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Chancen der Migration

von Rahim Hajji, Soraya Moket

Hintergrund

Young migrants from Kenya, Morocco, Pakistan, Russia and Eritrea in Germany

Young migrants from Kenya, Morocco, Pakistan, Russia and Eritrea in Germany

Viele Migranten in Deutschland unterstützen ihre Herkunftsländer. Das legt eine Studie des Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerks nahe. Migrantenorganisationen können durch Kooperationen mit Politik und Zivilgesellschaft dieses Engagement fördern – und auch die Herkunftsländer selber können etwas dazu beitragen. Von Rahim Hajji und Soraya Moket

Rund 215 Millionen Menschen leben und arbeiten heute in einem Land, in dem sie nicht geboren sind. In Deutschland allein sind es rund 10,8 Millionen Menschen. Vor allem die Zuwanderung von Hochqualifizierten dürfte hier noch weiter steigen, denn seit Ende 2011 gilt die EU-Freizügigkeit auch für alle Neu-Unionsbürger. Außerdem wurde dieses Jahr die Umsetzung der EU-Hochqualifizierten-Richtlinie beschlossen.

Migrationsforscher haben lange beklagt, dass sich die Auswanderung von Fachkräften aus Entwicklungsländern in reichere Nationen – der so genannte „brain drain“ – negativ auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit dieser Länder auswirke. Aktuelle Forschung zeigt jedoch, dass Emigration auch zur Entwicklung des Herkunftslands beitragen kann, zum Beispiel durch so genannte „Remittances“, Rücküberweisungen an Fami­lienangehörige. Indien beispielsweise erhält von seinen Auswanderern ein jährliches Überweisungs­volumen von über 51 Milliarden Dollar. Des Weiteren tragen Migranten durch freiwilliges Engagement, Investitionen und Transfer von Technologie oder Know-how zum Fortschritt bei.

Zunehmend wird auch die Rolle von Migrantenorganisationen gewürdigt. In Deutschland haben die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bereits elf Studien dazu durchgeführt, wie sich Migranten in die Entwicklungszusammenarbeit einbringen. Das Ergebnis: Hochqualifizierte Migranten sind vor allem an Wissens­transfer und am Aufbau von Koopera­tionsnetzwerken interessiert. Migr­anten der Gastarbeitergeneration dagegen bringen sich eher in Projekte zur Armutsminderung ein.

Investitionen im Herkunftsland

Auch das Deutsch-Marokkanische Kompetenznetzwerk e. V. (DMK) kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass hochqualifizierte Migranten sich durchaus für ihre Herkunftsorte einsetzen möchten. Zum zweiten Mal untersuchte der Verein 2011 in einer Online-Umfrage das Engagement seiner Vereinsmitglieder und Website-Nutzer, darunter vornehmlich marokkanische Fachkräfte, die in Deutschland leben (siehe Kasten). Die meisten der 117 Befragten sind wirtschaftlich oder entwicklungspolitisch in Marokko aktiv. Und auch jene, die sich bisher nicht engagieren, haben keineswegs kein Interesse – sie hatten bisher nur meist nicht die Gelegenheit.

In der Umfrage gaben fast alle Befragten an, Geld an Familienangehörige im Herkunftsland zu schicken – rund 97 Prozent bereits mindestens ein Mal. Jeder Zweite investiert zudem in Immobilien und jeder Dritte in andere wirtschaftliche Unternehmungen. Ein Großteil der Befragten en­gagiert sich außerdem in humanitären (74 Prozent) oder entwicklungsbezogenen (53 Prozent) Projekten. Politisch bringt sich dagegen nur jeder Vierte von ihnen ein.

Da es sich beim DMK um ein Netzwerk handelt, das sich Entwicklungszusammenarbeit explizit zum Ziel gesetzt hat, sind die Daten für das Engagement der Befragten erwartungsgemäß relativ hoch. Dennoch haben sich immerhin 47 Prozent bisher noch nicht an einem entwicklungspolitischen Projekt beteiligt. Dies kann unter anderem an den schnellen Mitgliederzuwächsen des Vereins liegen.

Als Gründe für die Nichtbeteiligung gaben 30 Prozent der Befragten an, dass sie bisher noch keine Gelegenheit hatten, sich einzubringen, 22 Prozent hatten keine Projektidee und 17 Prozent fanden keine Mitstreiter. Rund ein Viertel der Befragten hat sich bisher schlicht noch nicht mit der Frage beschäftigt. Nur in marginalem Maße stehen einem Engagement fehlendes Interesse (fünf Prozent), mangelnder Altruismus (sechs Prozent), geringe Sprachkenntnisse (zehn Prozent) oder Kompetenzen (zwölf Prozent) entgegen.

Partnerschaften sind wichtig

Diese Ergebnisse legen nahe, dass Migrantenorganisationen wie das DMK gute Möglichkeiten haben, das Engagement ihrer Mitglieder zu steigern. Zwar gibt es Mitglieder, die sich selbständig in Projekten einbringen, viele müssen jedoch erst angesprochen werden und brauchen konkrete Projektideen.

Um das zu leisten, müssen Mig­ran­tenorganisationen Möglichkeiten für ent­wicklungspolitisches Engagement im Herkunftsland ausfindig machen, Kontakte ins Land aufbauen sowie Mitglieder anwerben und begeistern. Dafür müssen sie mit den poli­tischen und zivilen Akteuren im Auf­nahme- als auch im Herkunftsland zu­sammenarbeiten. Diese können helfen, Entwicklungshilfepro­jekte umzusetzen und die Mitglieder zu mobilisieren. Eine solche Partnerschaft muss gepflegt werden, sie braucht Zuverlässigkeit und Kontinuität durch regelmäßigen, aktiven Austausch. Das DMK beispielsweise pflegt den Kontakt zu den wichtigsten Akteuren in Marokko auf Basis eines Kooperationsvertrags.

Zudem sollten die Migrantenorganisationen ihren Mitgliedern konkrete Projektvorschläge unterbreiten. Gute Erfahrungen hat das DMK damit gemacht, fachliche Arbeitsgruppen zu bilden, in denen sich die Mitglieder re­gelmäßig austauschen, Projektideen entwickeln und Koopera­tionspartner finden können.

Die Migration von Hochqualifizierten nach Deutschland muss also wirklich nicht zum Nachteil für die Herkunfts­länder sein. Ob das klappt, liegt jedoch nicht nur in der Hand der Migranten selber. Auch die Herkunftsländer können dazu beitragen: Sie können die Migrantenorganisationen ihrer Auswanderer unterstützen und ihnen helfen, den Kontakt zum Herkunftsland zu halten. Die mexikanische Regierung beispielsweise fördert Migrantenorganisationen in den Vereinigten Staaten, die sich entwicklungspolitisch in Mexiko einbringen möchten. Auch Marokkos Regierung hat erste Schritte unternommen und ein Ministerium, eine Regierungsorganisation und ein Programm geschaffen, die marokkanische Auswanderer unterstützen. Genug ist das aber noch nicht. Das Ministerium braucht eine kompetente Kontaktperson für hochquali­fizierte Migranten, die sich entwicklungsspezifisch engagieren wollen. Außerdem muss die Regierung die Entstehung stabiler, vertraulicher und aktiver Partnerschaften von Organisationen in Marokko mit denen von Migranten im Ausland unterstützen.