lernen ist auch das vierte Ziel für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goal – SDG).

Unabhängig von solchen Erklärungen stimmen politische Entscheidungsträger darin überein, dass nicht nur Individuen, sondern die ganze Gesellschaft profitiert, wenn Flüchtlingen elementare, weiterführende, universitäre und lebenslange Bildung zuteil wird. Denn diese hilft, in ein normales Leben zurückzufinden und staatsbürgerliche Kompetenz auszubilden. Bildung verhindert Radikalisierung, ist Voraussetzung für Integration und hilft, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften.

Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, wie weit die Realität hinter den Ansprüchen zurückbleibt. In der Regel erhalten Flüchtlinge nicht einmal elementarste Bildung. Oder sie wird unter Umständen angeboten, die Lernen unmöglich macht. Bildung für Flüchtlinge ist unterfinanziert. Eine ganze Generation von Kindern wird zurückgelassen, Millionen von Erwachsenen die Möglichkeit genommen, ihre Lebensumstände zu verbessern.

Die Daten des UNHCR sind eindeutig. Laut Bildungsbericht von 2020 „Coming together for refugee education“ stehen 19,9 Millionen Flüchtlinge unter dem Schutz des UN-Flüchtlingskommissariats, 7,4 Millionen davon sind schulpflichtige Kinder. Über die Hälfte von ihnen, 4 Millionen, können keine Schule besuchen.


Jugendliche werden sich selbst überlassen

Die Bericht des UN-Flüchtlingskommissariats UNHCR zeigt: Je älter ein Kind oder Jugendlicher auf der Flucht ist, desto unwahrscheinlicher ist seine Teilnahme an Bildungsprogrammen. Am geringsten ist die Partizipation von Flüchtlingen an Hochschulbildung und Alphabetisierungsprogrammen für Erwachsene. Grund sind fehlende Gelder.

Das ist eine vertane Chance. „In Schulen wird Flüchtlingen eine zweite Chance gegeben“, sagt UNHCR-Hochkommissar Filippo Grandi. „Wir lassen sie zurück, wenn wir ihnen keine Möglichkeit geben, ihr Wissen und ihre Fertigkeiten zu erweitern und damit die Grundlagen, in ihre Zukunft zu investieren.“

Diese Vernachlässigung zeigt bereits Folgen. Das Bildungsniveau von Flüchtlingskindern bleibt Jahre hinter dem ihrer Altersgruppen zurück. Frustrierte Jugendliche, die zu lange in Camps leben, verlieren jede Hoffnung auf Perspektiven. Das führt in einigen Fällen zu Drogenkonsum, Kriminalität und dem Anschluss an bewaffnete Milizen. Aus jungen Flüchtlingen aus den Lagern Kakuma und Dadaab in Kenia wurden Milizionäre, die in Somalia und Südsudan kämpften.


Besorgniserregende Qualität

Die Ausstattung von Grund- und weiterführenden Schulen in Flüchtlingslagern ist enorm beschränkt. Ihre Lehrer sind kaum ausgebildet und schlecht bezahlt. Es mangelt an Disziplin. Ursache hierfür sind die unzureichenden Qualifikation der Lehrenden. Doch auch die schlechte Qualität des Unterrichts frustriert Schüler. Sie kommen und gehen, wann sie wollen, sogar in freiwilligen Alphabetisierungskursen für Erwachsene.

„Erwachsene Lernende tauchen im Unterricht auf, wenn sie Zeit haben, ihre Teilnahme ist inkonsistent. Das macht das aufbauende Lernen in einer Gruppe enorm schwer“, sagt Yasin Mohamed, der in der Erwachsenenbildung tätig ist und im Flüchtlingslager Kakuma arbeitete.

Auch Unterricht für Kinder findet unter erschwerten Bedingungen statt. Uganda hat 1,4 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Im Land gibt es 11 Flüchtlingslager. Lehrer oder Lehrerinnen stehen dort normalerweise frontal vor der Klasse. Sie zeigen an der Tafel mit Kreide, wie man schreibt. Doch Schülern fehlen Stifte und Hefte, um es nachzumachen. Auch Bücher sind rar.

Im sich ausbreitenden Bidi Bidi Camp im Norden Ugandas leben mehr als 285 000 Flüchtlinge. Die meisten sind Frauen und Kinder, die vor dem Bürgerkrieg im Südsudan flohen. Die Schulen hier sind überfüllt und unterfinanziert. Um sie zu erreichen, müssen Schüler weite Wege gehen.

Konga Mouch, Lehrer in einem der Camps in Uganda, bezeichnet die Zustände dort als die schlimmsten, die er je erlebt hat. „Die Kinder sitzen auf dem Boden unter einer provisorischen Überdachung. Das ist unser Klassenzimmer“, sagt er. „Es gibt zu wenig Toiletten.“ Das führe dazu, dass viele Mädchen wegbleiben, sobald sie ihre Periode haben.


Libanesisches Szenario

Überfüllung ist ein besonderes Problem in den Schulen libanesischer Flüchtlingslager. Der Libanon hat Schätzungen zufolge 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Fast die Hälfte davon sind Kinder. Die meisten von ihnen sind noch nie zur Schule gegangen, andere haben jahrelang keine mehr besucht. In den Lagern finden sich kaum welche.

Dort, wo es Schulen gibt, fehlen geeignete Unterrichtsmaterialien. „Wir versuchen Schüler zu unterrichten und auch über den Libanon zu informieren, aber ohne die üblichen Lehrbücher“, sagt Suha Tutunji, Leiterin des Flüchtlingsbildungsprogramms im libanesischen Jusoor Camp. „Wir mussten andere Methoden finden.“ In Jusoor wird versucht, die Flüchtlingskinder in libanesische Schulen zu integrieren. Doch ohne ausreichende Finanzierung kann dieses sinnvolle Ziel kaum erreicht werden.

Gibt eine verantwortliche Camp-Verwaltung mehr Geld für Bildung aus, geht sie das Risiko ein, dass für Lebensmittel, Medikamente oder andere Grundbedürfnisse weniger zur Verfügung steht. Dennoch bringen einige Flüchtlingslager innovative Ansätze hervor, die Bildung trotz beschränkter Mittel ermöglichen (siehe Kasten).


Selbsthilfe

Ermutigend ist, dass Flüchtlinge in einigen Siedlungen selbst die Initiative ergreifen, um die Bildungslücken zu schließen. So haben in Cox's Bazar in Bangladesch Rohingya, die aus Myanmar flohen, ihr eigenes Alphabetisierungsprogramm gestartet. Dort unterrichten Lehrer, die selbst flüchten mussten. Sie arbeiten ehrenamtlich oder gegen geringe Spenden. Ein anders, umfangreicheres Programm, in dem etwa 400 000 Schulkinder in 400 Lernzentren in Cox's Bazar unterrichtet werden, wird vom UN-Kinderhilfswerk UNICEF und internationalen Gebern finanziert.

Auch in Kenias Flüchtlingslager Kakuma startete eine Selbsthilfe-Initiative. Mit Spenden richteten Flüchtlinge Bildungszentren für Erwachsene ein, die über Computerarbeitsplätze mit Internetanschluss verfügen. Das UNHCR, das das Lager betreibt, hat im vergangenen Jahr die finanzielle Unterstützung für das Projekt erhöht und zusätzliche Internetcafés eröffnet. Auf diese Weise können Flüchtlinge Kompetenz im Umgang mit Informationstechnologien erlangen.

Solche Initiativen sind vielversprechend. Sie weisen auf einen neuen Ansatz, bei dem der Fokus nicht mehr nur darauf liegt, die täglichen, physischen Grundbedürfnisse von Flüchtlingen zu erfüllen. Vielmehr werden diese in ihrer psychosozialen Entwicklung und beim Erlernen neuer Fertigkeiten unterstützt. Denn das ermächtigt sie, sich selbst zu helfen. Innovative Selbsthilfeprojekte sind kein Ersatz für eine angemessene Finanzierung systematischer Bildungsprogramme. Doch sie zeigen den Weg zu besseren Resultaten bei der Bildung von Millionen von Flüchtlingen.


Link
UNHCR 2020: Coming together for refugee education.
https://www.unhcr.org/education.html


Qaabata Boru ist äthiopischer Journalist und hat selbst im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia gelebt. Er ist Gründer und Chefredakteur von Kakuma News Reflector (Kanere), einer von Flüchtlingen gemachten Online-Zeitung.
[email protected]
https://kanere.org/

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