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Fragile Staaten

Hochschulabschlüsse für Flüchtlinge und Wiederaufbau

von Claas Morlang, Carolina Stolte
Juan Joyce Mary leitet ein Mikro-Kredit-Projekt für die kirchliche Mission im Sudan. Sie ist eine ehemalige DAFI-Studentin

Juan Joyce Mary leitet ein Mikro-Kredit-Projekt für die kirchliche Mission im Sudan. Sie ist eine ehemalige DAFI-Studentin

Hochschulabsolventen aus Flüchtlingsfamilien können kurzfristig ihre Herkunftsgemeinschaften unterstützen. Langfristig tragen sie aber auch zu Wiederaufbau und Entwicklung ihrer Heimat bei, wenn sie nach Konfliktende dorthin zurückkehren. Es ist wichtig, die richtigen Studenten, geeignete Universitäten und sinnvolle ­Studiengänge auszuwählen. [ Von Claas Morlang und Carolina Stolte ]

Die Vereinten Nationen und zahlreiche Partnerorganisationen investieren seit Jahrzehnten in Bildungsprogramme für Flüchtlinge – insbesondere in den Auffanglagern der Asylländer. 2006 gab allein das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) 35 Millionen Dollar für die Ausbildung von Flüchtlingskindern aus. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Grundbildung.

Insgesamt wendete der UNHCR nur 8,5 Prozent der Bildungsmittel für die Hochschulstudien auf. Vor allem aus finanziellen Gründen haben ganze Flüchtlingsgenerationen nur begrenzten oder gar keinen Zugang zu akademischer Bildung. Ein Stipendium kann über 4000 Dollar im Jahr kosten. Allerdings bietet eine solche Investition auch große Chancen – sowohl im Rahmen der humanitären Hilfe in den jeweiligen Asylländern als auch im Hinblick auf die langfristige Entwick­lung in den Herkunftsländern der Flüchtlinge.

Die vom Auswärtigen Amt Deutschlands und dem UNHCR gegründete Deutsche Akademische Flüchtlingsinitiative Albert Einstein (DAFI) ist das einzige Programm, das sich ausschließlich der Hochschulbildung von Flüchtlingen widmet. Es wird von Deutschland finanziert. Oberste Priorität hat dabei die Förderung der Selbständigkeit von Menschen mit Fluchthintergrund. Sie sollen für künftige Berufstätigkeit qualifiziert werden. Es geht darum, Flüchtlinge zu Fachkräften auszubilden, die für den Wiederaufbau in ihren Heimatländern gebraucht werden.

Für Flüchtlinge, deren Rückkehr in die Heimat nicht abzusehen ist, können die Stipendien derweil die Integration in das Asylland erleichtern. Sie verbessern auch die Lebenssituation der Flüchtlinge. Hochschulabsolventen sind Vorbilder für viele Jugendliche. Frauen können dabei besonders für die Ausbildung von Mädchen werben.

Praktische Empfehlungen

Auf Grundlage der DAFI-Erfahrungen und systematischen Untersuchungen über die Auswirkungen des Programms sind einige „best practices“ besonders zu empfehlen. Sie vergrößern den Nutzen für die Studierenden und fördern gleichzeitig die Entwicklung ihrer Herkunftsgemeinschaften, weil Geld effizient eingesetzt wird. Der UNHCR finanziert so jährlich rund 1700 Flüchtlingen das Studium – zu durchschnittlich 2000 Dollar pro Stipendiat.

Für Flüchtlinge ist es sinnvoll, in Ländern in der Nähe ihrer Heimat zu studieren, Nähe ist dabei sowohl geografisch als auch kulturell zu verstehen. Beides macht die spätere Rückkehr in die Heimat wahrscheinlicher.

Stipendien für Hochschulstudien müssen Nachhaltigkeit zum Ziel haben. Studenten werden dabei am meisten von Studiengängen profitieren, in denen sie lernen, mit regional vorhandenen Ressourcen umzugehen. Es ist kontraproduktiv – vor allem in Fächern wie Medizin und Ingenieurwissenschaften –, den Umgang mit Maschinen und Materialien zu lernen, die in den Herkunftsländern der Absolventen Mangelware sind.

Darüber hinaus ist es wichtig, auf die Qualität akademischer Einrichtungen und ihres Lehrangebots zu achten. Der UNHCR wägt daher zwischen den Kosten für das Studium und dem Ausbildungsstandard an der Hochschule ab. Die sinnvolle Mittelvergabe hängt also von gründlichen Kenntnissen der wichtigen Faktoren ab. In Afrika ist Studieren zum Beispiel vergleichsweise teuer. Die hohe Beschäftigungsquote der Absolventen von diesen Hochschulen zeigt aber, dass Bedarf an diesen Fachkräften besteht. 81 Prozent der Absolventen in Afrika mit Flüchtlingshintergrund hat im Asyl- oder Herkunftsland Arbeit. Der weltweite Schnitt beträgt bei DAFI rund 70 Prozent.

Auswahlkriterien

Universitätsstandards variieren stark und lassen sich nur schwer miteinander vergleichen. Ortskenntnisse und Universitätsrankings können bei der Auswahl von guten Bildungseinrichtungen behilflich sein. Darüber hinaus sind die folgenden Auswahlkriterien sinnvoll:

- Universitäten müssen von der nationalen Regierung anerkannt sein. Das stellt einen akademischen Minimalstandard sicher.
- Das Bildungssystem des Studienlandes muss dem des Heimatlandes gleichgestellt sein. Dann werden die Abschlüsse nach der Rückkehr anerkannt.
- Universitäten und Bildungseinrichtungen müssen über angemessene Studienmittel und -bedingungen verfügen.

An jeder höheren Bildungseinrichtung sollten zur gegenseitigen Unterstützung Studentengruppen gebildet werden. Stipendiatennetzwerke sprechen Dinge von allgemeinem Interesse an und verringern den Betreuungs- und Verwaltungsaufwand für die finanzierende Organisation.

Auch bei der Auswahl der Studienfächer ist zwischen Kosten und Qualität abzuwägen. Besonders aussichtsreiche Studienfächer sind Landwirtschaft, Entwicklung und Bildung. Nahezu alle DAFI-Stipendiaten, die sich auf diese Fächer spezialisiert haben, fanden unmittelbar nach ihrem Studienabschluss einen Job. Pädagogische Studiengänge bieten besonders gute Chancen. Das gilt selbst dann, wenn die Rückkehr ins Herkunftsland nicht sofort möglich ist. Lehrer werden sowohl in den Asylländern als auch in den Flüchtlingslagern gebraucht.

Dagegen finanziert der UNHCR keine Stipendien für langjährige Studiengänge wie Medizin. Sie sind zu teuer und binden dementsprechend Mittel zu lange. Dagegen finanziert der UNHCR aber die Ausbildung von medizinischem Hilfspersonal, denn die Absolventen solcher Programme leisten später wertvolle Dienste.

Eine ähnliche Kosten-Nutzen-Abwägung gilt für Postgraduierten-Programme. Statt einem Studenten einen Doktor-Titel zu finanzieren, ist es sinnvoller, zwei anderen ein Diplomstudium zu ermöglichen.

Menschen mit großem Potential

Der UNHCR stellt mit einem gründlichen Auswahlverfahren sicher, dass nur die geeignetsten Studenten die verfügbaren Stipendien erhalten. Es ist wichtig, solche Studenten zu unterstützen, die später wahrscheinlich für den Wiederaufbau und die Entwicklung in Postkonfliktländern tätig werden oder die darauf eingestellt sind, mit Flüchtlingsgemeinschaften zu arbeiten. Mehr als 55 Prozent aller DAFI-Absolventen sind in solchen und verwandten Bereichen tätig. Das heißt, die Kriterien des Auswahlverfahrens stimmen und sollten beibehalten werden.

Klare Anforderungen verringern die Zahl der Bewerber und schließen diejenigen aus, welche die Grundkriterien nicht erfüllen. Eindeutige Regeln sichern zudem die Transparenz des Auswahlprozesses und erleichtern die Arbeit der verantwortlichen Organisation. Dank derartiger Verfahren hat der UNHCR eine äußerst niedrige Studienabbrecherquote von nur drei Prozent.

Auch frühere schulische Leistungen der Bewerber sind ein wichtiges Auswahlkriterium. Sie zu berücksichtigen, trägt dazu bei, dass nur die, die es wirklich verdienen, ein Stipendium bekommen. Allerdings müssen dabei auch besondere Umstände, die zu schlechteren Leistungen geführt haben können, berücksichtigt werden. Wichtig ist darüber hinaus das Alter. Vorrang sollten junge Schulabgänger haben. Denn bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie ihr Studium erfolgreich abschließen – und danach langfristig zur Entwicklung beitragen können.

Die finanziellen Ressourcen der Bewerber und ihre Familien sind ebenfalls von Bedeutung. Welche Beihilfe ein Student braucht, hängt nicht zuletzt von Status und Beruf des Haushaltsvorstandes, dem Familieneinkommen und anderen Unterstützungsmöglichkeiten ab.

Bedürfnisse ermitteln

Bewerber sollten klar benennen können, warum sie ein bestimmtes Fach studieren möchten und wie sie ihre Beschäftigungschancen einschätzen. Die zuständige Organisation wiederum sollte herausfinden, welche Fachkräfte in den jeweiligen Ländern gebraucht werden. In jedem Fall sollte sie Bewerber entsprechend beraten. In Afghanistan werden beispielsweise zunehmend Verwaltungsangestellte und Buchhalter gesucht. Stipendiengeber sollten darauf entsprechend reagieren.

Weitere Auswahlkriterien sind:

- Der Anteil der weiblichen Studierenden sollte erhöht werden. Organisationen, die Stipendienprogramme umsetzen, haben darauf Einfluss. Der UNHCR konnte von 1992 bis 2007 den Frauenanteil am Stipendienprogramm von 20 auf 48 Prozent erhöhen – zum Beispiel mit einem Englisch-Sprachkurse für weibliche Flüchtlinge in Äthiopien. Damit wurde ihnen ermöglicht, sich um ein Stipendium zu bewerben.
- Personen mit besonderen Bedürfnissen, zum Beispiel Gewaltopfer mit guten Zeugnissen, verdienen spezielle Berücksichtigung.

Nach Erfahrung des UNHCR ist es auch wichtig, bestimmte Erwartungen schriftlich festzuhalten. Klare Regeln, konsequent angewandt, verringern die Wahrscheinlichkeit, dass Studenten ihr Studium abbrechen oder sonstige kostspielige Entscheidungen treffen. Deshalb ist es sinnvoll, mit jedem Stipendiaten einen Vertrag zu schließen, der auch die Details zum Unterhalt regelt. Die Unterstützung muss sicherstellen, dass die Studenten einen zwar bescheidenen aber angemessenen Lebensstandard genießen. Der UNHCR hat daher die Lebenshaltungskosten in allen 70 Einsatzländern errechnet.

Darüber hinaus ist es ratsam, Studenten, die als Flüchtlinge in einem ihnen unbekannten sozialen Umfeld leben, mit Hilfe von Netzwerken zu unterstützen. Dies kann auf verschiedene Weise erfolgen:

- Einzelberatungen helfen, Anpassungsschwierigkeiten (und Abbrecherzahlen) zu verringern. Feste Beratungstermine ermöglichen eine stabile Lernsituation. Außerdem vereinfacht der Kontakt schnelle Hilfe, wenn Probleme während des Semesters auftreten.
- Jährliche Workshops oder Seminare bieten Foren für die Studenten, um über Probleme zu diskutieren. Außerdem bieten sie Gelegenheit Netzwerke aufzubauen. Diese helfen auch dabei, den Kontakt zwischen den Stipendiaten und den verantwortlichen Organisationen aufrechtzuerhalten. Die Workshops können Themen wie HIV/Aids, Gleichberechtigung und Drogenmissbrauch thematisieren. Sie sollten die Studenten auch daran erinnern, dass sie als Stipendiaten eine besondere Verantwortung tragen.
- Zum Ende ihres Studiums soll den Stipendiaten eine Karriereberatung angeboten werden. Dies hat sich schon 1995, als die ersten Workshops zur Arbeitsmarkt-Orientierung in Kenia gehalten wurden, als nützlich erwiesen. Die verantwortliche Organisation kann auch Empfehlungen für Absolventen schreiben, um ihre Einstellung zu erleichtern. Praktika und Alumni-Vereinigungen vor Ort fördern nicht nur eine künftige Arbeitsvermittlung. Sie helfen auch den Organisationen und Stipendiaten, mit Unternehmen in Kontakt zu kommen, die nach Hochschulabsolventen suchen.

Schlussfolgerung

Die Hochschulausbildung von Flüchtlingen hat im Vergleich zur Förderung anderer Bildungssektoren bislang keine Priorität. Die Erfahrungen des DAFI-Programms zeigen aber, dass der Nutzen für die Entwicklung eines Landes hoch ist. 95 Prozent der DAFI-Absolventen, die in ihre Heimat zurückkehren, finden dort einen Arbeitsplatz. 74 Prozent von ihnen verdienen dabei dann überdurchschnittlich gut. Es profitieren jedoch nicht nur die ehemaligen Stipendiaten, sondern auch ihr soziales Umfeld oder sogar die ganze Gesellschaft. Diese Menschen leisten dauerhafte Beiträge zu Frieden und Stabilität in Konfliktregionen mit akuten Flüchtlingskrisen. Obendrein beweisen sie, dass Bildung sich lohnt – und das gilt nicht nur für diejenigen, die Karriere als Kabinettsmitglied in ihrer jeweiligen Regierung machen. Das hat es schon mehrere Male gegeben.

Stipendienprogramme können tatsächlich funktionieren. Voraussetzung ist, dass die Gelder effizient verwendet werden.