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Informelle Arbeit

Bessere Bildung und Qualifizierung

von Fabian Jacobs

Hintergrund

Informell Beschäftigte haben häufig viele Fähigkeiten: Schneiderinnen bei der Ausbildung im Senegal.

Informell Beschäftigte haben häufig viele Fähigkeiten: Schneiderinnen bei der Ausbildung im Senegal.

In Entwicklungs- und Schwellenländern arbeitet der Großteil der Bevölkerung im informellen Sektor. Frauen sind davon noch mehr betroffen als Männer. Entwicklungs­politisch stellt sich die Frage, wie informelle Arbeit für Frauen und Männer menschenwürdig und produktiv gestaltet werden kann und wie der Übergang in formelle Jobs erleichtert werden kann.

Weltweit arbeiten etwa 2 Milliarden Menschen in der informellen Wirtschaft, das sind mehr als 61 Prozent aller Erwerbstätigen. In Südasien und in Subsahara-Afrika hingegen sind es jeweils weit über 80 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Zum Vergleich: In den Industriestaaten beträgt der Anteil der informell Beschäftigten an der Gesamtbeschäftigung nur rund 18 Prozent.

Besonders häufig finden marginalisierte und bildungsferne Gruppen keine formelle Anstellung. Für sie bietet informelle Beschäftigung oftmals die einzige Möglichkeit, ein Einkommen zu erwirtschaften. Damit sichert die informelle Wirtschaft denen eine Existenzgrundlage und ein Überleben, für die keine formelle Arbeit verfügbar ist oder die keinen Zugang dazu haben. Darüber hinaus ist die informelle Wirtschaft für viele Jugendliche und junge Erwachsene, die über keine formelle Schul- und Berufsbildung verfügen, die einzige Möglichkeit, Arbeits­erfahrung und Kompetenzen zu erlangen.

Die informelle Wirtschaft birgt jedoch individuelle und gesamtgesellschaftliche Probleme. So sind informell Beschäftigte besonders armutsgefährdet. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Häufig ist die Produktivität in informellen Betrieben aufgrund des niedrigeren Ausbildungsniveaus und unzureichendem Zugang zu Kapital gering. In der Folge ist auch der Verdienst in informellen Jobs im Durchschnitt geringer und unsicherer als in formeller Arbeit. Weiterhin müssen sich informell Beschäftigte selbst gegen allgemeine Lebensrisiken wie Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit absichern, da sie keine soziale Absicherung durch den Arbeitgeber haben.

Dem Staat entgehen durch Informalität Steuereinnahmen, die gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern für die Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen dringend benötigt werden. Zudem sind die Möglichkeiten der staatlichen Kontrolle und Regulierung der informellen Wirtschaft begrenzt. Die Einhaltung arbeitsrechtlicher Standards („decent work“) kann daher nicht hinreichend gewährleistet werden (siehe Schwerpunkt „Formelle und informelle Arbeit“ im E+Z/D+C e-Paper 2017/10).

Global betrachtet, gehen mehr Männer als Frauen einer informellen Beschäftigung nach. In Entwicklungs- und Schwellenländern kehrt sich dieses Bild jedoch um. Gerade in Subsahara-Afrika sind Frauen überproportional häufig informell beschäftigt und finden sich oft in besonders prekären Arbeitsverhältnissen wieder. So arbeiten sie etwa als Hausangestellte oder als unbezahlt mitarbeitende Familienangehörige. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Mitunter spielen kulturelle Faktoren eine Rolle, die die freie Arbeitssuche von Frauen einschränken. Aber auch der ungleiche Zugang von Frauen und Mädchen zu Bildung und beruflicher Bildung sind von Bedeutung.


Von informeller zu formeller Arbeit

Entscheidende Faktoren, die einen Übergang von informeller zu formeller Beschäftigung erleichtern, sind zweifelsfrei Bildung und berufliche Bildung. Denn mit steigendem Bildungsniveau sinkt die Wahrscheinlichkeit, informell beschäftigt zu sein. Dieser Zusammenhang von Bildung und informeller Beschäftigung konnte durch mehrere Studien in allen Weltregionen nachgewiesen werden. Während weltweit über 90 Prozent aller Erwachsenen ohne formalen Bildungsabschluss einer informellen Arbeit nachgehen, betrifft das nur rund die Hälfte der Menschen mit Bildungsabschluss auf Sekundarniveau.

Verbesserte berufliche Kompetenzen steigern die Produktivität der informellen Betriebe sowie die Qualität von Dienstleistungen und Produkten. Dadurch kann Berufsbildung dazu beitragen, den Weg in die Formalität für Unternehmen zu ebnen. Weiterhin dient eine formale berufliche Qualifikation als Nachweis über Kompetenzen und Fähigkeiten und erhöht die Attraktivität für den formellen Arbeitsmarkt. Auch eine Teilnahme an weiteren Qualifizierungs- und Bildungsangeboten wird somit möglich.

Um mit beruflicher Bildung auch informell Beschäftigte zu erreichen, müssen für sie Angebote des öffentlichen Berufsbildungssystems zugänglich gemacht werden. Ausbildungszentren und Berufsschulen haben oft hohe Zugangsbarrieren, etwa Bildungsvoraussetzungen und Ausbildungsgebühren.

Ein weiteres Problem stellen die indirekten Kosten dar: Informell Beschäftigte können sich eine Vollzeitausbildung aufgrund der dadurch entstehenden Verdienstausfälle meist nicht leisten. Damit diese dennoch von Ausbildungseinrichtungen profitieren können, müssen diese Zugangsbarrieren abbauen und Angebote an die Bedürfnisse des informellen Sektors anpassen. Eine Möglichkeit sind Kurzzeit- oder Abendkurse, die nebenberuflich absolviert werden können und die den Vorkenntnissen und dem Qualifizierungsbedarf der Zielgruppe entsprechen.

Besonders für Frauen, die häufig neben ihren beruflichen Pflichten Arbeiten in der Familie übernehmen, haben flexible, non-formale Trainingsangebote ein armutsminderndes Potenzial.

Eine weitere Möglichkeit, berufliche Bildung inklusiver zu gestalten, besteht darin, die existierenden Lehrlingsausbildungen aufzuwerten. Die traditionelle Lehrlingsausbildung ist eine gesellschaftlich anerkannte und kulturell eingebettete Ausbildungsform in informellen Klein- und Kleinstunternehmen. Dabei arbeiten Lehrlinge an der Seite von erfahrenen Meisterinnen und Meistern und erlernen so die Grundlagen des jeweiligen Berufs.

Besonders in Subsahara-Afrika ist diese Form der Ausbildung weit verbreitet und teilweise sogar von größerer Relevanz als das öffentliche Berufsbildungssystem. Vor allem für Jugendliche aus benachteiligten Schichten bietet sie einen Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung. Diese bestehenden traditionellen Ausbildungssysteme zu fördern und anzuerkennen ist eine kostengünstige und effiziente Möglichkeit, Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern. Um die Lehrlingsausbildung an moderne Bedürfnisse anzupassen, kann etwa eine begleitende Teilnahme der Auszubildenden am Berufsschulunterricht sinnvoll sein.

Durch eine Anbindung an öffentliche Berufsbildungseinrichtungen profitieren Lehrlinge auch von der Vergabe formaler Abschlusszertifikate. Weiterhin trägt eine systematische Weiterbildung von Meisterinnen und Meistern des informellen Sektors zu einer Steigerung der Qualität von Lehrlingsausbildungen bei. Nach Möglichkeit sollte bei der Verbesserung der Lehrlingsausbildung eng mit lokalen Verbänden und Zusammenschlüssen der informellen Wirtschaft zusammengearbeitet werden. Damit Frauen ebenfalls Zugang zur traditionellen Lehrlingsausbildung bekommen, sollte auf gleichberechtigte Vergabe der Plätze geachtet werden.

Weiterhin können die Chancen von informell Beschäftigten durch die formale Anerkennung und Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen verbessert werden. In der Regel verfügen Menschen, die in der informellen Wirtschaft tätig sind, über ausgeprägtes Erfahrungswissen und praktische Fähigkeiten. Öffentliche Berufsausbilder sollten dies überprüfen und zertifizieren, um die Kompetenzen sichtbar zu machen. Dadurch wird nicht nur das Selbstbewusstsein der Beschäftigten gestärkt, sondern sie erhalten auch einen Nachweis ihrer Qualifikation und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.


Fabian Jacobs hat als Autor am „Toolkit Lernen und Arbeiten in der informellen Wirtschaft“ der GIZ mitgewirkt. Das Toolkit gibt einen Überblick über berufliche Bildung in der informellen Wirtschaft und stellt erprobte Ansätze aus der Praxis dar.
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