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Infrastruktur

Trotz Instabilität

von Ronjon Chakrabarti, Rainer Mutschler-Burghard
Ein internationales Projekt zum Aufbau eines Gewässermanage­ments in Nepal zeigt beispielhaft, wie in kleinen Schritten die Umweltsituation verbessert werden kann. Zugleich werden aber auch die Grenzen der Zusammenarbeit in dem auch nach Kriegsende noch instabilen Land sichtbar. [ Von Ronjon Chakrabarti und Rainer Mutschler-Burghard ]

Seit den demokratischen Wahlen einer verfassunggebenden Versammlung in Nepal im April 2008 hat sich die politische Situation in Nepal stabilisiert. Der Sieg der Maoisten, der ehemaligen Guerilla-Kämpfer, irritierte freilich west­li­che Beo­bach­ter. Die Erfahrung lehrt aller­dings, dass es in Nepal auch unter schwie­rigen Bedin­gungen Fortschritte geben kann.

Im Februar 2006 starteten das deutsche Unternehmen Adelphi Re­search und das internationale Institut für Geowissenschaften und Erdbeobachtung (ITC) aus den Nie­der­landen mit dem nepa­lesischen Partner Envi­ron­mental Camps for Conservation Aware­­ness (ECCA) ein gemeinsames Pro­jekt. Ziel des so ge­nann­ten Kaprimo-Projekts (Kath­mandu Participatory River Monitoring) ist es, eine verlässliche Basis für urbane Infra­struk­turplanung zu schaffen. Vor allem geht es darum, Wasser­mana­gement und Müll­ent­sorgung in den Griff zu bekommen, um die Umweltbe­din­gungen zu verbessern.

Bei der Umsetzung halfen verschie­dene staatliche nepalesische Einrich­tungen. Dazu gehören die Verwaltungen der Kathmandu Metropolitan City (KMC) und der Lalitpur Sub-Metropolitan City (LSMC), das nationale Department for Hydrology and Meteorology (DHM) sowie verschiedene lokale Akteure. Innerhalb von zwei Jahren gelang es, ein „river monitoring system“ samt Wasserqualitäts-Index zum Laufen zu bringen.

Armut und Bevölkerungswachstum

Das Kathmandu-Tal ist Zentrum einer sich rapide verändernden Gesellschaft, die zu den ärmsten der Welt zählt. 82,5 Prozent der Bevölkerung leben unter der Ar­muts­grenze von weniger als zwei Dollar täglich. In den letzten Jahrzehnten musste die Flusslandschaft mit einer Fläche von 25 mal 30 Ki­lometer einem enormen Bevöl­ke­rungs­wachstum standhalten. Der Zuwachs beträgt jährlich vier Prozent und hat zu ernsthaften Engpässen in der Wasserversorgung geführt – zumal der Grundwasserpegel in den letzten zehn Jahren um 60 Meter sank.

Das hundert Jahre alte Abwassersystem und die Biotope, die unter anderem auch Abwasser gereinigt haben, sind den heutigen Fluten nicht gewachsen. Sämtliche Abwässer, auch aus der Industrie, werden mehr oder weniger direkt in die Flüsse geleitet. Müll­deponien an den Ufern gefährden die Qualität des Flusswassers zusätzlich, die Anwohner müssen unzumutbare hygienische Verhältnisse und Gestank ertragen.

Weil es an Ressourcen und Expertise fehlte, wurde bislang kein angemessenes Überwachungssystem für die nepalesischen Gewässer aufgebaut. Es hätte auch nicht nachhaltig betrieben werden können. Das von der EU mitfinanzierte Kaprimo-Projekt hat das schrittweise geändert. Zunächst wurde das bestehende Monitoring-System in Kathmandu-Lalitpur überholt. Dann wurden Wasser- und Abwasserdaten mit metereologischen Daten korreliert, um die zukünftige Planung zu erleichtern.

Teilweise sammelten und analysierten Freiwilligen-Teams die Daten. Auch die zuständigen Kommunalverwaltungen wurden einbezogen. Das System wurde dezentralisiert. Es wurde zugleich so einfach gehalten wie möglich, auch hinsichtlich Investitionen und Betriebskosten. Trotz der instabilen politischen Lage und des häufigen Wechsels von Entscheidungsträgern konnte das Projekt im Januar 2007 verwirklicht werden. Seither werden Daten erhoben, die Einpflege auf der Website lässt aber leider noch zu wünschen übrig.

Ein wichtiger Punkt ist aber, dass die lokalen Behörden mit Hilfe dieses Systems die Ursachen für Verschmutzung erkennen und das Einhalten der Regeln überwachen können. Ein Grundstein für bessere Um­welt­­standards und somit bessere Lebensqualität in nepalesischen Städten ist damit gelegt.

Inzwischen haben die Verwaltungen von Kathmandu and Lalitpur und das nationale Department of Hydrology and Meteorology Finanzierung und Management des Monitoring-Programms übernommen. Künftig soll das ganze Tal, idealerweise sogar das ganze Fluss-System, auf diese Weise überwacht werden – das Modell wäre auch für andere Teile Nepals oder Südasiens anwendbar. Der National Trust for Nature Conservation (NTNC) und das High Powered Governmental Committee for Implementation Monitoring of the Bagmati Area Sewage Construction/Rehabilitation Project (BASP) haben aus eigener Initiative einen „Bagmati Action Plan“ ausgeschrieben, um die Wasserressourcen des Kathmandu-Tals zu verbessern und zu managen.

Anhaltende Spannungen

Die Projektziele wurden zwar erreicht – aber nicht ohne Hindernisse. Sperren und Ausgehverbote sorgten immer wieder für Verzögerungen. Besondere Schwierigkei­ten machten die anhaltenden Span­nungen in Nepal und soziale Unruhen in Kathmandu und der südlichen Region Terai. Erhe­bun­gen und Strategiege­sprä­che in der Anfangsphase mussten auf­grund der un­si­che­ren politischen Lage verschoben werden. Die Menschen trau­ten sich nicht in ihre Bü­ros, aus Angst, Opfer von Gewalt zu werden.

Wechsel im Regierungsapparat führten bisweilen zu bizarren Situationen. So hatte etwa das Umweltministerium zeitweilig niemanden, der die Industrie überwacht hätte – diese Aufgabe übernahm das Minis­terium für Industrie und Handel. Auch Kompetenz-Überschneidungen des neu eingesetzten Staatsapparates mindern die Effizienz: Für das Wassermanagement sind fünf Ministerien zuständig.

Als vorteilhaft erwies sich die Kooperation mit Beamten, die in der Hierarchie nicht weit oben standen, aber lokale Verantwortung trugen. Diese Leute blieben auch über politische Turbulenzen hinweg im Dienst und verstanden Probleme und Möglichkeiten vor Ort.

Mit Hilfe der Medien – Publikationen, Flugzettel und Internetauftritte – und einem internationalen Symposium wurden Vertrauen und Akzeptanz für derartige Umweltprojekte gefördert. Als das offizielle Monitoring im Januar 2007 begann, gab es allerdings so große Spannungen im Süden des Landes, dass in den lokalen Medien wenig über das Projekt berichtet wurde.

Nepal ist noch weit davon entfernt, eine moderne, funktionierende Regierung zu haben. Das Land hängt immer noch stark von ausländischer Hilfe ab. Das ist nicht unproblematisch: Insbesondere Behörden sind verwöhnt von der vielen Unterstützung und der technischen Hilfe, die das Land von außerhalb erhält. Das prägt auch die Mentalität der Regierungsangestellten.

Obwohl das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer demokratischen Zivilgesellschaft gestiegen ist, ist der Weg zu einer funktionierenden und stabilen Gesellschaftsordnung noch weit. Klare Aufgabenteilung und offene Kommunikation zwischen den internationalen Organisationen und den lokalen Behörden und Akteuren sind förderlich zur Umsetzung von Projekten. Das Kaprimo-Projekt war überschaubar und hatte konkrete Ziele. Diese wurden in kleinen Schritten umgesetzt – und die Menschen auf diese Weise davon überzeugt, dass es möglich ist, die desolate Umweltsituation zu verbessern.

Fazit

In einem Krisengebiet können Entwick­lungs­projekte nur kurzfristig geplant werden. Die Aussicht auf eine demo­kra­tische Republik Nepal macht Hoffnung auf mehr Stabilität. Vor allem sollte sie Hilfe bei der Reform des öffentlichen Dienstes er­hal­ten. Regierungsprojekte, die die Verbesse­rung der Wasserqualität der Flüsse Bagmati und Bishnumati messbar machen, könnten das Vertrauen in den Staat und eine moderne Regierungsführung stärken.

Die Erfahrungen in Nepal lassen sich auf andere Krisengebiete vermutlich übertragen. Die Bürgerkriegssituation und auch die Aufstände marginalisierter ethnischer Gruppen in der Terai Region sowie Sperren und Blockaden in der Hauptstadt waren vergleichbar mit dem, was andernorts geschieht. In Nepal kam es in den vergangenen Jahrzehnten zu fundamentalen politischen Veränderungen. Unter Berücksichtigung der weiterhin schwierigen, von Armut geprägten Lage, gibt es ein großes Potenzial für Entwicklungszusammenarbeit.