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Sexualisierte Gewalt

Entscheidung für das Leben

von Stefanie Keienburg, Godeliève Masakarasi

Meinung

“About 20,000 women bore the children of their rapists and are still raising them”: Women’s forum for mothers in Rwanda

“About 20,000 women bore the children of their rapists and are still raising them”: Women’s forum for mothers in Rwanda

Die unabhängige Organisation SEVOTA veranstaltet in Ruanda Foren für Frauen, die wegen einer Vergewaltigung im Völkermord Mütter wurden. Die SEVOTA-Vorsitzende Godeliève Mukasarasi erläutert im Interview die Lage der Betroffenen heute und wie deren Situation verbessert werden kann. Interview mit Godeliève Mukasarasi

Wo stehen Frauen heute, die während des Genozids vergewaltigt wurden?
Das ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, in welchem Ausmaß Frauen psychologische oder medizinische Unterstützung erhalten haben. Wichtig ist auch, wie ihr soziales Umfeld auf ihr Schicksal reagiert hat. Generell haben Frauen nach Kriegsende über die Vergewaltigungen geschwiegen, aus Scham, aus Angst vor Rache oder sozialer Ausgrenzung. Wie in vielen afrikanischen Ländern ist Vergewaltigung bei uns weitgehend tabu, eine vergewaltigte Frau bringt nach weit verbreiteter Ansicht Schande über Familien und Gemeinden. Viele Betroffene leiden unter schweren Depressionen. Hinzu kommen gesundheitliche Probleme, allen voran Aids. Mehr als zwei Drittel der Opfer von Massenvergewaltigungen wurden 1994 mit HIV infiziert.

Viele dieser Frauen wurden schwanger und leben heute mit Kindern ihrer Vergewaltiger.
Ja, und die Gegenwart der Kinder erinnert sie ständig an die erlebte Gewalt. Viele empfinden Hass und Ablehnung gegenüber ihren Kindern, aber auch Schuld. In ihren Familien stehen sie häufig ganz allein mit der Verantwortung für die Kinder. Falls sie verheiratet sind, tolerieren die Ehemänner die Kinder meist nur, wenn die Frau für sämtliche Kosten aufkommt, etwa für Schulgebühren und Essen. Selbst wenn die Mütter diese Kinder längst akzeptiert haben, bleiben diese eine große Last. Eine Frau erzählte mir, dass ihr Kind bei Mahlzeiten nicht mit am Tisch sitzen darf und nur die Essensreste bekommt.

Sie organisieren Foren für Frauen mit Vergewaltigungskindern.
Ja, denn die Frauen brauchen einen Raum für all die Tränen, die Trauer und auch die aufgestaute Wut. Unsere Beraterinnen hören den Frauen zu, geben ihnen die Chance, sich zu öffnen und Worte zu finden für das, was sie erlebt haben. Viele sprechen dort zum ersten Mal über ihre Erlebnisse während des Völkermordes. Und sie treffen oft erstmals auf andere Betroffene. Wir wollen, dass sie erkennen, dass nicht die Kinder Schuld an ihrem Leid haben. Und wir wollen ihnen Mut machen, ihren Söhnen und Töchtern die Wahrheit über deren Ursprung zu sagen. Das ist schwer, aber es hilft den Frauen langfristig, sich für das Leben zu entscheiden – auch für das ihrer Kinder.

Was passiert auf solch einem Frauenforum?
Während der zweitägigen Treffen haben Frauen die Möglichkeit zum individuellen Gespräch und zum Austausch mit den anderen Frauen. In Rollenspielen reflektieren sie ihre Situation und suchen Lösungen für aktuelle Probleme. Wir sprechen mit ihnen über ihre Gesundheit, ihre Rechte als Genozidüberlebende und Kindererziehung. Dass auch Kinder Rechte haben, ist vielen nicht bewusst. Zwischendurch bieten wir immer wieder Raum für Tanz, Lieder und Gebet. Die Frauen kommen meist aus einem Alltag voller Sorgen und Schwierigkeiten, da gilt es Stress abzubauen. Außerdem bringen wir ihnen eine beruhigende Massagetechnik bei, die sie selbst jederzeit anwenden können.

Was gibt den Frauen Kraft?
Die Begegnung und der Austausch mit Frauen, die ein ähnliches Schicksal teilen, sind äußerst heilsam. Viele dachten ja über Jahre hinweg, sie seien die Einzigen, die wegen einer Vergewaltigung Mutter wurden. Die Frauen leben über ganz Ruanda verstreut. Viele haben nie zuvor ihr Dorf verlassen. In der Gruppe verstehen sie ihre eigene Situation besser.

In welcher Situation befinden sich die Kinder dieser Frauen heute?
Sie sind heute 15 bis 17 Jahre alt. Sie nehmen bewusst wahr, was um sie herum passiert. Jahrelang haben sie Ablehnung und Diskriminierung gespürt, ohne die Gründe zu kennen. Fragen nach ihrer Herkunft wurden oftmals nur mit Schweigen, Ablehnung oder auch Gewalt beantwortet. Viele sind stark traumatisiert, manche auch suizidgefährdet. Einige wollen sogar ihre Väter kennen lernen, doch das ist in unserer Gesellschaft derzeit völlig unmöglich.

Vor welchen Herausforderungen steht Ihre Organisation?
Armut und fehlende Bildung der Frauen sind ein großes Problem. Viele Frauen können nicht lesen und schreiben. Dazu kommen die aktuelle Gewalt und Diskriminierung in den Familien. Darauf haben wir nur begrenzt Einfluss, auch wenn wir manchmal Hausbesuche machen und mit den Angehörigen sprechen. Eine weitere Herausforderung liegt darin, als Unterstützerin auf das eigene Wohlbefinden zu achten. Es ist nicht leicht, sich immer wieder auf den Schmerz der Anderen einzulassen. Man muss lernen, sich abzugrenzen.

Wie unterstützt der ruandische Staat diese Frauen?
Als Überlebende von Vergewaltigung erhalten manche der Frauen Geld aus dem staatlichen Kriegsopferfonds, ihre Kinder gehen jedoch leer aus. Da sie nach Kriegsende zur Welt kamen, zählt der Fonds sie nicht zu den Überlebenden. Das ist perfide. Viele könnten zur Schule gehen, wenn sie beim Schulgeld unterstützt würden. Seit Jahren fordern wir einen speziellen Entschädigungsfonds für diese Frauen und Kinder, doch bislang stellt sich die Regierung stur. Ein solcher Fonds müsste übrigens auch Vergewaltigungen berücksichtigen, die in der Zeit nach dem offiziellen Ende des Völkermordes von marodierenden Rebellen
verübt wurden.

Etliche Genozidtäter wurden mittlerweile verurteilt, auch wegen Vergewaltigung. Was bewirkt solche juristische Aufarbeitung?
Die Prozesse haben zur Aufklärung Tausender Verbrechen beigetragen und den Menschen in Ruanda geholfen, die Vorfälle von 1994 besser zu verstehen. Viele Menschen konnten danach ihre Toten lokalisieren und schließlich beerdigen. Entscheidend für die Überlebenden sexualisierter Gewalt war dabei jedoch etwas anderes: 1998 erreichten wir Frauenaktivistinnen, dass beim Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR) erstmals Kriegsvergewaltigungen als Völkermordhandlungen definiert wurden, fortan also als gezielte Strategie der Planer und Anstifter dieses Krieges verfolgt werden konnten. Zumindest im juristischen Sinne wurde damit die Schwere des Leids der Opfer anerkannt. Von den Urteilen haben sich die Überlebenden jedoch mehr versprochen, vor allem Entschädigung und Wiedergutmachung, doch dazu fehlt bis heute ein Gesetz. Außerdem sind noch längst nicht alle Täter verurteilt – zu viele laufen noch frei herum.

Um die nationalen Gerichte zu entlasten, wurde ein Großteil der Prozesse auf Gemeindeebene übertragen, zu den sogenannten Gacaca-Gerichten. Wie beurteilen Sie das?
Ohne die Gacaca-Gerichte wären niemals so viele Fälle verhandelt und so viele Täter verurteilt worden. Das ist ihr Verdienst. Aber es gab auch eine Reihe gravierender Mängel, es fehlte oft an effektiver Verteidigung und die Richter waren schlecht oder gar nicht ausgebildet. Manche waren auch mit den Tätern verwandt. Es gab gravierende Fehlurteile. Die Privatsphäre von Frauen, die über ihre Vergewaltigung aussagen wollten, wurde nicht geschützt. Obwohl die Verhandlungen fast immer hinter verschlossenen Türen stattfanden, war nachher das gesamte Dorf informiert. Viele Frauen fürchteten Stigmatisierung und schwiegen.

Welchen Beitrag leisten die Frauenforen zur Vergangenheitsbewältigung in Ruanda?
Jede dieser Mütter leistet einen immens wichtigen Beitrag zum Frieden und zum Versöhnungsprozess in Ruanda, indem sie sich mutig ihrem eigenen Schicksal stellt. In den Foren ermutigen wir die Frauen, ihr Leben trotz der Erfahrung entwürdigender und zerstörerischer Gewalt in die eigenen Hände zu nehmen und Frieden in sich selbst zu finden. Dieser innere Frieden ist für uns die Voraussetzung für gesellschaftlichen Frieden. Das schließt den Blick auf die Täter nicht aus und auch nicht auf bestehendes Unrecht. Unser Appell geht in Richtung Versöhnung.

Die Fragen stellte Stefanie Keienburg.